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Raus aufs Land: Einfach leben – ein Besuch bei Wintercampern

Aus der Stadt aufs Land, aus der Wohnung in den Wagen: Auf dem Campingplatz zu leben, ist für manche das Paradies - auch im Winter. Ein Besuch in Klein Rönnau bei Bad Segeberg.

Camping im Winter: Sie leben den Traum vom einfachen Leben

Still ruht der Schnee: der Campingplatz in Klein Rönnau bei Bad Segeberg. Lars und Benny erleben auf engstem Raum die schönste Zeit.

Mag ja sein, dass der Winter in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen noch nie so grau war wie dieser. Für Lars und Benny aber ist er der bisher schönste ihres Lebens. Weil sie in einen Wohnwagen gezogen sind. Und endlich ihren Traum leben. Raus aus der Stadt. Rein ins Vergnügen.

"Optima de Luxe" heißt ihr neuer Schatz. Er misst sieben Meter fünfzig in der Länge und zwei Meter vierzig in der Breite. Hinten zwei Betten mit Schweinchen-Kissen, vorn ein Tisch mit Polsterbänken zum Sitzen, in der Mitte eine Spüle mit Panoramablick aufs Vogelhäuschen. Die Frau Amsel ist da, die Meisen, die Kehlchen, der Kleiber; darunter mümmeln Kaninchen. Benny kann sich gar nicht sattsehen an dem Auf und Ab und all dem Flattern. Und Lars strahlt über beide Backen: "Wir hätten es nie für möglich gehalten, dass wir uns auf so engem Raum so gut verstehen. Wir lieben es, hier zu sein."

Hecht im Wasser, Hering vorm Zelt

Die beiden Verkäufer haben den Blick auf Backstein in Hamburg gegen den auf Bäume in Schleswig-Holstein getauscht. 57 Quadratmeter in der Stadt gegen 200 Quadratmeter auf dem Land. Der Platz ihrer Träume, er liegt kurz hinter Bad Segeberg, wo im Sommer Winnetou reitet und Möbel Kraft im Herbst auf seinem Kundenparkplatz das achtgrößte Oktoberfest der Welt feiert. Wenn man vorbei ist an all dem Rummel, an den Versprechen von noch mehr noch billiger, am dänischen Bettenlager und Aldi und Lidl und dem Futterhaus für Katze und Co., dann lockt rechts der Bundesstraße ein Feldweg. Dichte Hecken säumen den Pfad, bis links hinter einem Parkplatz das Paradies beginnt. Die große Freiheit von Klein Rönnau.

Es sind Abenteurer, die es in diese nahe Ferne zieht, Freigeister, die weder Sturm schreckt noch Dauerregen. Ist ja nicht immer so, dass der Schnee leise rieselt und dicke Flocken das graue Grün weiß pudern. Der Winter sich in ein gemütliches Schweigen hüllt und es sich beim Ruf des Waldkauzes so wohlig kuscheln lässt. Und dass unten am Wasser auf kahlen Stämmen die Fischreiher stehen. Sieht erhaben aus im Nebel.

700 Menschen leben hier, in Zelten, Wagen und mobilen Heimen. Die meisten nur im Sommer; aber immer mehr auch im Winter. Es gibt nicht viele Campingplätze, auf denen das möglich ist. Die man zu seinem ersten Wohnsitz erklären kann. An die man sich Kühlschränke und Öfen schicken lässt. Und dabei doch ein herrlich einfaches Leben lebt. Zwischen Fleischgrill und Fischreiher, dem Hecht im Wasser und dem Hering vorm Zelt.

