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Multimedia-Reportage: Drogenreport Deutschland

Noch nie wurde so viel geschluckt, gespritzt  und geraucht wie heute. Entspannt, wach, happy – für jede Sehnsucht und jeden Zweck gibt es das passende Mittel. Und es kommen ständig neue hinzu. Eine Multimedia-Reportage über Drogen und ihre Konsumenten.

Pflanzliche und synthetische Drogen, aufgenommen im Kriminaltechnischen Labor des LKA in Berlin. Oben, von links: Marihuana, Kokain, Crystal Meth. Mitte, von links: Heroin, Liquid Ecstasy, Ecstasy. Unten, von links: Ecstacy, Legal Highs, MDMA. Fotos: Rene Riis

Pflanzliche und synthetische Drogen, aufgenommen im Kriminaltechnischen Labor des LKA in Berlin. Oben, von links: Marihuana, Kokain, Crystal Meth. Mitte, von links: Heroin, Liquid Ecstasy, Ecstasy. Unten, von links: Ecstacy, Legal Highs, MDMA. Fotos: Rene Riis

Ich sog das Pulver durch die Nase. Alles, was ich spürte, war ein beißend bitterer Geschmack.“ So begann der Absturz der Christiane F. Es war der 10. April 1976, einen Monat bevor sie 14 Jahre alt wurde. Es war die große Zeit des Heroins – Sy­nonym für Rauschgift, Babystrich und „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

„Ich habe gleich gemerkt, wow, das ist was für mich.“ So beginnt mehr als drei Jahrzehnte später der Absturz der Melissa S*. Auch sie ist gerade 14, als sie das erste Mal die zerstoßenen Kristalle durch die Nase zieht. Als sie den seifigen Geschmack im Rachen spürt und plötzlich nie erlebte  Euphorie durch ihre Adern schießt.  Rasendes Glück, das einem so, so überwältigend, nur Crystal beschert. Es ist die große Zeit der synthetischen – Sy­nonym für Party, Spaß und Dauerwach. Unsere Zeit. 

Geografische Verteilung von Crystal-Delikten 2014

Daten: BKA

Crystal hat das Zeug dazu, das neue Heroin zu werden. Experten halten N-Methylamphetamin, so die chemische Bezeichnung, für die derzeit gefährlichste Substanz auf dem illegalen Markt. Es ist extrem stark, extrem schädlich und macht extrem schnell süchtig. Und während die Generation Christiane F. in die Jahre kommt, erste Altersheime für spritzende Pflegefälle entstehen, frisst sich Crystal langsam ins Land. Längst tauchen die oft bläulich schimmernden Kristalle außerhalb der Grenzregion zu Tschechien auf. Wurden 2010 in Deutschland nur 642 Crystal-Konsumenten erstmals von der Polizei erwischt, waren es 2014 schon 3138. Inzwischen übersteigt die Zahl der Delikte jene von Heroin und Kokain. „Hier bei uns in Halle ist es inzwischen leichter, an Crystal zu kommen als an Gras“, sagt Melissa.

Man sieht ihr nicht an, dass sie seit sechs Jahren auf Droge ist. Sie habe immer auf ihr Äußeres geachtet, weil sie kein „Crystal-Face“ werden wollte, zahnlos und verpickelt: 

Eine Therapie hat sie schon hinter sich. Danach hat sie es ein paar Monate ohne die Droge ausgehalten, dann war sie wieder drauf. Jetzt will sie es erneut versuchen, weit weg, in Mecklenburg. Seit ein paar Wochen nimmt sie nichts mehr, jedenfalls kein Crystal, ab und an nippt sie höchstens mal ein Schlückchen „Limo“ aus dem Flaschen­deckel – Graffiti-Entferner oder Felgenreiniger, die ein Lösungsmittel enthalten, das im Körper zu Liquid umgewandelt wird. „Eigentlich das pure Gift, es verätzt dir ­alles“, sagt Melissa, „aber es knallt halt ganz ordentlich.“ Sie weiß selbst, wie bescheuert das klingt.

