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Urlaub und Co.: Wie der Coronavirus-Ausbruch für die Menschen in Gütersloh und Warendorf zum Stigma wird

Übernachtungsverbote und Empfehlungen, zu Hause zu bleiben – der Coronavirus-Ausbruch bei Tönnies wird zum Stigma für Hunderttausende. Menschen aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf fühlen sich nicht mehr willkommen - und bangen um ihren Urlaub.

Coronavirus-Testzentrum in Gütersloh

Vor den Coronavirus-Testzentren (hier in Gütersloh) bildeten sich lange Schlangen – vom Ergebnis kann für viele Menschen der Urlaub abhängen

Getty Images

Kai Drees ist genervt: "Wir fühlen uns schon als Unschuldige, schließlich gibt es außerhalb von Tönnies kaum Infizierte", sagt der Rechtsanwalt aus Steinhagen im Kreis Gütersloh. Er habe Verwandtschaft in Niedersachsen und sei nun unsicher, wie es mit Besuchen funktionieren solle. Gütersloh – das ist zusammen mit dem Nachbarkreis Warendorf in diesen Tagen der Coronavirus-Hotspot in Deutschland. Die rund 640.000 Menschen, die dort leben, bekommen das gerade hautnah zu spüren.

Mehrere Bundesländer, darunter Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen, haben Beherbergungsverbote für Besucher aus diesen Landkreisen beschlossen, Schleswig-Holstein erließ eine Quarantäneregelung. In Niedersachsen darf nur bleiben, wer vor dem 11. Juni angereist ist oder wer per ärztlichem Attest nachweisen kann, dass er kein Corona hat. In Mecklenburg-Vorpommern dürfen Menschen aus Corona-Risikogebieten nur einreisen, wenn sie belegen können, dass sie innerhalb von 48 Stunden vor der Einreise einen Corona-Test gemacht haben. 

"Der Lockdown ist der Super-Gau"

"Der Lockdown ist der Super-Gau", sagt Thorsten Reinert. Der 50-Jährige aus Gütersloh hat sich mit seinem neunjährigen Sohn Ric im Diagnosezentrum auf das Virus testen lassen: "Wir fahren am Freitag an die Ostsee in den Urlaub und wollen da einen negativen Test in der Hand haben, falls wir sonst nicht hingelassen werden."

Heide und Dieter Gretzke aus Warendorf sind bereits von ihrem Campingplatz in Rügen abgewiesen worden. "Wir sind bis Hamburg gekommen, da haben wir einen Anruf von unserem Campingplatz erhalten, dass wir nur hereingekommen, wenn wir einen negativen Test mitbringen", so die 78-Jährige. "Die kennen uns da doch alle. Wir sind da zuhause." Ihr Mann und sie mussten zurückfahren und sich in Oelde testen lassen. "Jetzt warten wir auf das Ergebnis", sagt Heide Gretzke. "Unsere Koffer sind gepackt im Auto, die lassen wir da auch." Sobald die negativen Ergebnisse vorliegen, will das Ehepaar schließlich wieder losfahren.

Der niedersächsische Landkreis Osnabrück appelliert an die Menschen aus den Nachbarregionen Gütersloh und Warendorf, bis zum 30. Juni auf nicht zwingend notwendige Reisen über die Kreisgrenze zu verzichten. Besuchern aus Gütersloh und Warendorf ist es zudem untersagt, im Kreis und in der Stadt Osnabrück Freizeitanlagen oder Veranstaltungen wie Konzerte, Theateraufführungen oder Kinovorstellungen zu besuchen. Auch der Besuch von Museen, Kunstausstellungen, Galerien, Schlössern, Burgen, Gedenkstätten und ähnlichen Einrichtungen in geschlossenen Räumen ist verboten.

Coronavirus-Maßnahmen übertrieben?

Die Menschen im Kreis Osnabrück sehen diese Anordnungen zum Teil kritisch. "Ich finde, die sollen kommen dürfen", sagt die 72-jährige Elfriede Witte aus Bad Rothenfelde. "Die müssen doch unter Menschen können." Außerdem würden die Kurorte wie Bad Rothenfelde von dem Tourismus aus den anderen Kreisen profitieren.

Auch Ute Hinrichsen aus Hilter (Kreis Osnabrück) findet die Maßnahmen übertrieben. "In Cafes und Eisdielen hätte ich kein Problem, wenn Leute aus Gütersloh oder Warendorf neben mir sitzen würden", so die 41-Jährige. "An deren Stelle hätte ich vielleicht ein bisschen Angst davor, dass ich da ausgegrenzt werde oder auf boshafte Stimmung stoße."

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte bereits davor gewarnt, Menschen aus dem Kreis Gütersloh unter "Pauschalverdacht" zu stellen. Man dürfe die Bewohner des Kreises "nicht stigmatisieren".

Solidarität für Menschen aus Gütersloh und Warendorf

"Das hat ja schon fast was von sozialer Ächtung", sagt auch der Psychologe und Psychotherapeut Tillmann Krüger von der Medizinischen Hochschule Hannover: "Das ist natürlich schon massiv, wenn man da als Urlaubsgast wegen der Herkunft zurückgeschickt wird." Der Psychologe spricht sich dafür aus, das richtige Maß zu finden – zwischen Eindämmung des Virus und dem Verhindern einer Vorverurteilung.

Der Landrat Stephan Pusch aus dem anfangs stark von Corona betroffenen Kreis Heinsberg sprach den Güterslohern und Warendorfern seine Solidarität aus. "Bleibt in Deutschland, der Kreis Heinsberg steht für euch offen", so Pusch in einem WDR-Interview. Er wisse, was es heiße, wenn die Welt plötzlich auf einen gucke und mit erhobenem Zeigefinger auf einen zeige. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur gibt er den Menschen in den beiden Kreisen noch den Rat: "Wir haben uns hier im Kreis Heinsberg ein bisschen solidarisch untergehakt und untereinander zusammengehalten." Das helfe psychologisch in so einer Situation.

Stella Venohr / DPA / wue

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