Michael verwöhnt seine Rinderherde mit Brötchen

Michael verwöhnt seine Rinderherde mit Brötchen

Wer hier wohnt, will weg von Pose und Parole. Dem Stress auf den Straßen und dem Gebläse der Stadt. Hier weht ein frischer Wind, auch wenn manche zum Kopflüften noch ein wenig Zeit brauchen. Cedric, zum Beispiel, ist in seinem 1000-Euro-Camper auf Sinnsuche: Er würde gern den Platz zu einem Heilort machen und mit vielen lieben Menschen Bäume umarmen. Eine Ausbildung zum Ergotherapeuten hat er abgebrochen, Erleuchtung interessiert ihn, Jesus und Buddha und all die anderen Lichtkörper. Sein Vater ist Polizist und zahlt einstweilen; zweimal schon sind sie gemeinsam den Jakobsweg gegangen, mal sehen, was noch alles kommt. Cedric heizt nur alle drei Tage und geht auch im Winter in den See. Mit seinen 23 Jahren träumt er von Reinkarnation wie 300 Meter weiter Stefan, 55, von der Rente.

Jürgen, der Klempner von nebenan, hat die schon durch; seinen Wohnwagen taucht er abends in grünes Glitzerlicht. Die anderen Nachbarn überwintern in Spanien, eine ehemalige Krankenschwester erholt sich dort vom Burnout. Stefan meint, hier hinten, in seiner Ecke vom Platz, sei er so ziemlich der Einzige, der noch arbeitet. Er kennt den Süden von seinen früheren Touren als Fernfahrer, als er Sattelauflieger nach Barcelona zog und Stahlrohre lieferte nach Saragossa. "War 'ne geile Zeit", sagt er. Er hatte auch mal zwei Harleys und in London einen Schwager, der im "Ritz" arbeitete. Und kennt das Gefühl, von 4000 Euro netto plötzlich auf Hartz-IV-Niveau zu sinken. Jetzt fährt er Kies. Und einen Golf.

17 Quadratmeter müssen reichen

Wer in Klein Rönnau wohnt, räumt auf mit seinem Leben. Fragt sich, was wirklich wichtig ist. Ob man gegen oder für irgendwas lebt. Selbst bestimmt oder sich bestimmen lässt. Sein eigenes Ding machen: Das geht ganz gut, wenn man nicht mehr in der Stadt ist, wo man immer mehr Geld für eine Wohnung bezahlt, die man dann kaum nutzen kann, weil man so viel arbeiten muss dafür. Dann doch lieber eine Parzelle, die mit 100-Quadratmetern im Jahr um die 1400 Euro kostet, Wasser inklusive. Und einen guten gebrauchten Campingwagen für 3000 Euro.

In Klein Rönnau darf ein jeder nach seiner Fasson glücklich werden

In Klein Rönnau darf ein jeder nach seiner Fasson glücklich werden

Weniger ist mehr, das sagen sie alle auf dem Platz. Hier bekommt man eine Ahnung, wie Deutschland tickt, ein Miniatur-Wunderland erzählt große und kleine Geschichten. Von Menschen, die das Staunen nicht verlernt haben.

Die von Kai Ole zum Beispiel. Er hat nur noch fünf Tassen im Schrank. Und erst seit Kurzem mehr Hosen als Wohnwagen. Ihm gehören drei, keiner kostete mehr als 1000 Euro. Einer steht bei seinen Eltern, der andere auf seiner Parzelle und im Weg, im dritten wohnt er. Aber der würde auch verschwinden müssen, wenn sein neues Haus fertig ist, das er sich gerade aus Holz und Hanf zurechtzimmert. 17 Quadratmeter soll es groß werden, das muss reichen. Kai Ole will in Zukunft nur noch 100 Dinge besitzen. Der gelernte Kaufmann ist 23 Jahre alt und Minimalist. In der Woche verkauft er Tierfutter, nach Feierabend pflegt er Fischbecken. Ihn beschäftigt, was er wirklich braucht, um sich wohlzufühlen. Auf Fleisch verzichtet er, Strom spart er. Kai Ole kann auch Kälte ab. Sein Glück hängt nicht an einer Steckdose.

