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Claude-Oliver Rudolph im Interview: "Heute ist das Frustsaufen"

Er gilt als Raubein und Bösewicht - doch Alkohol rührt er kaum an: Schauspieler und bekennender Macho Claude-Oliver Rudolph spricht im stern.de-Interview über seine knapp alkoholfreie Jugend im Ruhrgebiet, Abi-Spicken mit Herbert Grönemeyer - und warum ihn jugendliche Trinker heute traurig machen.

Herr Rudolph, im aktuellen Kinofilm "The Wrestler" synchronisieren Sie den Hauptdarsteller Mickey Rourke. Der hat im Film mit Drogenproblemen zu kämpfen. Sind solche Schwächen menschlich?

Die Psychologie dahinter hat sich rumgesprochen, das steht ja mittlerweile auf der Homepage jedes Jugendamtes. Speziell in der Pubertät gibt es eine hohe Frustration - durch Probleme in der Schule oder mit dem anderen Geschlecht. Mit Drogen wie Alkohol kann man das besser ausleben. Da fallen die Hemmungen und man wird lockerer. Es ist ja auch schön, zusammen zu feiern.

Sie sind in Bochum aufgewachsen, kannten Herbert Grönemeyer. Wie haben Sie damals gefeiert?

Alkohol hat bei mir nie eine Rolle gespielt. Ich bin ein Einzelfall, in jeder Beziehung. Bis ich 13 Jahre alt war, habe ich mich nur für Judo und meine Carrera-Autobahn interessiert. Ab 15 dann für Judo und Mädchen, ab 19 nur noch für Mädchen, Film und TV. Herbert Grönemeyer und ich sind gute Freunde. Wir saßen in der Schule nebeneinander und haben zusammen beim Abi betrogen.

Viele Jugendliche haben das Gefühl, Grenzen austesten zu müssen. Wie war das bei Ihnen?

Ach, gefeiert hab ich auch. Ich bin ja jetzt nicht von der Apothekenrundschau. Ich kann mich erinnern, wie wir einmal viel getrunken haben und dann in den Stadtparkteich in Bochum gesprungen sind. Da bin ich dann aber mit dem Kopf in der Matsche stecken geblieben, der war nur 60 Zentimeter tief. Solche Erinnerungen habe ich auch. Aber durch den Sport kam ich gar nicht zum Trinken. Ich hatte immer so viele Kämpfe, hab viermal die Woche trainiert. Außerdem habe ich als Türsteher bei einem Bochumer Punkclub gearbeitet. Da kam es mir zugute, dass ich keinen Alkohol getrunken hab. Denn da musste ich nachts um vier Uhr fit sein.

Sie bekennen sich offen zum Machotum. Für viele gehört da das Trinken dazu.

Ich bin Macho und Anarchist. Mag sein, dass manche das so sehen. Ich habe da eine andere Definition. Macho steht im Spanischen für den Mann. Das ist jemand, der eine Frau in der U-Bahn verteidigt, im Restaurant in den Mantel hilft und den Wein aussucht. Nicht mehr und nicht weniger. Alkoholexzesse oder Frauenschlagen haben damit nichts zu tun.

Sie haben zwei Söhne und eine Tochter. Welche Freiräume geben Sie denen beim Ausgehen?

Meine Söhne sind 12 und 15, meine Tochter ist 24 Jahre alt. Ihr kann ich nichts mehr sagen. Sie ist Malerin und lebt ihr eigenes Leben. Die Kleinen gehen noch nicht weg. Der mittlere wohnt mit meiner Frau auf dem Dorf in Frankreich. Da ist auch nichts zum Weggehen.

Von dem, was Sie von Ihren Kindern und deren Freunden mitbekommen: Haben Sie das Gefühl, dass exzessives Trinken zugenommen hat?

Die Zahlen haben mich böse auf den Boden der Tatsachen geholt. Ich wollte das erst so kommentieren: Ach, wir haben doch früher alle auf den Schützenfesten oder den verhassten Jugendherbergsfahrten mit unseren Lehrern gefeiert. Aber es sieht doch anders aus. Der Alkoholfluss ist heute größer. Dieses exzessive Komasaufen gab es früher nicht.

Was ist heute anders?

Heute weiß man nicht, ob man noch eine Chance hat. Ob höhere Schulbildung noch was bringt, oder ob man gleich auf Arbeitslosigkeit studiert. Diese Unsicherheit war früher nicht so da. Früher haben die Menschen in Bochum bei Opel oder in der Zeche gearbeitet und am Wochenende gefeiert. Das haben wir als Jugendliche übernommen. Heute ist das Frustsaufen.

Wegen der Perspektivlosigkeit?

Früher war es ein kommunikatives Saufen. Um Mädchen kennen zu lernen, um Abenteuer oder Lügengeschichten zu erzählen. Heute ist das doch sehr depressiv. Ich war kürzlich bei der Berlinale und habe da unheimlich viele junge Besoffene rumtorkeln sehen. Das ist kein schönes Bild, das macht mich traurig.

Was kann man da machen?

In England planen sie eine Gesetzesnovelle: Alkohol soll um 75 Prozent teurer werden. Dort torkeln unglaublich viele Besoffene auf der Straße rum. Das kannte man von diesem gediegenen Land früher gar nicht.

Finden Sie solchen einen Eingriff des Staates sinnvoll?

Ich weiß es nicht. Ich habe mal in Schweden gedreht, als es dort noch ein weitgehendes Alkohol-Verbot gab. Aber was haben die Jugendlichen gemacht? Die sind einfach über die Grenze nach Norwegen gefahren! Dort konnte man am Wochenende links und rechts am Straßenrand besoffene Alkoholleichen sehen - zu Hunderten. Die haben dort gepennt und sind am Montagmorgen wieder in die Schule gekommen. Alkoholverbot? Ich weiß nicht, ob das was bringt.

Was wäre besser?

Die Eltern müssten in die Pflicht genommen werden. Man merkt doch, wenn die Kinder nach Alkohol riechen oder ihr Taschengeld für Drogen ausgeben. Das sieht man an den Augen, das merkt man am Geruch und an den schlechten Noten in der Schule. Das ist doch ganz einfach. Eltern müssen sich - verdammt noch mal - an ihre Pflichten erinnern. Kinder zu machen ist schön, aber es ist auch einfach. Eltern zu sein, ist ganz schwer.

Also: Es ist die Sache des Einzelnen und der Familie - und keine Staatspflicht.

Diese ganze Reglementierung ist doch Quatsch. Wenn die Eltern nicht mitziehen, funktioniert das nicht.

Interview: Axel Hildebrand