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David Ben Gurion: "Der Alte" und sein Staat

Einer der wichtigsten Geburtshelfer des Staates Israel war David Ben Gurion, im Volksmund respektvoll "der Alte" genannt. Der gebürtige Pole verfolgte dabei eine radikale Strategie: Wenn die Juden massenweise das Land besiedeln und fruchtbar machen - dann wird sich auch die Hoffnung auf einen eigenen Staat erfüllen.

Von Bernd Petersen

Als er und seine Frau Paula an jenem Freitag kurz vor 16 Uhr in der Diezengoff Straße aus der schwarzen Limousine steigen, erwidert David Ben Gurion stolz und selbstbewusst den Gruß eines Polizisten. Es ist der 14. Mai 1948. Die Briten haben ihren Abzug und das Ende ihrer Herrschaft über Palästina für den nächsten Tag angekündigt. Im Saal des damaligen Kunstmuseums von Tel Aviv warten bereits zahlreiche Politiker und Ehrengäste. Minuten später bittet der 61-Jährige die versammelten Gäste um Ruhe. Danach erheben sich die Anwesenden und singen spontan die Hatikwa ("Hoffnung"), das Nationallied der zionistischen Bewegung. Um Punkt vier Uhr beginnt der künftige Ministerpräsident David Ben Gurion die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel zu verlesen.

Die Geburtsstunde Israels vor 60 Jahren ist der Höhepunkt im Leben des kleinen, untersetzten und rundlichen Mannes, der im Volksmund respektvoll "der Alte" genannt wurde. Jahrzehntelang hat der charismatische Mann mit dem silbernen Haarkranz, den dicken, buschigen weißen Augenbrauen und den blaugrauen Augen beharrlich und weitsichtig auf das eine Ziel hingearbeitet: die Gründung eines jüdischen Staates. Teddy Kollek, langjähriger Bürgermeister von Jerusalem und ein Weggefährte Ben Gurions wird später sagen: "Es war unser großes Glück, dass wir jemanden wie ihn hatten."

Das Verhältnis zu Weizmann ist gestört

Als hervorragender Stratege erkennt David Ben Gurion frühzeitig, dass England nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges seine Rolle als Weltmacht an Amerika verlieren wird. Immer wieder bereist der wortgewandte Redner das Ausland, vor allem die USA, um die Juden zur Einwanderung in Palästina aufzufordern. Als es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern kommt, verhängen die Briten in dem seit dem Ersten Weltkrieg unter ihrer Verwaltung stehenden Palästina einen Einwanderungsstopp. Chaim Weizmann, unumstrittener Führer der zionistischen Bewegung, glaubt indes an die vage Zusage der Briten, hier einen jüdischen Nationalstaat errichten zu können und an den Erfolg seiner eigenen Geheimdiplomatie.

Im Mai 1942 spricht Ben Gurion auf dem ersten nationalen Kongress der amerikanischen Juden in New York. Seine Forderungen nach einer unbegrenzten jüdischen Einwanderung in Palästina und Schaffung eines jüdischen Staates werden in der sogenannten Biltmore-Resolution aufgenommen. Danach gewinnt er bei den Juden in Palästina immer mehr an Einfluss, das Verhältnis zu Weizmann bleibt aber gestört. Als Berl Katznelson im August 1944 stirbt, verliert der impulsive und autoritäre Ben Gurion seinen einzigen wirklichen Freund, der ihn bisweilen zur Mäßigung ermahnte.

Das politische Tagesgeschäft ist Nebensache

Für den als David Gruen am 16. Oktober 1886 im polnischen Plonsk geborenen Ben Gurion sind Taten wichtiger als Worte. Das er dabei polarisiert, nimmt er in Kauf. Mit 20 setzt er das in die Tat um, wovon die ältere jüdische Generation immer geträumt hatte: die Auswanderung nach Palästina. Er ist überzeugt, wenn die Juden massenweise das Land besiedeln und fruchtbar machen, werden sich ihre Hoffnungen auf einen eigenen Staat erfüllen.

Im politischen Leben David Ben Gurions spielt das politische Tagesgeschäft eine untergeordnete Rolle. Mit 40 Jahren übernimmt er den Vorsitz im jüdischen Exekutivrat, dem obersten Organ der jüdischen Selbstverwaltung in Palästina. Weder sich noch seine Familie schonend, arbeitet er unermüdlich an seiner Vision von einem jüdischen Staat. Dabei geht er durchaus pragmatisch vor. Obwohl er einen flächenmäßig größeren Staat Israel plante, stimmt er 1946 den UN-Plänen einer Teilung Palästinas in einen jüdischen und arabischen Staat zu, um sich die Unterstützung der USA zu sichern. Für den von ihm erwarteten Krieg mit den arabischen Nachbarstaaten schickt er Emissäre zum Waffenkauf in alle Welt.

"Von dieser Jugend ist nichts Böses für die Juden zu befürchten"

Ben Gurion begreift auch, dass die seit langem ansässigen Siedler in Israel mit Beweisen für den Holocaust konfrontiert werden müssen, wie sie nur ein Eichmann-Prozess liefern konnte. Und reagiert: 1957 beauftragt er den israelischen Geheimdienst mit der Suche und Gefangennahme Eichmanns. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Mossad-Teams, dass Eichmann in Argentinien fasste, sagt später über Ben Gurion: "Er hatte einen wesentlich stärkeren Sinn für Geschichte als die meisten anderen von uns."

Für seine politischen Überzeugungen kämpft er mit starkem Willen gegen alle Widerstände. Obwohl die Bereitschaft Adenauers, Reparationen an Israel zu zahlen, in allen Teilen der israelischen Bevölkerung auf Ablehnung stößt, setzt Ben Gurion im Parlament, der Knesset, die Unterzeichnung eines Wiedergutmachungsabkommens mit der Bundesregierung durch. Als der deutsche Sozialdemokrat Carlo Schmid im Oktober 1959 mit seiner Tochter nach Israel reist, spricht Ben Gurion unter vier Augen mit ihr über die deutsche Jugend. "Von dieser Jugend ist nichts Böses für das Volk der Juden zu befürchten", weist er später deutschfeindliche Bemerkungen der Opposition in der Knesset zurück.

Golda Meir besteht auf Zensur

Ben Gurions Deutschlandpolitik bleibt umstritten. Als am 15. Juni 1963 Außenministerin Golda Meir den israelischen Ministerpräsidenten aufsucht, ist sie wütend. Eine deutsche Nachrichtenagentur hatte gemeldet, dass israelische Soldaten in der Bundesrepublik an neuen Waffen ausgebildet würden. Sie verlangt, die Militärzensurbehörde anzuweisen, diese Meldung nicht zur Veröffentlichung freizugeben. Ben Gurion lehnt ab. Teddy Kollek versucht noch am gleichen Tag zu vermitteln. Vergeblich. Am nächsten Morgen tritt Ben Gurion für immer zurück.

Einer seiner Schützlinge, der Friedensnobelpreisträger Shimon Peres schreibt in seinen Memoiren: "Als er (David Ben Gurion) die Bühne der jüdischen Geschichte verließ, befand sich die Nation auf dem neuen Pfad, den er vorgegeben hatte. Die Juden hatten ihre Souveränität in ihrem Land wieder etabliert und unter seiner Führung Anschluss an ihre Geschichte gefunden."