Labradorhündin Fubi darf das Bett von Herrchen Michael benutzen. Bald bekommt sie einen eigenen Wohnwagen

Labradorhündin Fubi darf das Bett von Herrchen Michael benutzen. Bald bekommt sie einen eigenen Wohnwagen

Er hat früh eine Entscheidung getroffen, für die andere viele Jahre brauchten. Herbert, 68, und seine Frau fuhren bestimmt 50 Plätze ab. Die Ostsee rauf, die Nordsee runter, sie schauten im Schwarzwald, sie suchten in Holland. Nach einem Gang um den großen See wurden es 40 Quadratmeter hinter einer Hecke in Klein Rönnau. Zu schön hier, und schön auch, dass die Autobahn nicht weit ist. Zwei große Häuser und viel Fahrerei sind bald Geschichte; im Mai blüht der Raps, und im Herbst kommen die Möbel und die anderen frischen Rentner. Herbert und seine Frau brauchen dann nur noch einen großen Raum und einen kleinen mit einem Klappbett, wegen des Schnarchens. Und hoffen nach viel Haben auf mehr Sein.

Jutta von nebenan geht es ähnlich. 20 lange Jahre kümmerte sie sich in Wohngruppen um Kinder und Jugendliche; nun meint die dreifache Mutter, es sei Zeit, ihre eigenen Bedürfnisse besser kennenzulernen. Sie träumt von einem kleinen Bullerjan, einem Kaminofen, hinter dessen Glas das Holz so gemütlich knistert im Winter. Aber da ist Evi vor.

Mittagsruhe und Hühnerverbot

Evelin Erdmann, 57, die Besitzerin des Platzes. Zu der alle Evi sagen. Eine resolute, sinnenfrohe Frau mit herrlich norddeutsch-schnoddriger Schnauze: "Die Welt ist bunt, und auf dem Platz auch."

Platzchefin Evi ist Hüterin der Träume. Sie schaut, dass keiner zu kurz kommt

Platzchefin Evi ist Hüterin der Träume. Sie schaut, dass keiner zu kurz kommt

An Evi und ihrer Schranke muss vorbei, wer in Klein Rönnau am See sein will. So oft wie in den vergangenen Monaten habe sie noch nie Nein sagen müssen, erzählt sie mit rauchschwerer Stimme. Nun will auch noch eine Unternehmerin auf Evis Grundstück eine ökologische Mustersiedlung aus kleinen Häusern errichten, sie soll "Tinyby" heißen und von einer noch zu gründenden Stiftung getragen werden. Aber erst mal müssen über zwei Millionen Euro für ungefähr zehn Hektar Land aufgebracht werden. So richtig begeistert ist die Bauerstochter von der Idee nicht, zum Thema Komposttoilette, zum Beispiel, hat sie nach der Renovierung ihrer Sanitäranlagen erst mal keinen Zugang. "Ich bin Campingplatz", sagt sie. "Die Menschen verändern sich, der Platz bleibt, wie er ist." Mit Mittagsruhe von eins bis drei und Fahrverbot von zehn Uhr abends bis morgens um sieben. Ohne Gewächshäuser und Hühner im Garten, "wir sind weder Zirkus noch Streichelzoo". Alle paar Wochen schickt sie den Falkner über den Platz, Kaninchen zu jagen; die Maulwurfhügel macht ein Trecker mit der großen Kette platt.

Vor 56 Jahren entdeckte ihr Vater, dass mit der Freizeitgesellschaft mehr Geld zu machen ist als mit Fruchtfolge. Die ersten Familien kamen mit Zelten, die nächsten zogen schon Wagen. 1999 beschloss Evi, das Geschäft zu professionalisieren und 25 Hektar Pferdekoppeln in Parzellen zu teilen. Sie gibt jedem eine Chance, der ihr nicht blöd kommt. Vom Totengräber bis zum Physikprofessor. Alles schon gehabt.