Techno mag tot sein, die 90er Jahre vorbei – die Chemiedrogen haben überlebt.

Techno mag tot sein, die 90er Jahre vorbei – die Chemiedrogen haben überlebt. Mehr noch, sie erfahren seit Jahren die „höchsten Steigerungsraten“, heißt es im „Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität“ des Bundeskriminalamtes. Allein die Ecstasy-Delikte sind innerhalb eines Jahres um 20 Prozent gestiegen. Der Trend sei eindeutig, sagt BKA-Chef : „Weg von pflanzlichen, hin zu synthe­tischen Drogen.“

Weil sie zum Zeitgeist passen. Dieser Zeitgeist dürstet weniger nach Substanzen, die betäuben, um dem Grau des Alltags zu entfliehen. Dieser Zeitgeist verlangt Stoff, der munter macht, Stimulanzen wie Amphetamine oder Ecstasy. Man will gut drauf sein, bereit zu Höchstleistungen – auf der Party, im Bett und immer öfter auch bei der Arbeit.

Ein umfassendes Angebot

Keine der klassischen Drogen ist deshalb verschwunden, es kommen nur ständig neue hinzu. Der Markt hält inzwischen für jede Sehnsucht und für jeden Zweck das passende Mittelchen parat: Handwerker, die angetrieben von Crystal Fliesen im Akkord verlegen. Studenten, die zum Büffeln Ritalin einwerfen. Partykids, die auf MDMA zwei Tage lang durchfeiern. Angestellte, die zur Entspannung ein Feierabend-Tütchen rauchen. Oder eben jene 29 Heilpraktiker, die im vergangenen September auf einer Tagung im niedersäch­sischen Handeloh ihr Bewusstsein mit der neuen Szenedroge 2C-E  erweitern wollten. Das Experiment entglitt so sehr, dass 150 Rettungskräfte anrücken mussten.

Bis heute gelten im öffentlichen Bewusstsein die 60er und 70er Jahre als die große Drogenära. Dabei stand das Bohei um die verstrahlten Blumenkinder in keinem Verhältnis zu den Mengen, die sie konsumierten. In Wahrheit wurde sich nie  zuvor derart berauscht wie heute: Weltweit nehmen nach UN-An­gaben fast 250 Millionen Menschen ­illegale Substanzen. Der Drogen­forscher Henrik Jungaberle, Koautor des Buches "High sein. Ein Aufklärungsbuch", prophezeit sogar: „Das Zeitalter der Drogen hat gerade erst begonnen.

Dennis*, 50, ist schon mittendrin im Drogenzeitalter. Er nimmt seit mehr als 20 Jahren Heroin. Im Video erzählt er, warum ein Entzug für ihn nicht in Frage kommt: 

Die meisten rauchen Marihuana, allein in Deutschland schätzungsweise zwischen zwei und vier Millionen. Insgesamt bedröhnen sich rund fünf Prozent der Deutschen regelmäßig mit illegalen Substanzen. Knapp 40 Prozent aller jungen Erwachsenen haben zumindest einmal Drogen ausprobiert. Doch guter Stoff ist leichter zu bekommen als exakte Zahlen. Und so lässt sich nur vermuten, wie viel tatsächlich konsumiert wird, zum Beispiel anhand der Rauschgiftmengen, die Zoll und Drogenfahndung beschlagnahmen. Laut BKA waren das 2014: 780 Kilo Heroin, 1,6 Tonnen Kokain, 1,4 Tonnen Amphetamin, 700.000 Konsumeinheiten Ecstasy, 28.600 LSD-Trips und knapp zehn Tonnen Cannabis. Fahnder vermuten, dass sie nur etwa zehn Prozent der Ware entdecken. „Drogenkriminalität ist ein Kontrolldelikt, je mehr wir  suchen, desto mehr finden wir auch“, sagt Olaf Schremm, Leiter des Berliner Rauschgiftdezernats. Oft ist es dem Zufall zu verdanken, dass seine Leute auf größere Mengen ­stoßen. So wie Anfang Mai vergan­genen Jahres, als in 13 Aldi-Filialen in Berlin und Umgebung Bananenkisten auftauchten, in denen ins­gesamt 386 Kilo Kokain versteckt waren. Ein Fehler in der Logistik, der die Schmuggler um etwa 38 Millionen Euro Umsatz brachte. 

