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Debatte nach Amoklauf: Vergesst das Waffenverbot!

In den Vereinigten Staaten gibt es mehr zivile Waffen als Einwohner - also schätzungsweise über 300 Millionen. Selbst wenn ein Verbot käme oder eine Verschärfung der Gesetze, würden Pistolen und Gewehre nicht einfach so verschwinden.

Von Peter Thomsen

Es ist nichts als ein Vorurteil, dass Amerikaner generell freien Zugang zu Schusswaffen hätten. Ein bisschen komplizierter ist es schon. In New York City zum Beispiel gibt es keine Waffengeschäfte. Dort sei es kaum erlaubt, eine Waffe überhaupt nur anzugucken, spotten die Landeseinwohner. In der Millionen-Metropole ist das Waffenrecht sogar strenger als in Deutschland.

40 Waffengesetze gibt es in den USA. Faustregel: je weiter westlich, desto freier der Erwerb. Im Bundesstaat Washington, am Pazifik gelegen, war der Autor dieses Beitrags einmal mit dem Erwerb eines Kalaschnikow-Gewehrs schon weit gediehen - lange vor der allgemeinen Terroristen-Hysterie. Über einen fairen Preis von 450 Dollar bestand alsbald Einigkeit. Am Ende scheiterte der Kauf am fehlenden US-Führerschein. Der internationale Führerschein interessierte den amerikanischen Verkäufer einen Dreck, der deutsche Jagdschein erst recht. Es musste unbedingt eine Driver's License aus dem Staate Washington sein.

Alle Versuche, den Waffenerwerb einzuschränken, scheiterten bislang

Bisher scheiterten alle Versuche, den Erwerb von Schusswaffen in den westlichen Bundesstaaten - um die geht es im Wesentlichen - generell zu erschweren. Denn das prinzipielle Recht auf Waffen steht im "Second Amendment", dem Zweiten Zusatz der amerikanischen Verfassung. Dieser Artikel aus dem 19. Jahrhundert wird von der "National Rifle Association'" (NRA), einem machtvollen Zusammenschluss von Jägern, Sportschützen und Traditionalisten, mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Man muss sich die amerikanische Geschichte vor Augen halten, um dieses emotionale Verhältnis zum Schießgerät nachzuvollziehen. Der Wilde Westen wurde "mit der Bibel und dem Colt" erobert, so geht die amerikanische Folklore. Der "Single Action Army Colt", beziehungsvoll auch "Peacemaker" (Friedensstifter) genannt, ist Schulkindern der USA so vertraut wie unserem Nachwuchs der Mercedes-Stern. Der erste Hinterlader des findigen Samuel Colt ist Standard-Darsteller in jedem Western. Und die Pferde-Oper ist den Amerikanern das, was den Deutschen ihr Heimatfilm ist.

Der längst veraltete Sechsschüsser wurde sogar im Zweiten Weltkrieg, 70 Jahre nach seiner Einführung, von einem Panzer-General der amerikanischen Army regelmäßig zur Uniform getragen. Folglich geht es in jeder US-Verbotsdiskussion nicht um Waffen, es geht um Ikonen.

11.000 Menschen sterben jedes Jahr in den USA an Schussverletzungen, so sagt die Statistik. Mehr als 30.000 werden verletzt. Es wären viel weniger, wenn Zivilpersonen nicht so leicht Zugang zu neuen Waffen hätte, sagen Reformer im Lande. Aber das ist pure Illusion - so ähnlich wie die Prohibition vor 70 Jahren. Warum? Groben Schätzungen zufolge gibt es im Lande mehr zivile Waffen als Einwohner, also reichlich 250 Millionen Stück. Die verschwinden nicht einfach nach einem Verbot und Schusswaffen haben ein langes Leben.

Führt ein Waffenverbot zum Bürgerkrieg?

Nicht einmal entschiedene Waffengegner denken daran, den Amerikanern ihre vorhandenen Blei-Schleudern wegzunehmen. Das könnte zu einem Bürgerkrieg führen, warnt die NRA. Die Amerikaner werden mit ihrem Waffenarsenal leben müssen - so oder so.

Die Statistik der Waffenverkäufe sind allerdings mit größter Vorsicht zu lesen, vor allem in den USA. Denn wo es keinen Waffenschein gibt, nicht mal einen Personalausweis, gibt es erst recht keine zahlenmäßige Registrierung.

Im übrigen sind auch über den Waffenbestand in Deutschland abenteuerliche Zahlen im Umlauf - zwischen zehn Millionen und 40 Millionen. Genau weiß das niemand, weil auch in Ländern mit amtlicher "Waffenbesitzkarte", wie in Deutschland, die meisten Waffen aus unausrottbarem Misstrauen gegenüber staatlicher Bürokratie nicht gemeldet werden.