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Das Schmähvideo und das iPhone 5: Glaubensfragen

Zwei Themen bestimmen das Tagesgeschehen: die Wut über das anti-islamische Schmähvideo und die iPhone-5-Euphorie. Darf man diese Emotionen vergleichen? Ein Einblick in unsere Redaktionskonferenz.

Von Florian Güßgen

Es gibt zwei Themen, die uns am Freitagmorgen in der Redaktionskonferenz umgetrieben haben. Die Mohammed-Karikaturen und das anti-islamische Schmähvideo, die Wut, der Zorn, den sie heute wieder provozieren könnten und können. Wie viele Menschen würden heute wieder demonstrieren, mit erhobenen Fäusten? Gegen Botschaften. Gegen den Westen. Gegen Amerika und auch gegen Deutschland. Und: Müssen noch mehr Menschen sterben, weil sich Gläubige verunglimpft fühlen, verletzt? Das zweite Thema ist diese faszinierende iPhone-5-Manie. Da stehen also Schlangen vor den Appleläden am Hamburger Jungfernstieg oder im Centro in Oberhausen, so, als gäbe es endlich wieder Gesottenes und Gebratenes nach einer jahrzehntelangen Dürre - und dazu Freibier. Und sie alle wollen es unbedingt haben. Es. Haben. Haben. Haben. Es anfassen. Swipen. Touchen. Dieses iPhone. Das Fünfer. Was ist das nur für ein Phänomen? Wie viel Glauben, wie viel Metaphysik steckt in Steve Jobs' Erbstücken?

Ein Kollege - zugegeben, es war der Chef - stellte eine Verbindung her zwischen den Ereignissen. Der iPhone-Wahn, behauptete er ketzerisch, stehe für das Freitagsgebet des Okzidents. Demnach wäre das Gerät so etwas wie das Goldene Kalb des Kapitalismus - im Prinzip nicht mehr als ein schnödes Produkt, aufgeladen mit einer technomythischen Heilserwartung. Es entbrannte eine erhitzte Diskussion. Kann man, darf man die lebensbedrohliche, religiös gerechtfertigte, gewaltsame Wut tatsächlich vergleichen mit der eher spielerisch-lächerlichen Huldigung eines Konsumguts?

Bei genauer Betrachtung kann man das, schon. Denn in beiden Fällen geht es um kulturelle Identitäten. Natürlich ist es Unsinn, die Demonstranten gegen das Schmähvideo pauschal mit dem Islam gleichzusetzen. Aber zumindest ein Teil der islamischen Welt versichert sich seiner Identität, seiner Zugehörigkeit, indem er nun gegen vermeintliche Beleidigungen aufbegehrt. Die Demonstration, die Vernichtung des Anderen, des Westens, ist ein Akt der kulturellen Selbstversicherung. So eindeutig, so banal, so gefährlich.

"Hi, Steve!"

Der Start des iPhone-5 ist da selbstredend friedlicher. Aber auch dieses Telefon, so scheint es, hat eine identitätsstiftende, ja kulturelle Funktion. Es ist Symbol einer Konsumgemeinschaft, nicht so sehr einer Wutgemeinschaft. Längst ist das Gerät nicht mehr nur Statussymbol der Nerds, der "Early Adopters", der Jungs, die immer ganz vorne dran sind. Es ist längst chantalisiert, auch Identifikationsobjekt der breiten Mittelschicht, so segmentiert die auch sein mag. Gut, die Chantals dieser Welt werden am Freitagmorgen nicht vor dem Apple Store am Hamburger Jungfernstieg gestanden haben. Aber sie sind es, die das Gerät in den nächsten Tagen und Wochen millionenfach bestellen werden. Die Techfreaks sagen, dass Ding sei kein großer Wurf? Egal, es verkauft sich dank der mythischen Aufladung. Das iPhone ist kulturell so etwas wie der perfekt-durchdesignte Schlüssel zu einer anderen, irgendwie zukünftigen Welt, ein Zauberstab, der uns, hex hex, in die digitale Existenz warpt. Per Swipe schaffst Du Dir Deine Matrix - erfindest Dich neu, in einer anderen, einer vielleicht besseren Welt. Vielleicht ist es sogar so, dass der Tod des gemeinhin als genial porträtierten iPhone-Erfinders Steve Jobs die Wertigkeit des Smartphones noch erhöht, ihm scheinbar eine von der Ewigkeit durchdrungene Weihe verleiht: ich bin Eure Verbindung zum vermeintlich größten Genie unserer Tage. "Hi, Steve!" Vielleicht sind das alles zusammen Gründe, warum sich Menschen zur Morgenstunde in die Kälte stellen.

Ein absurder, schlechter Film. Ein schnödes Gerät. Beide provozieren sie den Ausbruch gewaltiger Emotionen, im einen Fall blutiger, im anderen Fall fröhlich-begeisterter Natur. Beide sind sie, wie ein Kollege anmerkte, Ergebnis einer sehr neuen Form der mehr oder minder orchestrierten Massen und Instant-Kommunikation, Resultat von Twitter-, Facebook- und Youtube-Wirklichkeit. Und beide bestimmen sie an diesem Tag die Nachrichten. Nein, große Schlüsse über eine höhere Wahrheit lässt sich aus dieser Koinzidenz ähnlicher Phänomene nicht ableiten, auch wenn es sogar Zusammenhänge geben mag, wenn möglicherweise wieder soziale Netzwerke - SMS-Netze, digitale Kommunikation - für die effektive Organisation von Demonstrationen wichtig waren und sind. Insofern hatten die kritischen Kollegen sicher Recht, die sich in der Morgenkonferenz dagegen gewehrt haben, dass wir die beiden Themen schlicht zusammenwerfen. Aber der Blick durch eine Linse auf beide Tagesereignisse zeigt doch, dass es bisweilen nicht schlecht ist, auch den eigenen Götzen mit aufklärerischen Blicken zu begegnen - wenn man dies schon bei den anderen anmahnt.