1,6 Tonnen Kokain wurden 2014 von Zoll und Drogenfahndung beschlagnahmt. Die Drogen aus Südamerika werden meist über die europäischen Seehäfen geschmuggelt. Foto: Rene Riis

1,6 Tonnen Kokain wurden 2014 von Zoll und Drogenfahndung beschlagnahmt. Die Drogen aus Südamerika werden meist über die europäischen Seehäfen geschmuggelt. Foto: Rene Riis

Dass ausnahmslos aus Südamerika stammt, dass es meist per Schiff nach Europa gelangt, in Kisten, in Säcken, sogar gepresst zu Transportpaletten – das wussten die Fahnder. Neu war die Methode, wie die Schmuggler den Stoff von Bord bringen: Zwischen Bananen und Drogen entdeckten Fahnder unbenutzte Plomben. Offenbar sollten die Container bereits vor der Zollkontrolle ausgeräumt und dann wieder korrekt versiegelt werden. Niemand hätte etwas bemerkt. Niemand kann sagen, wie oft der Trick schon funktioniert hat. Allein im Hamburger Hafen werden jährlich mehr als 100 Millionen Container umgeschlagen. Würde man jeden einzelnen checken, käme vielleicht der Drogenschmuggel zum Erliegen, doch der Welthandel gleich mit, sagt Schremm.

Er macht sich keine Illusion, es ist, wie es ist. Darum kann sich die Hautevolee weiterhin bequem die Nase pudern – ein Anruf beim  Dealer genügt, und das Koks-Taxi fährt vor. Darum gelangt Heroin aus Afghanistan noch immer problemlos im Lkw über die Balkan- oder die Schwarzmeerroute bis ins Berliner U-Bahn-Netz, wo rastlose Dealer den Stoff verhökern. Darum werden die Partyzonen der Städte mit Amphetaminen aus holländischen Labors  geflutet – die Grundstoffe kommen legal per Luftfracht aus Fernost. „Und Gras bekommen Sie nun wirklich an jeder Ecke“, sagt Schremm.  Es stammt nicht mehr nur aus Marokko oder dem albanischen Hinterland, Cannabis wird längst im großen Stil in Deutschland angebaut. Im vorigen Juli entdeckte Schremms Truppe in einer Industriehalle in Berlin-Mariendorf eine Plantage mit 19.000 Hanfpflanzen. Ab 1000 Pflanzen wertet die Polizeistatistik eine Anlage als Profiplantage, 29 davon hob man allein 2014 aus. 

In Deutschland sichergestellte Indoor-Cannabisplantagen

Daten: BKA

 

Die größte Sorge bereitet den Ermittlern, dass sich der Handel mit Drogen zu immer größeren Teilen ins Internet verlagert hat. Mithilfe von Tor-Software führt der Weg  direkt ins Darknet, in die dunklen Ecken des Internet, wo man verschlüsselt kommuniziert, anonym bestellt, mit digitaler Währung bezahlt und die Drogen per Post erhält.

„Alles, was high macht, wach hält, geraucht, geschnupft, gespritzt wird, es wird einfach alles genommen, von Kokain bis Ketamin“, sagt Schremm. Egal, dass Ketamin ein Betäubungsmittel aus der Tier­medizin ist. Egal, dass das Kokain mit Levamisol gestreckt wird, einem Mittel gegen Wurmbefall bei Tieren. Egal, dass niemand sicher weiß, was wirklich in den bunten Pillen steckt, die als Ecstasy verkauft werden: MDMA oder MDMB, der Unterschied kann Leben kosten. Egal auch, ob das Marihuana, wie in Leipzig geschehen, mit Blei versetzt worden ist, damit es schwerer wiegt. Egal. Irgendwer kauft immer.

