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Christoph Feurstein: "Natascha ist nicht Paris Hilton"

Er kennt Natascha Kampusch wie kaum ein Zweiter: Der ORF-Journalist Christoph Feurstein trifft das Entführungsopfer regelmäßig. Ein Jahr nach dem Ende ihrer Gefangenschaft berichtet Feurstein im stern.de-Interview, wie Natascha versucht, ins wirkliche Leben zurückzufinden.

Herr Feurstein, am 20. August zeigen das ORF und RTL Ihre Dokumentation "Natascha Kampusch - Ein Jahr danach". Wie hat sich Ihr Kontakt zu Kampusch seit ihrem Auftauchen entwickelt?

Wir haben seit August 2006 den Kontakt aufrechterhalten. Wir treffen uns alle ein bis zwei Wochen zum Kaffeetrinken. Jetzt, vor den Dreharbeiten zu der neuen Dokumentation, natürlich öfter.

Über was sprechen Sie mit ihr bei den Treffen?

Natascha Kampusch berichtet darüber, wie sie ihr Leben organisiert. Vor allem die Schule beschäftigt sie sehr. Sie bekommt Privatunterricht, der sich ganz nach ihren Wünschen und Bedürfnissen und nach ihrem Lerntempo richtet. Zudem möchte sie in eine neue Wohnung ziehen. Das muss nun organisiert werden. Es wurde jetzt auch ein Zehnjahresplan für sie aufgestellt, der auch ihre finanzielle Zukunft regelt. Denn es ist nicht absehbar, dass Natascha Kampusch in den nächsten Jahren einen Job aufnehmen kann. Sie will jetzt erstmal den Hauptschulabschluss machen, dann die Matura (das österreichische Abitur, Anm. der Red.) und dann vielleicht studieren. Aber zunächst einmal muss sie psychisch stabiler werden.

Das ist sie noch nicht?

Sie ist mehrmals in der Woche in therapeutischer Behandlung. Es ist nach wie vor alles ziemlich ungewohnt für sie. Sie hat ein sehr turbulentes Jahr hinter sich. Sie musste mit dem Medienrummel umgehen, sie musste sich neu in die Familie einfinden und sich daran gewöhnen, Menschen zu treffen. Das wird aber schon besser. Sie hat keine Angst mehr davor. Sie gibt sich mittlerweile ganz normal in der Masse, ohne Panik zu bekommen.

Spricht sie über acht Jahre mit Wolfgang Priklopil?

Ja, immer mal wieder. Sie erzählt mir aber vieles im Vertrauen, deshalb möchte ich darüber nicht berichten. Nur so viel: Sie hat ein Talent, Dinge in sich abgeschlossen zu sehen. Sie sagt, diese acht Jahre seien ein Teil ihres Lebens, den sie nie wird vergessen und nie wird streichen können. Diese Zeit betrachtet sie als abgeschlossen. Es fällt ihr eigentlich auch nicht schwer, über die Gefangenschaft zu sprechen. Dennoch gibt es Aspekte dieser Zeit, über die sie nicht reden will, die sie für sich behalten will. Auch glaubt sie, dass sowieso niemand wirklich versteht und begreift, was ihr da passiert ist.

Sie haben den Fall jahrelang verfolgt, nun ständig den Kontakt gehalten. Sie kennen Natascha Kampusch sehr gut. Sind Sie Mr. Kampusch?

In Deutschland nimmt man wahrscheinlich nur meine Arbeit mit ihr wahr, in Österreich beschäftige ich mich als Reporter und Moderator wöchentlich mit anderen gesellschaftspolitischen Themen. Zu ihr habe ich eine journalistische Beziehung. Wir sind nach wie vor per Sie. Ich bin auch kein Freund, und ich habe mich nie als ein solcher bei ihr angebiedert. Aber Natascha Kampusch hat Vertrauen zu mir als Journalist. Sie weiß, ich werde sie nicht verraten und sie und ihre Grenzen respektieren. Ihr fällt es verständlicherweise wahnsinnig schwer, Menschen zu vertrauen, und das wird noch lange dauern.

Aber man merkt schon, dass diese Geschichte für Sie auch eine emotionale und persönliche Komponente hat.

Klar. Bei so einer Geschichte und wenn man sich so intensiv mit einem Menschen beschäftigt, wird es immer auch persönlich. Wir haben einfach von Anfang an einen guten Draht zueinander gefunden.

Natascha Kampuschs Auftauchen vor einem Jahr hat monatelang für Schlagzeilen gesorgt. Das Medieninteresse war riesig. Wie bewerten Sie rückblickend Ihr persönliches Verhalten?

Ich finde, wir vom ORF haben uns richtig verhalten: Wir haben punktuell Sendungen zu Natascha Kampusch gemacht. Anfangs natürlich das große erste Interview mit ihr. Dann haben wir monatelang nichts gesendet. Um Weihnachten herum bestand Aufklärungsbedarf, da in den Wochen davor viele Unwahrheiten und Spekulationen über sie verbreitet wurden. Wir haben deshalb eine Dokumentation gezeigt. Dann haben wir wieder monatelang nichts gemacht und bringen jetzt noch mal eine Dokumentation.

Und wie beurteilen Sie das Verhalten Ihrer Kollegen?

Ich fand vieles nicht in Ordnung. Das meiste von dem, was in den Monaten danach über Natascha Kampusch berichtet wurde, kam nicht von ihr selber. Sie wollte nicht mehr in den Medien auftauchen. Trotzdem wurden viele Spekulationen verbreitet. Auch der stern hat ihr mit der Geschichte über die Skiausflüge geschadet.

