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Kommentar

Burkini vs Bikini: Die Angst vor der angezogenen Frau

In mehreren französischen Städten sind Burkinis verboten. In Deutschland gab es in einem Brandenburger Schwimmbad Beschwerden, als Frauen im Burkini baden wollten. Die Angst vor der angezogenen Frau ist vor allem eines: verlogen.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Mädchen im Burkini und im Bikini

Wer sind wir eigentlich, dass wir meinen beurteilen zu können, welche Frau unterdrückt wird und welche nicht?

Mal abgesehen von der Debatte über ein Burka-Verbot, die schon daran krankt, dass es in Deutschland eigentlich keine Burka-Trägerinnen gibt, wollen immer mehr Europäer muslimischen Frauen an den Stoff. Das lässt tief blicken.

Im Jahr 2016, im weltoffenen Deutschland, im toleranten Frankreich, mitten im aufgeklärten Europa werden Frauen beschimpft und angegriffen, weil sie zuviel Stoff auf der Haut tragen. Klingt absurd. Aber aktuell befinden sich tatsächlich Vertreter europäischer Demokratien auf dem Kreuzzug gegen Frauen im Burkini. So heißt der Ganzkörper-Badeanzug für strenggläubige Musliminnen, der aus dem gleichen Material ist wie unsere Badeanzüge, aber eben außer Gesicht, Händen und Füßen alles bedeckt.


"Angesichts der politischen Gesamtlage"

Auch in Ihrer Nähe: In einer Therme im Brandenburgischen Bad Saarow haben sich Gäste beim Bademeister über zwei Burkini-Trägerinnen beschwert, die daraufhin die Therme verließen. Er habe Verständnis für die Gäste, die sich "angesichts der politischen Gesamtlage" unwohl gefühlt hätten, sagte später der Betreiber.

Im französischen Cannes droht Frauen, die sich im Burkini an den Strand wagen, eine Strafe von 38 Euro. Dabei gehe es nicht darum, das Tragen religiöser Symbole am Strand zu verbieten, sondern "demonstrative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu terroristischen Bewegungen hinweist, die gegen uns Krieg führen", erklärte der Generaldirektor der städtischen Dienste, Thierry Migoule.

In der korsischen Gemeinde Sisco gingen junge Korsen und Mitglieder von drei Familien nordafrikanischer Abstammung mit Flaschen und Steinen aufeinander los. Es gab fünf Verletzte, drei Autos gingen in Flammen auf, und die Polizei rückte im Großaufgebot an. Auslöser sollen Frauen in Burkinis gewesen sein. Bürgermeister Ange-Pierre Vivoni kündigte kurz darauf für die Strände seiner Gemeinde ein Burkini-Verbot an. Weitere Städte in Frankreich haben bereits nachgezogen. 

Mehr Verlogenheit geht nicht

Debatte um "Burka-Verbot": Burka, Niqab oder Hidschab - wie sich muslimische Frauen verschleiern
Hidschab

Der Hidschab ist die am weitesten verbreitete Form der Verhüllung unter Muslima. Es handelt sich um ein Kopftuch, welches unter dem Kinn verknotet wird. Hidschab existieren zudem in verschiedensten Farben.

Glauben Menschen, die sich in Gegenwart einer Frau im Burkini unwohl fühlen, tatsächlich, dass diese womöglich eine Bombe unter dem Elastan versteckt?

Spaß beiseite: Wer sind wir, dass wir meinen, mit einem Blick beurteilen zu können, welche Frau unterdrückt wird und welche nicht? In Bad Saarow war eine der Töchter im Burkini unterwegs, die andere im Badeanzug. Ihre Kinder sollen selbst entscheiden, sagte die Mutter hinterher. Vielleicht nächstes Mal ins Gespräch kommen, bevor man sich beschwert? Reden soll ja helfen.

Nichts ist verlogener, als einer Frau im Burkini den Strand- oder Schwimmbadbesuch zu verwehren, die man gerade eben noch vor Unterdrückung und Ausgrenzung retten wollte.

Und eine Frage noch: Wie lautet Artikel 4 des deutschen Grundgesetzes? Ach ja: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet."

Und warum noch mal?