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Cadolzburg: Wie ein bayerischer Dekan seine Pfarrei für Flüchtlinge räumt

Kirchenchor und Seniorengruppe mussten Platz machen: Weil die Asylbewerberunterkünfte in Bayern überquellen, hat ein Dekan aus Mittelfranken seine Pfarrei kurzerhand für junge Flüchtlinge geräumt.

Dekan Andre Hermany steht in der Pfarrei St. Otto in Cadolzburg vor Matratzen für junge Asylbewerber.

Dekan Andre Hermany steht in der Pfarrei St. Otto in Cadolzburg vor Matratzen für junge Asylbewerber.

Der Fußball kracht gegen das Tor, drei junge Flüchtlinge spielen in der Pfarrei St. Otto im mittelfränkischen Cadolzburg. Andere stehen im Eingang und versuchen, ihre Handys in Gang zu bringen. Wo sich sonst Seniorengruppen treffen oder der Kirchenchor probt, liegen jetzt etwas mehr als 30 Matratzen. Hinter dem Haus steht ein Duschcontainer. Mitten in dem Gewusel steht Dekan André Hermany, abwechselnd mit dem Handy am Ohr oder einem Schrubber in der Hand. Der 57-Jährige hat Anfang der Woche seine Pfarrei geräumt und Platz für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gemacht.

Mit dem wachsenden Zustrom von Asylbewerbern kommen auch immer mehr Minderjährige in Bayern an. Die Unterkünfte reichen längst nicht mehr. Daher sagte sich Hermany: "Weihnachten ist jetzt - wir müssen die vielen Flüchtlinge bei uns willkommen heißen." Seitdem wirbelt er durch seine Pfarrei, organisiert Kleidung, Essen, eine Duschmöglichkeit und Zelte.

Kostenlose Lebensmittel, ehrenamtliche Helfer

"Ich bekomme eine riesige Welle von Hilfsangeboten", erzählt er und zeigt die prall gefüllte Kleiderkammer und Kisten mit Schokolade. Ein Supermarkt beliefere die Pfarrei kostenlos mit Lebensmitteln. Mehrere Dutzend ehrenamtliche Helfer unterstützten ihn. "Alle sind bereit, etwas zu tun." Ärzte helfen freiwillig. Ein Internist hat seine Praxis während seines Urlaubs geöffnet. Manchmal scheint Hermany selbst überrascht, wie schnell und unbürokratisch geholfen wird. "Im Moment brauche ich keine Kleidung mehr. Ich sage den Leuten immer, sie sollen mir die Sachen in zwei Wochen nochmals anbieten." Denn wie lange die Jugendlichen im Pfarrhaus bleiben, ist noch völlig unklar.

"Die Jugendlichen sind so dankbar für alles. Sie sagen fünfmal Danke, nur weil du ihnen eine lange Hose gibst, die passt", erzählt Broek. Berührungsängste gebe es keine. "Das Kreuz bleibt im Pfarrsaal hängen", sagt Hermany - und das störe auch niemanden. Für die oft muslimischen Jugendlichen habe man das Mittagessen etwas verschoben, damit sie vorher in Ruhe beten können.

"Meine Eltern sind vor meinen Augen erschossen worden"

Hermany geht herzlich mit den Jungen um, fasst sie an der Schulter und übt Deutsch mit ihnen. "Die wollen das lernen. Die sitzen hier alle wie in der Schule." Aber er hat ein paar Regeln aufgestellt wie etwa ein absolutes Rauchverbot. Mit "Hallo Chef" begrüßen die Jugendlichen ihn und helfen, wo sie können. Während der 57-Jährige spricht, schiebt er das Wasser einer großen Pfütze in einen Abfluss. Sofort kommt einer der Jugendlichen und nimmt ihm die Arbeit ab.

Die Jugendlichen sind zwischen 13 und 17 Jahren alt und kommen etwa aus Syrien, Somalia, Äthiopien, Afghanistan oder Nigeria. Ein Junge aus dem Iran berichtete Hermany: "Meine Eltern sind vor meinen Augen erschossen worden. Ich bin nur noch gerannt."

Auch ein Jugendlicher aus Algerien erzählt eine schreckliche Geschichte: Das Haus seiner Familie sei zerstört, sein Vater getötet worden; ein Onkel, zu dem er nach Nigeria geflüchtet sei, sei von einer Bombe getötet worden, erzählt der 17-Jährige in brüchigem Englisch. Nach dem Krankenhausaufenthalt habe eine Odyssee begonnen, über Libyen - wo er wegen illegalen Aufenthalts acht Monate im Gefängnis gesessen habe -, das Mittelmeer und Italien bis nach Deutschland: "Ich weiß gar nicht, wie ich das überstanden habe."

Drei Clearingstellen in Bayern

Ähnliche Geschichten erzählen die anderen Jugendlichen. Viele kamen in kleinen Booten über das Mittelmeer. Einige sind traumatisiert. Der Sozialpädagoge Joachim Dorweiler sagt: "Die Wege, auf denen die hierherkommen, sind oft finster. Und hier geht die Verschieberei lustig weiter. Das dauert, bis die mal zur Ruhe kommen."

Auch in der Pfarrei können die Jugendlichen nur wenige Tage bleiben. Dann geht es weiter in eine der drei sogenannten Clearingstellen in Bayern. Dort werden die Flüchtlinge auf ein Leben in Deutschland vorbereitet. Danach werden sie auf Jugendschutzeinrichtungen in den Landkreisen verteilt oder - im besten Fall - eine Pflegefamilie.

Unbegleitete Flüchtlingskinder müssen besonders betreut werden. Die Jugendlichen kommen daher auch nicht in eine normale Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber. Es muss einen geregelten Tagesablauf geben und Deutschunterricht. Lehrer im Ruhestand und ein anstellungsloser Pädagoge haben Hermany ihre Hilfe angeboten.

Der hofft, dass sein "Pilotprojekt" ein Beispiel wird für andere. Und dann fällt ihm doch noch ein, was er gebrauchen könnte: Regenschirme und Würfelzucker, Honig, helle Marmelade und Nutella. "Das geht hier weg wie die Sau", sagt der Dekan. Die Jugendlichen liebten Süßes.

Cathérine Simon/DPA / DPA
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