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Meinung

Kolumne: Hier spricht der Boomer: In Stein gehauenes Erbe der Kolonialzeit: Unsere Demokratie kann das aushalten

Denkmäler werden weggeräumt, Filme in den Giftschrank gepackt, um der Huldigung von Rassismus und Kolonialismus entgegenzuwirken. Unser Autor meint: Das große Aufräumen muss enden – und wir müssen selbst denken.

Von Frank Schmiechen

Denkmal in den Niederlanden; Gastautor Frank Schmiechen

Ein Arbeiter entfernt in Rotterdem die Farbe von der Statue von Piet Hein, der ehemals als Marineheld der niederländischen Kolonialzeit galt. Aktivisten hatten die Worte "Mörder" und "Dieb" auf die Statue gesprüht. Gastkommentator Frank Schmiechen meint: Solche Denkmäler regen zum Nachdenken an

DPA

Ich fühle mich ein bisschen wie unsere Katze. Wenn der Staubsauger aufheult, macht sie sich aus dem Staub. Bloß weg in den Garten. So ähnlich geht es mir gerade – weil das große Aufräumen in vollem Gange ist.

Statuen werden vom Sockel gestoßen, TV-Sendungen und Filme abgesetzt. Es wird ernsthaft gefragt, ob die mehr als 700 Bismarck-Denkmäler in Deutschland stehenbleiben dürfen. Otto von Bismarck (1815 – 1898) sei schließlich Begründer des deutschen Kolonialreiches mit all seinen Grausamkeiten gewesen.

Unsere Demokratie kann das aushalten

Der Film "Von Winde verweht" transportiere ein falsches Bild der Sklavenzeit in den USA, heißt es. Die Zeichentrickserie "Paw Patrol" zeichne ein zu freundliches Bild der amerikanischen Polizei, Monty-Python-Star John Cleese habe sich in einer TV-Serie rassistisch geäußert. Im deutschen Grundgesetz soll der Begriff "Rasse" gestrichen werden.

Gnade! Mich erinnert dieser Reinlichkeitsfuror an George Orwell. In seinem Roman "1984" ist ein "Ministerium für Wahrheit" damit beschäftigt, sämtliche Bücher, Filme und Medien aus Gegenwart und Vergangenheit an die herrschende Parteilinie anzupassen.

Keine Frage: Ein Sklavenhändler als Denkmal auf einem Sockel ist eine Provokation. Aber wir können das aushalten. Unsere Demokratie kann das aushalten.

Es kann ja sein, dass solche Statuen errichtet wurden, als man diese Männer noch bewundert hat. Als Form der Ehrerbietung. Heute haben sie eine andere Funktion: Sie regen – wie der Name schon sagt – zum Denken an. Denk mal! Wer sie zerstört, will auch das eigenverantwortliche Denken zerstören.

Wo endet der unheimliche Reinlichkeitsfimmel? Der Historiker Michael Zeuske sagte dem Deutschlandfunk: Wenn man es ernst meine mit der Aufklärung von Rassismus und Stürzen von Denkmälern, müsse man auch den Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804) in den Blick nehmen.

Wie bitte? Das klingt für mich wie eine Drohung.

Denn dann müssen wir auch sehr viele griechische Philosophen vom Sockel holen. Wegen ihrer Liebe zu jungen Knaben. Oder Goethe wegen seines Gedichtes "Heideröslein", weil es Menschen gibt, die eine Vergewaltigung hineinlesen.

Ich möchte jedenfalls selbst entscheiden

Unsere Sprache wird gereinigt. Essen ist eine Art Ersatzreligion, aus der alle schadhaften Bestandteile eliminiert werden. Seltsame Diäten sollen unsere Körper reinigen und von allen Giftstoffen befreien. An Hochschulen werden Redeverbote gegen Professoren durchgesetzt, deren Ideen nicht genehm sind.

Es ist unheimlich.

Ich will kein betreutes Leben, kein betreutes Denken. Keinen Reinlichkeitsfimmel, der am Ende nichts weiter als eine totalitäre Auslöschungsfantasie ist.

Zu viel Reinlichkeit lässt die Abwehrkräfte bei Kindern verkümmern, wissen kluge Eltern. Niemand wird mehr selbstständig zwischen gut und schlecht unterscheiden können. Ich möchte jedenfalls selbst entscheiden, was ich sage, esse, denke und lese. Das nennt man Freiheit.

Der große Philosoph Immanuel Kant schreibt: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Doch der gnadenlose Staubsauger der Aufräumer, die meinen, für uns denken zu müssen, heult gerade ohrenbetäubend. Schnell weg in den Garten!

wue