HOME

Canisius-Kolleg in Berlin: Missbrauch, Wegschauen, Schweigen

Wie kann es sein, dass der sexuelle Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg erst 30 Jahre später bekannt wurde? Und was hat die katholische Kirche damit zu tun? Über eine Schule im Schockzustand.

Von Lutz Happel

Es werden immer mehr. Zunächst waren es sieben ehemalige Schüler, die berichteten, sie seien sexuell missbraucht worden. Nun haben sich 15 weitere gemeldet. Der jetzige Rektor, Pater Klaus Mertes, spricht davon, dass der Missbrauch "systematisch" gewesen sei. Damals, von Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre. Die mutmaßlichen Täter: zwei Lehrer - Jesuiten, Gottesmänner. Sie wurden nie bestraft. Wie ein Hohn klingt inzwischen der erste Grundsatz, dem sich die katholische Privatschule verpflichtet führt: "Jesuitenschulen sollen Orte sein, an denen die Schülerinnen und Schüler ihre Würde als Mensch erfahren".

Nichts gehört, nichts gesehen, nichts bemerkt? Dietrich Pfahl war von 1977 bis 1980 Rektor des Kollegs. Er sagt zu stern.de: "Vielleicht war ich damals zu blauäugig, denn ich hätte niemals gedacht, dass so etwas möglich wäre. Ich fürchte, dass man leider erst in den letzten zehn Jahren in dieser Hinsicht sensibler geworden ist." Der ehemalige Schüler Helge Sodann, heute Professor für Öffentliches Recht an der Freien Universität Berlin, sagt: "Ich habe davon überhaupt nichts mitgekriegt, nicht einmal gerüchteweise. Damals war ich stellvertretender Schülersprecher und da wäre es meine Aufgabe gewesen, den Rektor über so etwas zu unterrichten."

Missbrauch während der Nachmittagsbetreuung

Nur einer der Ehemaligen lässt durchblicken, er habe zumindest geahnt, dass etwas nicht stimmte: der Journalist Johnny Häusler. Auf seinem Blog Spreeblick schreibt Häusler, er habe lange nach seiner Schulzeit von Ex-Mitschülern erfahren, dass es zu Missbrauch während der Nachmittagsbetreuung gekommen sein soll. Es tue ihm heute leid, dass er und seine Freunde damals "nur blöd kicherten und das Thema beiseite schoben".

Nun, 30 Jahre nach den Taten, drängt das Thema mit Wucht an die Öffentlichkeit und wirft einen großen, schwarzen Schatten auf das Gymnasium. Pater Mertes, der Rektor, hat sich - was in der katholischen Kirche nicht selbstverständlich ist - an die Spitze der Aufklärer gesetzt. Und er hat einen ersten Befund formuliert, der so schmerzlich wie wahr zu sein scheint. "Die Schüler [die ihm nun von den sexuellen Übergiffen berichteten, Red.] haben mir glaubwürdig die damalige Institution als eine wegschauende Institution beschrieben. Das Wegschauen beginnt immer in dem Moment, wo Sie etwas hören und sich entscheiden 'Ich will das gar nicht wissen'."

Opfer schicken eigene Kinder an das Kolleg

Mertes geht einen anderen Weg. Nachdem sich ihm zwei Schüler offenbart hatten, schickte er einen Brief an alle Ehemaligen aus dieser Zeit und bot Gespräche an. Erst dadurch begann das Ausmaß der Verbrechen Kontur anzunehmen. Mertes ist es auch, der nun die Öffentlichkeit informiert, der das Grauen thematisiert, der das glänzende Image seiner Schule, die als Elitenschmiede gilt, nicht durch Vertuschung zu schützen versucht. Und so werden auch irritierende Erkenntnisse wie diese bekannt: Einige der Opfer haben später ihre eigenen Kinder an das Canisius-Kolleg geschickt. Das bestätigt Ursula Raue, Rechtsanwältin und Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle von sexuellem Missbrauch.

Allein die Tatsache, dass es eine solche Beauftragte gibt, zeigt, dass die katholische Kirche das Problem ernster zu nehmen beginnt. Zuviel ist in den vergangenen Jahren publik geworden. Im Juli 2008 wurde der Fall eines 64-jährigen Domkapitulars aus Bamberg bekannt, der mindestens zehn Kinder aus einem Schülerwohnheim sexuell missbraucht hatte. Der Mann kam nie vor Gericht, weil seine Taten, begangen zwischen 1978 und 1984, verjährt waren. Ein bayerischer Priester, der gestand, sich in den 70er Jahren an 16 Internatsschülern vergangen zu haben, verlor zwar sein Priesteramt, ging aber ebenfalls straffrei aus. In Irland ermittelte 2009 eine Sonderkommission sexuellen Missbrauch bislang unbekannten Ausmaßes in katholischen Einrichtungen. 12.000 Opfer, die zwischen den 30er und 90er Jahren Missbrauch erlitten, wurden mit mehr als einer Milliarde Euro entschädigt.

Vermutlich sind die Taten verjährt

Wie die juristische Behandlung der zwei verdächtigen Canisius-Lehrer ausgeht, ist offen. Einer soll bereits gestanden haben. Das Landeskriminalamt ermittelt, aber vermutlich sind auch diese Taten verjährt. Sie können nur 20 Jahre nach Vollendung des 18. Lebensjahres der Opfer geahndet werden. Die Betroffenen haben zu lange geschwiegen - aus Scham, aus Angst, weil sie das Grauen verdrängt haben, es gibt eine Reihe psychologischer Motive dafür. "Viele Opfer sind erst viel später in der Lage, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Nun mögen manche Leute denken, dass jemand so etwas im Alter von 30 Jahren reflektieren kann. Es können aber nicht alle", sagt Rechtsanwältin Raue zu stern.de. Besonders schwierig ist es für jene, die eine emotionale Beziehung zum Täter hatten. Die Grenze zwischen Zuneigung und Übergriff eines Pädagogen, Paters oder Onkels verläuft oft fließend.

Das Canisius-Kolleg, nach dem ersten deutschen Jesuiten Petrus Canisius bennant und kurz "CK" genannt, liegt im edlen Botschaftsviertel am Berliner Tiergarten, zwischen den Vertretungen Japans und Saudi-Arabiens. Es entstand aus der seit 90 Jahren andauernden Lehrtätigkeit des Jesuitenordens in Berlin, die nur von den Nazis für einige Jahre unterbrochen wurde. Das Hauptgebäude ist schlicht, grau und massig, am Freitagnachmittag sind die Türen verschlossen, Schneeflocken treiben über den Hof. Es war der letzte Schultag vor den einwöchigen Winterferien.

Ruhe wird gleichwohl nicht einkehren. Denn Rektor Pater Mertes hat die Vorgänge zum Anlass genommen, Fragen zu formulieren, die seine Schule weiter beschäftigen werden - und seine Glaubensgenossen in aller Welt womöglich auch. "Die Missbrauchsfälle - nicht nur hier, sondern auch die der vergangenen Jahre - stellen eine schwergewichtige Frage an die katholische Kirche", sagt Mertes. "Nämlich, ob sie Missbräuche begünstigt, durch ihre Kultur, durch ihr System."

Mitarbeit: Lutz Kinkel