Mike* sagt, das mit dem Blei hätte er nie gemacht. Vielleicht war ihm auch nur die Idee nicht gekommen, denn sonst hat er ziemlich viel  gemacht. Mike war der Horror aller Eltern. Der Typ, der auf dem Schulhof Drogen vertickt. Auch an 14-Jährige? „Ich war ja selbst kaum älter“, sagt er. Mike war auch der Horror seiner Eltern. Sie lieben ihn, aber  er hat mit seinen 20 Jahren bisher ­wenig auf die Reihe gekriegt. Außer Kiffen, Dealen, Einbrechen. Eines Morgens stürmte sogar ein Sondereinsatzkommando der Hamburger Polizei die Wohnung, um ihn aus dem Bett zu holen. „Das war wegen der Tankstelle.“ Dort hatte er mit einer Schreckschusspistole bewaffnet 400 Euro abgeholt.

Mike, 20, brauchte ständig Geld. Für Drogen, für Party, für Klamotten und für die hungrigen Spielautomaten, nach deren Düdeltüt ist er ebenfalls süchtig: 

Auch darum sitzt Mike schließlich in diesem hellen Raum der  Jugend-Suchtstation des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Schmächtig, blass, verhuscht, er haucht mehr, als dass er spricht. Er sagt, es sei ihm nie um den perfekten Rausch gegangen. Er klingt schon sehr therapiert, wenn er ganz rational sein Wie und Warum erklärt. Drogen waren für ihn immer: Mittel zum Zweck. Das Cannabis half gegen die Unruhe im Kopf. Der Alkohol gab ihm Selbstvertrauen.

Wo das Risiko hoch ist

Für Klinikchef Rainer Thomasius ist Mike ein schwerer, aber leider ty­pischer Fall. „Drogenkonsum zum Ausgleich persönlicher Defizite, da wird es immer gefährlich“, sagt er. Thomasius ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie, er befasst sich seit 30 Jahren mit nichts anderem. Er weiß, dass die Substanz allein nie Ursache einer Sucht ist. Es kommt auf die Umstände an: Das Risiko ist für all jene hoch, die bereits als Kinder verhaltensauffällig werden – Mädchen etwa mit Ess­störungen, Jungen mit ADHS. „Das Risiko steigt, wenn ein drogenaffiner Freundeskreis dazukommt, oppositionelle oder kriminelle Energie und ein Elternhaus, das wenig Halt und Bindung bietet“, sagt  Thomasius. Fast die Hälfte seiner jährlich etwa 1600 Patienten hat mindestens ein Elternteil, das selbst an einer Sucht erkrankt ist.

Wirkung & Gefahren der häufigsten Drogen


Alkohol

Wirkung: Entspannung, Reduzierung von Angst
Risiken: Kontrollverlust, Inkontinenz, Schädigung von Leber und Nervensystem
Suchtfaktor: körperlich und geistig sehr hoch
Konsumenten: 52,3 Prozent (Männer) und 23,8 Prozent (Frauen) in Deutschland trinken regelmäßig. Etwa 1,3 Millionen Erwachsene sind alkoholabhängig. 15,6 Prozent der Jugend­lichen trinken regelmäßig zu viel.
Tote pro Jahr: durchschnittlich etwa 74 000


Amphetamin

Wirkung: Wachheit, erhöhte Sinneswahrnehmung, Bewegungsdrang
Risiken: Paranoia, Depression, Psychosen
Suchtfaktor: körperlich und geistig sehr hoch
Konsumenten: insbesondere junge Erwachsene. 2,8 Millionen Menschen in Europa haben die Droge probiert.
Tote pro Jahr: 28 (2014)