Ihr Herz ist groß, aber ihre Geduld nicht unendlich. Einen Campingwagen ließ sie vor die Schranke ziehen, weil sein Besitzer mit einem Brecheisen Aliens unter Steinplatten suchte und die Waschgelegenheiten demolierte. Und Millionen-Mike, eigentlich ganz nett, aber eben ein Spieler, warf sie raus, als er Bauholz an ihre Adresse bestellte und Flüssiges von Getränke Hoffmann.

Wann man seine Wäsche reinholt, muss jeder selbst wissen

Wann man seine Wäsche reinholt, muss jeder selbst wissen

Wer in ihrem OP-Ordner landet, steht unter Beobachtung. OP wie Offene Posten; das sind Mietnomaden oder arme Schlucker. Noch zieht Evi ein paar von ihnen durch, aber sie werden weniger. Früher kamen vor allem Leute ohne Geld, jetzt kommen viele, die es sich leisten können, wenig zu besitzen. Millionäre kennt Evi auch.

Sie hütet auch deren Träume, sie wahrt den Frieden. Denn die Freiheit des einen hört immer dort auf, wo sie einen anderen stört. "Absolute Freiheit", sagt sie, "gibt's eh nur im Kopf."

Es soll sich jeder auf dem Campingplatz wohlfühlen

Der Michael wird das noch lernen müssen. Er ist neu hier. Aber macht schon jede Menge Wirbel. "Hyperaktiv" nennt Evi das. Michael hat sich Rinder angeschafft. Die gackern wenigstens nicht. Evi hat nichts dagegen. In schlabbernd schwarzer Hose steht er auf einer Wiese hinter seinem Wohnwagen und füttert seine "Mädels" mit Brötchen aus einem Alukoffer. Höchstens zwei für jede, sonst blähen sie. Michael mag Tiere mittlerweile mehr als Menschen. "Ich will nur noch meine Ruhe", sagt er. "Und liebevolle Dinge tun." Er hat sein Geld mit Umzugsunternehmen verdient. Aber nun will er sich einen Kindheitstraum erfüllen: Tiere züchten. Neben den Rindern auch Hunde. Sein Labrador Fubi ist schwanger und bekommt bald einen eigenen Wohnwagen. Und sein Grundstück einen Zaun.

Cedric ist die jüngste Erscheinung in Klein Rönnau. Manchmal trägt er einen Ganzkörperstrampler gegen die Kälte

Cedric ist die jüngste Erscheinung in Klein Rönnau. Manchmal trägt er einen Ganzkörperstrampler gegen die Kälte

Aber es wäre besser, Michael würde erst mal seinen Rindern einen neuen spendieren. Die wollen auch manchmal umziehen und irrten jetzt schon zweimal durch weiße Winterlandschaft. Evi hat das im Blick. "Vielleicht wäre für ihn ein Resthof besser", sagt sie. Aber noch hält der Frieden. Es soll sich schließlich jeder auf ihrem Platz wohlfühlen, zwischen Propangas und Vorzelt. Und kein Traum den anderen niedertrampeln.

Lars und Benny wohnen unterhalb der Rinder. Michael hat sich schon bei ihnen entschuldigt, weil er mal seine 5000-Euro-Bose-Anlage zu laut aufgedreht hatte; er konnte ja nicht ahnen, dass die Nachbarn morgens um halb fünf rausmüssen, nach Hamburg zur Arbeit.

Manchmal trägt Cedric auch gar nichts – dann geht es nackig in den See

Manchmal trägt Cedric auch gar nichts – dann geht es nackig in den See

Die beiden freuen sich auf den Frühling, wenn die Rosen blühen, leicht parfümiert, ihr Duft. Von März bis Oktober werden sie wieder mehr draußen als drinnen sein und den Sternenhimmel genießen. Um den See laufen und Pfunde verlieren. Das Knabenkraut bewundern und Ringelnattern, wie sie Frösche jagen. Und mit jedem Monat werden sie mindestens 400 Euro sparen, weil sie hier für mehr Leben weniger zahlen. "In der Stadt", sagt Lars, "ist doch jeder nur noch eine Kuh, die gemolken wird."

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