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Debatte um erotische Literatur: "Ohne Hingabe ist Sex bloß Gymnastik"

Wenn Frauen über Sex schreiben, ist Aufmerksamkeit garantiert. Erst recht, wenn es sich um Unterwerfungsszenarien handelt, wie in dem Buch "Shades Of Grey". Warum das eher Ausdruck der Emanzipation als ein Rückschritt ist, erklärt Professorin Barbara Vinken.

Frau Vinken, in den USA steht das Buch "Shades Of Grey" seit Wochen in den Bestsellerlisten. Es handelt von einer jungen Studentin, die sich in einen reichen Unternehmer verliebt. Er fordert von ihr sexuelle Unterwerfung - und sie findet das wahnsinnig faszinierend. Warum ist gerade dieses Buch so erfolgreich? Stehen Frauen etwa insgeheim auf S/M?
Das Buch handelt zwar im weitesten Sinne von S/M, allerdings steht dahinter eine doch recht konventionelle Aschenputtel-Geschichte. Die Handlung ist mit einem bürgerlichen Aufstiegsszenario verbunden und bleibt innerhalb eines beruhigenden bürgerlichen Rahmens. Von daher trifft die Bezeichnung "Mommy-Porn", wie das Buch hierzulande genannt wird, eigentlich ganz gut. In Frankreich beispielsweise gibt es viel interessantere erotische Lektüre von Frauen, und dort gibt es diese Welle auch schon länger. Oder in Deutschland Charlotte Roche mit ihrem Roman "Feuchtgebiete". Diese Bücher zeigen, dass wir momentan an einem Punkt sind, an dem Sexualität, geschildert aus einer weiblichen Perspektive, wieder stark in den Vordergrund tritt.

"Das sexuelle Leben der Cathérine M.", "Feuchtgebiete", "Schoßgebete" oder nun "50 Shades Of Grey"- warum sorgt es immer noch für so viel Aufmerksamkeit, wenn Frauen über Sex schreiben?
Der erste Grund ist sicher, dass Frauen solche Bücher immer zurück auf den Leib geschrieben werden. Das heißt, die Geschichten werden biographisch gelesen - was sie manchmal sind, aber oft eben auch nicht. Und weil diese Bücher nicht als Kunst, sondern als Ausdruck von Leben gesehen werden, wirkt das wie eine Tabu-Überschreitung.

Warum funktioniert diese inszenierte Tabu-Überschreitung immer noch, im Jahr 2012?
Tja, seltsam kann man das schon finden. Erklären lässt es sich wohl so: Die bürgerliche Revolution, die ja eine moralische Revolution war, hat die Frau als das moralische, das Sich-verweigernde Geschlecht hervorgebracht. Die Frau ist die Nicht-Begehrende, während der Mann sozusagen immer will. Die Vorstellung, dass der Sex-Drive bei Männern stärker ist, ist in beiden Geschlechtern so tief verankert, dass das kaum diskutiert wird. Wenn Frauen offensiv über Sex reden oder schreiben, überschreiten sie diese im Bürgerlichen fixierte Gender-Norm. Und es kommt zu einer gewissen Schockwirkung. Eigentlich traurig. Wir sind immer noch auf dieser Stufe - der Mann als übergriffiger Libertin und die Frau als anständiges Zimmermädchen. Das ist natürlich auch eine Entmachtungsstrategie.

Aber es sind doch oft Feministinnen, die diese "Tabu-Überschreitung" als nicht positiv bewerten. Sie sehen darin eine Herabsetzung der Frauen - weil in solchen Bücher Klischees bejaht werden, gegen die man jahrelang gekämpft hat.
Es gibt einen Konflikt zwischen der modernen, emanzipierten Subjekt-Norm und dem, wie Erotik funktioniert. Erotik ist die Fähigkeit zur Hingabe. Es geht um die Auflösung des selbstbeherrschten Subjekts, um das Moment der Ekstase. Ohne diese Auflösung ist Sex nichts anderes als Gymnastik. Aber natürlich liegt in der Subjekt-Aufgabe ein gewisser Widerspruch zu einigen feministischen Strömungen. Insbesondere erotische Szenarien von totaler Hingabe oder Unterwerfung haben eine hohe Sprengkraft.

Eine größere Sprengkraft als bei Männern, weil Männer durch sexuelle Hingabe beziehungsweise Unterwerfungsszenarien ihre selbstbeherrschte Subjekt-Stellung nicht gefährden?
Tatsächlich haben Männer viel stärkere masochistisch geprägte Fantasien als Frauen. In der Realität ist Masochismus männlich - Domina-Studios laufen ja sehr gut. Bei Frauen bleibt es eher bei der Fantasie; zumindest es gibt keinen entsprechenden Sex-Markt. Aber bei Männern wird das nicht problematisiert.

Denken Sie, dass es einen Zusammenhang gibt, zwischen der gesellschaftlichen Stellung von Frauen und erotischen Unterwerfungsträumen? Sehnt sich die emanzipierte Frau nach einem harten Kerl?
Sie meinen, sexuelle Unterwerfung als Pendant zu Stiletto-Power? Nein, sicher nicht. Ich denke, dass es etwas mit der Hingabefähigkeit zu tun hat. Dass das Subjekt nicht auf seiner Subjekt-Position beharrt, sondern sich aus ihr heraus begibt. Insofern ist Hingabe auch gar keine Autonomie-Abgabe, sondern, wie einmal jemand gesagt hat: Man muss sehr viel Aktivität aufwenden, um zu dieser Passivität zu kommen.

Andrea Ritter