Cannabis

Wirkung: Entspannung, Appetit, gesteigertes Gemeinschaftserleben
Risiken: schlechtes Kurzzeitgedächtnis, Verwirrtheit, Panik, Lungenkrebs
Suchtfaktor: nicht körperlich. Psychische Abhängigkeit ist wahrscheinlich.
Konsumenten: 1,3 Prozent der Jugendlichen nehmen regelmäßig Cannabis; 5,6 Prozent haben Erfahrungen. Insgesamt etwa 300 000 Süchtige in Deutschland.
Tote pro Jahr: 2 (2014) Nach Alkohol ist Cannabis die Substanz, die am häufigsten im Blut von tödlich verunglückten Autofahrern gefunden wird.


Crystal Meth

Wirkung: Wachheit, Euphorie, Selbstüberschätzung. Methamphetamin wirkt sechsmal stärker als ­Amphetamin.
Risiken: Größenwahn, Angst, Paranoia; Akne, Zahnausfall, vorzeitige Alterung, Hirninfarkt
Suchtfaktor: körperlich und geistig sehr hoch
Konsumenten: Schüler und Studenten, Berufsgruppen mit körperlicher Arbeit oder im Schichtdienst


Ecstasy/MDMA

Wirkung: besseres Selbstwertgefühl; gesteigerte Fähigkeit, Gefühle und innere Konflikte zu verstehen
Risiken: Rastlosigkeit, verminderte Libido
Suchtfaktor: körperlich unwahrscheinlich, geistig hoch
Konsumenten: Techno- und Raver-Szene, Clubbesucher


Heroin

Wirkung: Schmerz- und Angstminderung, Euphorie
Risiken: Benommenheit, Krämpfe, Organschäden. Bei Frauen kann die Periode ausbleiben.
Suchtfaktor: nach etwa drei Monaten körperlich hoch
Konsumenten: Die Zahl der erstauffälligen Konsumenten sank um 14,4 Prozent auf 1789 Menschen (2013).
Tote pro Jahr: 189 (2014)


Kokain

Wirkung: Euphorie, mehr Selbstbewusstsein
Risiken: Wahnvorstellungen, Angst, epileptische Anfälle, Abmagerung
Suchtfaktor: körperlich gering, psychisch schnelle und sehr große Abhängigkeit
Konsumenten: 6,1 Prozent der Erwachsenen (bis 34 Jahre) in Europa haben es mindestens einmal probiert.
Tote pro Jahr: 14 (2014)


Legal Highs/NPS

Wirkung: je nach Substanz entspannend, erregend, halluzinogen
Risiken: Herzrasen, Bewusstlosigkeit, Tod
Suchtfaktor: körperlich und psychisch hoch
Konsumenten: Vor allem Jugendliche fühlen sich durch die vermeintliche Harmlosigkeit und den geringen Preis angesprochen.
Tote pro Jahr: 25 (2014)


Liquid Ecstasy/GHB

Wirkung: Enthemmung, mehr Kontaktfreudigkeit (ähnlich wie Alkohol)
Risiken: Kopfschmerzen, Krämpfe, Herzstillstand
Suchtfaktor: körperlich und psychisch hoch
Konsumenten: Jugendliche


LSD

Wirkung: Euphorie, gesteigerte Sinnesempfindungen
Risiken: Verwirrtheit, Panikattacken, Psychosen
Suchtfaktor: keine körperliche Abhängigkeit, LSD ist nicht giftig.
Konsumenten: rund drei Prozent der Europäer haben LSD probiert.


