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Das Holocaust-Mahnmal bröckelt: "Peter Eisenman irrt"

Risse und bröselnder Beton am Berliner Holocaust-Mahnmal: Uwe Neumärker, Direktor der zuständigen Stiftung, nimmt Stellung zu den Vorwürfen des New Yorker Architekten Peter Eisenman.

Von Anja Lösel

Der Beton gibt nach: Die Stelen des Berliner Mahnmals sind von Rissen durchzogen.

Der Beton gibt nach: Die Stelen des Berliner Mahnmals sind von Rissen durchzogen.

Uwe Neumärker ist Direktor der "Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas". Im Interview mit stern.de weist er die Vorwürfe des Mahnmal-Architekten Peter Eisenman zurück. Der hatte in einem Interview erklärt: "Der Fehler liegt beim Kuratorium der Stiftung."

Hintergrund des Streits ist, dass das Berliner Holocaust-Mahnmal zerfällt. Viele der 2710 Beton-Stelen haben Risse. 48 Stelen sind so schwer beschädigt, dass man ihnen aus Sicherheitsgründen Stahlmanschetten umlegen musste. Der Beton ist offenbar den extremen Witterungsschwankungen nicht gewachsen.

Liegt der Fehler tatsächlich beim Kuratorium der Stiftung, wie Peter Eisenman vermutet?


Ich glaube, da trügt ihn seine Erinnerung. Ich habe in den Protokollen nachgeguckt. Das Kuratorium hat sich auf die Bauexperten verlassen. Und in alle Entscheidungen des Kuratoriums waren entweder Eisenman direkt oder seine Leute einbezogen.

Gibt es dafür Beweise?


Ich habe mir das Vergnügen gegönnt, die sehr ausführlichen Protokolle nochmal durchzugucken. Da ist kein Fehler zu finden. Ich habe auch mit Wolfgang Thierse telefoniert, der damals im Kuratorium saß und ein gutes Gedächtnis hat. Er sagte: Die Fachleute haben etwas beschlossen, und für uns war das dann gut so.

Es blieb ihnen ja kaum eine andere Wahl, denn im Kuratorium sitzen vor allem Politiker. Wie sollen die eine Betonmischung beurteilen?


Richtig. Das ist das Problem. Das sehen Sie auch bei Wowereit und seinem Flughafen. Man hat hoch bezahlte Experten und muss sich auf die verlassen können.

Zum Sparen hat das Kuratorium doch sicher aufgefordert?
Es gab keine Sparvorgaben, nur eine Kostenobergrenze für das Projekt. Aber klar: Wenn der Vorschlag kommt, man könnte an dieser oder jener Stelle sparen, dann ist man als Bauherr natürlich glücklich.

Könnte es sein, dass zu sehr aufs Geld geachtet wurde und zu wenig auf die Qualität?


Nein, sicher nicht. Es gab keine Signale, dass die Kostenobergrenze nicht eingehalten würde und wir sparen müssen.

Das sieht der Gutachter Wolfgang Brameshuber offenbar anders. Einem Reporter der Süddeutschen Zeitung erklärte er: "Man hat eben versucht, Geld einzusparen."


Da wurde dem Gutachter wahrscheinlich das Wort im Munde umgedreht. Alle Experten waren damals restlos überzeugt von der Betonmischung und vom Herstellungs-Verfahren. Nach langen Untersuchungen kam dann der Vorschlag: Wir könnten die Stelen unter zwei Metern Höhe ganz ohne Armiereisen machen, so sparen wir Geld. Das fanden alle toll.

War auch Peter Eisenman überzeugt?


Ja, auch er beziehungsweise seine Büros, die hier für ihn arbeiten. Dass es Risse geben würde, war allen klar. Das ist so bei Beton.

Aber die Risse sind viel größer als erwartet. Nun gibt es ein Beweisverfahren. Muss ein Schuldiger gefunden werden, der die Kosten für die Beseitigung der Schäden trägt?
Es geht noch nicht um die Frage: Wer ist schuldig? Es geht um die Frage: Warum? Wie kommt es zu diesen großen Rissen? Was ist die Ursache?

Könnte es zur Gerichtsverhandlung kommen?


Zuerst müssen wir die Ursachen finden, dann die richtige Sanierungsmethode. Erst danach kann ich Kosten kalkulieren. Und wer dann Verantwortung zu tragen hat, wird wahrscheinlich nicht hier schreien. Also muss man das Ganze womöglich über Gerichte klären.

Ist das Kuratorium der Stiftung darauf vorbereitet?


Was zu dokumentieren ist, das ist dokumentiert. Ich würde mal sagen: Peter Eisenman irrt.