Aber der stern hat nur über den Stand der Ermittlungen berichtet und keine Spekulationen verbreitet.

Man kann darüber schon schreiben. Aber durch den Artikel ist der Eindruck entstanden, dass alles gar nicht so schlimm war. Dabei stand Natascha Kampusch unter hohem Druck. Denn ihr Entführer hat ihr immer gedroht, sich selber, Natascha und alle, die sei um Hilfe bittet, umzubringen

Kürzlich hat die Bild-Zeitung Disko-Bilder von Natascha Kampusch und ihrem angeblichen Freund veröffentlicht. Wie hat sie darauf reagiert?

Das hat sie geschmerzt. Die Geschichte war erstunken und erlogen. Diesen Freund gibt es nicht. Ich bin fassungslos, dass hier Dinge geschrieben wurden, die von der Bild-Zeitung nicht nachgeprüft wurden. Und dann auch noch in einem Stil, der Mitgefühl heuchelt. Es ist auch nach wie vor auch zweifelhaft, wie diese Fotos zustande gekommen sind. Denn eigentlich geht sie nicht gern in die Disko und scheut solche Plätze.

Aber die Öffentlichkeit interessiert sich nach wie vor sehr für Natascha Kampusch und ihr Schicksal. Wie sollte die Presse in Zukunft mit dem Thema und der Person umgehen?

Man sollte ihr Schicksal respektieren. Sie ist traurig darüber, dass die Medien eine Art Paris Hilton aus ihr machen wollen. Ein Society-Geschöpf, das herumgereicht wird. Nur weil einige Medien beleidigt sind, keine Interviews bekommen zu haben, berichten sie in einer sehr komischen Art über Natascha Kampusch. Man sollte sie leben lassen, denn diese Frau hat es verdient, dass man ihr das Leben nicht schwerer macht mit der Veröffentlichung privater Details. Sie ist natürlich eine Person des öffentlichen Interesses. Aber sie ist kein Star, und deshalb sollte man auch nicht so über sie berichten.

Aber mit der jetzigen Dokumentation behandeln Sie Natascha doch auch wie ein Star?

Überhaupt nicht, im Gegenteil. Es wird eine normale junge Frau gezeigt, die ganz gelöst auftritt.

Muss man dafür extra nach Barcelona fahren?

Sie hatte bisher noch nie die Möglichkeit, Wien zu verlassen. Deshalb ist die Idee entstanden, dass sie sich eine Stadt aussuchen darf und wir sie begleiten können. Sie hat sich für Barcelona entschieden. Eine gute Entscheidung. Ein paar deutsche und österreichische Touristen haben sie zwar erkannt, aber ansonsten waren wir dort nahezu unbehelligt. Ich habe sie nie so locker und entspannt wie in diesen sechs Tagen erlebt. Zurück in Wien habe ich sie dann beim Fahrunterricht begleitet und beim Bogenschiessen beobachtet. Diesen Sport hat sie gerade angefangen. Ihr war es auch sehr wichtig, dass wir sie beim U-Bahnfahren in Wien zeigen. Denn das ist für sie ein großer Schritt und kostet immer noch Überwindung, weil sie sich dort sehr beobachtet fühlt.

Wie haben Sie das erlebt?

Manche Menschen, insbesondere Männer, schauen sie bewusst anzüglich an. Das ist besonders unschön. Aber anscheinend gibt es genug Leute, bei denen ihre Geschichte gewisse Phantasien weckt. Das hat mich wirklich schockiert und mir gezeigt, wie wichtig es ist, diese junge Frau zu schützen.

Nun hat die Mutter Brigitta Sirny-Kampusch ein Buch veröffentlicht. Was sagt die Tochter dazu?

Sie hat das Buch gelesen. Sie sagt, ihre Mutter sei erwachsen und könne für sich selber entscheiden.

So richtig begeistert scheint sie nicht zu sein.

Das überlasse ich Ihrer Interpretation.

Die Mutter lässt in dem Buch auch ihren Ärger über die Berater ihrer Tochter durchblicken, die Natascha in den Wochen nach der Flucht von der Familie abgeschirmt haben. Wie sieht Natascha diese Wochen im Rückblick?

Sie sagte mir jetzt, dass ihr es gar nicht unrecht war, so abgeschirmt gewesen zu sein. Auch von der Familie. Denn sie musste emotional sehr viel verarbeiten und hatte Angst davor, von der Familie umklammert zu werden. Es waren viele Berater um sie herum, aber ich kann nicht sagen, was richtig oder falsch gemacht wurde. Denn so etwas hat noch nie ein Mensch zuvor erlebt, niemand hatte damit Erfahrungen. Natascha selber sagt, sie habe noch nie in ihrem Leben darüber nachgedacht, ob sie etwas richtig oder falsch gemacht hat. Auch im vergangenen Jahr sei alles so gekommen, wie es nun mal gekommen ist.

Wie ist heute das Familienleben der Kampuschs?

Es ist relativ normal. Natascha Kampusch regelt ihr Leben weitgehend unabhängig von der Familie und wird von einem Sozialarbeiter betreut. Aber natürlich besucht sie ihre Eltern oder fährt mit der Familie über Wochenende weg.

Aber mit dem Vater scheint der Kontakt ja nicht so toll zu sein?

Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Am 23. August ist der Jahrestag. Was wird Natascha Kampusch an diesem Tag machen?

Ich habe ihr diese Frage nicht gestellt, ich weiß nur, dass sie dem Trubel entrinnen will.

Interview: Malte Arnsperger

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