Ritalin

Wirkung: Als Medikament gegen ADHS kann es die Konzentration bei Kindern steigern; als Droge macht es euphorisch und erhöht die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit.
Risiken: Aggression, Herzrasen, Zähneknirschen
Suchtfaktor: körperlich und psychisch hoch
Konsumenten: Schüler, Studenten, Leistungssportler


Tabak

Wirkung: verbesserte Konzentration und Stimmung
Risiken: Schlafstörungen, Aggression; Krebs der Atemwege, Arteriosklerose
Suchtfaktor: körperlich und psychisch hoch, vergleichbar mit Heroin
Konsumenten: 24,5 Prozent der Deutschen rauchen regelmäßig; die Hälfte davon ist süchtig. Zehn Prozent der Jugendlichen rauchen.
Tote pro Jahr: durchschnittlich 110 000, weitere 3300 durch Passivrauchen

Der Professor wundert sich häufig, wie gleichgültig manche Eltern den Drogenkonsum ihrer Kinder hinnehmen. Wie sie bagatellisieren: Wir haben doch alle mal gekifft.  Dabei vergessen sie allerdings, dass das Kraut, das sie früher rauchten, mit dem Hochleistungsgras von heute nicht zu vergleichen ist. Dank Indoor-Zucht liegt der THC-Gehalt von Marihuana im Schnitt bei über zwölf Prozent, im Jahr 2000 waren es noch fünf. „Mit Cannabis kann man sich komplett abschießen“, sagt Thomasius. Und das passiert auch immer mehr Kiffern, wie die Suchthilfestatistik zeigt: Heute werden neunmal mehr Patienten wegen Cannabis-bezogener Störungen behandelt als im Jahr 2000, aktuell mehr als 30.000 pro Jahr.

Viele beginnen schon mit 12, 13 Jahren. Problematisch wird es immer dann, wenn die Häufigkeit steigt. Wenn man irgendwann jedes Wochenende auf Droge verbringt. Und irgendwann jeden Tag. Und irgendwann jeden Morgen. Die Zahl der Jugendlichen, die regelmäßig illegale Substanzen konsumieren, ist dennoch seit Jahrzehnten relativ konstant: drei Prozent der Jungen, ein bis zwei Prozent der Mädchen. Der regelmäßige Konsum von Tabak ist zehnmal, der von Alkohol viermal weiter verbreitet als Kiffen. Nur fünf Prozent der 12- bis 17-Jährigen haben in den vergangenen zwölf Monaten vor der Befragung Marihuana geraucht.

„Damit liegen wir im europäischen Vergleich sehr weit unten“, sagt Thomasius, „Cannabis ist eben keine Alltagsdroge.“ Und weil er will, dass das so bleibt, ist er vehement gegen die Freigabe. Deshalb gilt Thomasius unter Drogenexperten als Hardliner. „Spaßverderber, in diese Ecke werde ich gern gestellt“, sagt er, dabei sei er das gar nicht, nur habe er eben tagtäglich mit den Problemfällen zu tun, mit denen, die nicht mit Drogen umgehen können. Mit Menschen wie Jenny*. Jenny ist 17 Jahre alt, und sie ist süchtig. Für drei Monate wohnt sie auf der Suchtstation. Einzelgespräche, Gruppentherapie, Sport, Musik, Schule – das hat sie eingetauscht gegen Joints, Ecstasy-Pillen und MDMA-Pulver. Am Handgelenk trägt sie ein Armband aus kleinen Buchstabenwürfeln: „stay clean“, bleib sauber. Zwischen Probieren und Sucht lag bei ihr kaum mehr als ein Jahr. Das klassische Muster: psychische Vorbelastung plus funktionaler Konsum plus drogenaffiner Freundeskreis. Sie hat sich geritzt – bis sie anfing zu kiffen.

Jenny wollte eigentlich nie Chemiedrogen nehmen. Dann entdeckte sie Ecstasy. Schon kurze Teit später musste sie zur Therapie: 


„Die Geschwindigkeit, mit der sich jugendlicher Konsum zur Sucht entwickelt, ist fulminant“, sagt  Thomasius. Darum hält er den frühen Einstieg für so gefährlich.  „Das Suchtgedächtnis im zentralen  Nervensystem ist im Jugendalter besonders empfänglich und die Persönlichkeit noch nicht so weit entwickelt, um den Konsum wirklich begrenzen zu können.“ Jugendliche handeln intuitiv, impulsiv, sie geben dem Druck schneller nach. Darum ist Studien zufolge das Suchtrisiko bei Jugendlichen 17 bis 18 Mal höher als bei Erwachsenen.

