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Daniel Domscheit-Berg und "Inside Wikileaks": Rosenkrieg im Marmorsaal

Das Werk wurde mit Spannung erwartet, der stern hat vorab berichtet. Jetzt stellte Daniel Domscheit-Berg "Inside Wikileaks" vor, sozusagen die Enthüllungsstory über die Enthüllungsplattform.

Von Philipp Elsbrock, Berlin

Als er den Saal betritt, herrscht Ruhe. Niemand sagt etwas, minutenlang klicken nur Kameras. Daniel Domscheit-Berg, schmal, braune Augen, hohe Stirn, sitzt an einem Tisch und schaut ernst. Vor ihm steht ein Weinglas mit Club-Mate, der Koffeinbrause der Nerds. Und ein Buch mit schwarz-türkisem Einband, das er mit der Journalistin Tina Klopp als Ghostwriterin geschrieben hat. "Inside Wikileaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt" heißt es. An diesem Donnerstag stellt er es im luxuriösen Marmorsaal des Berliner Palais am Festungsgraben vor, erwartungsvolle Journalisten aus der ganzen Welt sind dazu angereist. Mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren ist das Buch von morgen an im Verkauf. Der stern hatte Auszüge daraus schon in einer Geschichte im aktuellen Heft gedruckt, ebenso wie ein ausführliches Interview mit dem Wikileaks-Aussteiger.

Der Inhalt des Buches wird dem inhaftierten Wikileaks-Kopf Julian Assange nicht gefallen. Domscheit-Berg schildert ihn darin als paranoiden Sozialkrüppel, der zwar geniale Einfälle am Computer habe, aber eher unter Wölfen als unter Menschen groß geworden sei. Und der überdies seine Katze "Schmitt" geärgert habe - ein offenbar prägendes Erlebnis. Damals war das, als Assange und Domscheit-Berg noch befreundet waren und eine Wohnung in Wiesbaden teilten.

In dieser Zeit nannte er ihn Julian oder "J", heute sagt er "Herr Assange". Die beiden reden nur noch über Anwälte miteinander, erst am Sonntag bekam Domscheit-Berg wieder Post vom Berliner Anwalt Johannes Eisenberg. Darin fordert der, Domscheit-Berg solle gestohlene Dokumente zurückgeben. Dokumente, die er und weitere Aussteiger im September 2010 von Wikileaks mitnahmen. Auf etwa 3500 schätzt Domscheit-Berg die Anzahl während der Buchvorstellung. Das sei aber kein Diebstahl gewesen, im Gegenteil. Er und eine "handvoll Mitstreiter" hätten nicht mehr verantworten können, wie mit der Sicherheit der Quellen umgegangen werde. "Wikileaks ist nicht sicher", wiederholt er seine Warnung aus dem stern-Interview.

Die Geschichte einer enttäuschten Liebe

Es liest sich wie die Geschichte einer enttäuschten Liebe, was Domscheit-Berg mit seiner Koautorin auf 300 Seiten erzählt. Boulevardeskes mischt sich dabei mit interessanten Einblicken in die Geschichte von Wikileaks. Ausschnitte aus Emails zeigen, wie der Präsident des Bundesnachrichtendienst, Ernst Uhrlau, versuchte, eine Veröffentlichung zu verhindern. "Dafür möchte ich mich nachträglich bedanken", sagt Domscheit-Berg heute, denn damit war für die Enthüller die Echtheit der Dokumente bestätigt.

Dass er ein Buch geschrieben hat, habe nichts mit einer Heimzahlung zu tun, beteuert der Verfasser. Vielmehr gehe es ihm darum, seine Ehre wiederherzustellen. Nach seinem Ausstieg habe Assange ihn in diversen Interviews diskreditiert, sagt Domscheit-Berg. Er sei sogar persönlich bedroht worden: "If you fuck up, I will hunt you down and kill you", habe Assange in einer Stresssituation zu ihm gesagt.

Ob es wirklich nur darum geht? Aufschlussreich ist eine Begründung für sein Buch, die Domscheit-Berg während der Vorstellung äußert. Er wolle verhindern, dass Assange zu einem Popkultur-Phänomen werde. Ohnehin habe er nie verstanden, warum man stets "James Bond-mäßig rüberkommen" wollte.

In wenigen Tagen soll ein Blogeintrag auf seiner neuen Seite openleaks.org erscheinen, die einen Überblick über die Finanzierung gibt - das habe er bei Wikileaks immer vermisst, sagt Domscheit-Berg. Die neue Plattform hat er nach seinem Ausstieg im September des vergangenen Jahres angemeldet, seit Ende Januar ist sie öffentlich zugänglich. Sie ist eine Art toter Briefkasten, in den Whistleblower elektronische Dokumente werfen können. Domscheit-Berg und seine Mitstreiter wollen dann alle Spuren vernichten, die Hinweise auf ihre Herkunft verraten könnten. Danach sollen sie an Medien oder Nicht-Regierungsorganisationen weitergeleitet werden. "Die Öffentlichkeit soll mitbestimmen können, welche Partner wir dafür auswählen", sagte Domscheit-Berg.

Er schließt nicht aus, sich irgendwann mit Assange wieder zu versöhnen. Doch dazu müsste dieser die ersten Schritte gehen. Domscheit-Berg macht sich nichts vor: "Realistisch ist das nicht."