Für Thomasius erwächst daraus die wichtigste Präventionsbotschaft: „Wir müssen den Erstkonsum so weit wie möglich hinaus­zögern, egal, ob es um Alkohol,  Tabak oder andere Drogen geht.“

Das klingt so einfach. Doch wer bringt diese und andere Präventionsbotschaften zu den Jugendlichen? Der Drogen-Onkel von der Polizei? Die Vertrauenslehrerin? Im ganzen Land klagen die Beratungsstellen über mangelnde Mittel und fehlende Ausstattung. Darüber, dass etwa der Kreis Hildburghausen im Crystal-Kernland Thüringen gerade mal fünf Teilzeit-Drogenberater beschäftigt, die seit 14 Jahren keinen Dienstwagen mehr haben. Darüber, dass die Bundesrepublik doppelt so viel Geld für die Strafverfolgung aufwendet wie für die Aufklärung – über eine Milliarde Euro. 

Grafik: Delikte in Deutschland nach Drogenart 



Hinweis: Crystal-Delikte werden seit 2014 gesondert in der Polizeilichen Kriminalstatistik ausgewiesen. Zuvor wurden sie mit unter Amphetamin aufgeführt. Crack-Delikte wurden vor 2010 unter Kokain subsummiert. Daten: BKA

 

Die Prävention hat zwei mächtige Gegner: die Lust auf Rausch und die Gier nach Profit. Und so öffnen sich immer wieder neue Nischen, in denen neue Produkte für neue Zielgruppen auftauchen. In einer dieser Nischen haben sich die sogenannten Legal Highs breitgemacht. Experten sprechen lieber von „Neuen psychoaktiven Substanzen“ (NPS), weil  „legal“ so klingt, als wären sie harmlos. Sie heißen „Spice“, „Hexensabbatt“, „Amnesia“ oder „Pink Bull“ – Kräutermischungen oder Bade­salze, zum Rauchen oder Schnupfen, die seit einigen Jahren Europas Märkte überschwemmen. Die knallbunten Tütchen, mal mit schriller Aufschrift, mal mit Comicbildchen, finden sich zunehmend auch auf Schulhöfen. Dass sie in spezialisierten Onlineshops legal für ein paar Euro zu bekommen sind, senkt die Hemmschwelle. Dass sie kaum nachweisbar sind, senkt das Risiko, bei Drogentests erwischt zu werden.

Jede Woche zwei neue Stoffe

Doch „natürlich“, wie sie auf Webseiten beworben werden, sind die „Entspannungsprodukte“ keineswegs. Für die Dröhnung sorgen weder Kräuter noch Salze, sondern Designer-Drogen, mit denen sie beträufelt wurden. Die psychoaktiven Substanzen wirken ähnlich wie klassische Drogen. Meist handelt es sich um synthetische Cannabino­ide, immer öfter auch um aufputschende Amphetamin-Derivate.

Im oberpfälzischen Weiden griffen Polizisten Anfang vergangenen Jahres einen jungen Mann auf, der die Kontrolle über seinen Körper völlig verloren hatte. Der 21-Jährige „musste erbrechen, hatte unkontrollierten Speichelfluss und konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten“, berichteten die Beamten. „Sichtbar weggetreten konnte er nur mehr Brumm- und Stöhnlaute von sich geben.“ Später erfuhren sie, dass er Kräuter geraucht hatte. Solche Horrortrips können auch tödlich enden. 2013 starben fünf Legal-High-Konsumenten, ein Jahr später waren es schon 25. Das vorerst letzte Opfer kam im Dezember in Unterfranken ums Leben. Der Vater fand seinen Sohn bewusstlos in der Wohnung – neben dem 22-Jährigen lag ein buntes Tütchen.

In Deutschland sind laut BKA mittlerweile mehr als 1500 Legal-High-Produkte mit rund 160 psychoaktiven Wirkstoffen bekannt. Die knallbunten Tütchen, mal mit schriller Aufschrift, mal mit Comicbildchen, finden sich zunehmend auch auf Schulhöfen. Foto: Rene Riis

In Deutschland sind laut BKA mittlerweile mehr als 1500 Legal-High-Produkte mit rund 160 psychoaktiven Wirkstoffen bekannt. Die knallbunten Tütchen, mal mit schriller Aufschrift, mal mit Comicbildchen, finden sich zunehmend auch auf Schulhöfen. Foto: Rene Riis

In Deutschland sind laut BKA mittlerweile mehr als 1500 Legal-High-Produkte mit rund 160 psychoaktiven Wirkstoffen bekannt. „Jede Woche kommen zwei neue Substanzen auf den Markt“, sagt BKA-Chef Münch. Erst wenn deren Schädlichkeit wissenschaftlich erwiesen ist, landen sie auf der Verbotsliste. Die Änderungsverordnungen zum Betäubungsmittelgesetz werden inzwischen im Halbjahresrhythmus erlassen. Allein 2015 landeten 15 neue Stoffe auf der Liste. 

Hersteller wie „Chemfun“ mit Sitz in Shanghai stört das bislang nur wenig. Kurzerhand verändern sie die Formel. Der Austausch eines Moleküls reicht aus, um eine neue und damit legale Substanz anbieten zu können – so lange, bis auch  die verboten wird. Wie der neue Stoff in welcher Dosis auf den Körper wirkt, das wird an der Kundschaft getestet.

„Es ist russisches Roulette auf Kosten der Verbraucher“, warnte der Freiburger Toxikologe Volker Auwärter bereits vor zwei Jahren. Sein Kollege Andreas Ewald von der Universität des Saarlands fühlt sich wie in einem Hase-und-Igel-Rennen. „Ich habe zweimal vermeintlich ein und das gleiche Produkt gekauft. Gleicher Name, gleiche Verpackung – und trotzdem zeigten unsere Unter­suchungen völlig neue Wirkstoffkombinationen.“

Um diesen Wildwuchs zu beenden, plant die Bundesregierung inzwischen eine Gesetzesänderung, künftig will man statt einzelner Substanzen ganze Stoffgruppen verbieten können. Doch allein Verbote werden wenig helfen. Das Scheitern dieser Strategie im Kampf gegen Drogen lässt sich seit Jahrzehnten besichtigen.

„Schon traurig, dass ich diesen Teil meines Lebens so für immer vergessen kann.“

Jenny wird in wenigen Tagen ihre Therapie beenden. Sie hadert mit ihrem Schicksal, sie denkt gern an die alten Zeiten zurück. „Schon traurig, dass ich diesen Teil meines Lebens so für immer vergessen kann.“ Ihren Freunden hat sie gesagt, dass sie ruhig weiter Drogen nehmen können, auch in ihrer Gegenwart. Sie will der Versuchung gar nicht ausweichen. Jenny sagt: „Man hat uns immer nur erzählt: Ihr werdet alle enden wie Christiane F.“ – aber was hatte sie schon mit Bahnhof Zoo und mit Spritzen zu tun? Sie ist überzeugt davon, dass man mit Drogen umgehen kann, wenn man eine gute Psyche hat. Sie schaut hoch und  lächelt. Und sagt: „Meine Psyche  ist leider nicht stabil genug.“

* Namen von der Redaktion geändert


Veröffentlicht im stern am 11. Februar 2016

Jan Rosenkranz glaubt nicht daran, dass Drogen verschwinden, nur weil man sie verbietet. Bei den Recherchen halfen Erik Häusler und Barbara Opitz. Rhiannon Long recherchierte zu Wirkungen, Zielgruppen und Gefahren der verschiedenen Drogen.

Video: Linda Richter, Wiebke Wetschera

Infografik: Patrick Rösing

Redaktion, Producing: Patrick Rösing