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Denkmal für Knut in Berlin enthüllt: Knut auch für dicke Kinder

Im Berliner Zoo ist die offizielle Knut-Statue enthüllt worden. Große Gefühle, fragwürdige Spenden, Croissants und drängelnde Rentner - es war alles dabei. Nur einer fehlte.

Von Elias Schneider

Sigmar? Hat irgendjemand Sigmar Gabriel gesehen? Nein.

Das Szenario ist eigentlich an Trostlosigkeit nicht zu überbieten. Ein kleiner Hügel am Rande des Eisbärgeheges im Berliner Zoo, inmitten wild wachsender Büsche. Über dem Hügel liegt eine scheinbar achtlos dahin geworfene Plastikplane. Rechts ein hölzernes Rednerpult, links eine Kiefer. Auf einer gläsernen Plakette steht, dass die Kiefer der Baum des Jahres 2007 war. Gleich nebenan lärmen Bauarbeiter.

Dennoch: Dies ist ein neuer Wallfahrtsort. So etwas wie das Lourdes der Kleinbärfetischisten. Denn unter der Plastikplane liegt ES, das bronzene Denkmal für Knut, den Eisbären. Wer könnte seine Kulleraugen je vergessen? Sein weiches Fell? Ach herrje. Schon eine halbe Stunde vor der offiziellen Einweihung drängen sich Rentner um den Plastikhügel, es sind vielleicht knapp hundert. Devotionalien werden abgelegt: laminierte Fotos, Anstecker, Blumen, Trauerschleifen ("Knut-Forever"). Das Medienaufgebot ist riesig, überall surren Kameras, flitzen Kugelschreiber über Blöcke. Manche Journalisten sprechen Russisch, andere Französisch oder Englisch. Wenn Europa ein Herz hat, dann schlägt es hier. Bei Knut, Eisbär a. D.

Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz kommt, groß und breitbeinig steht er in der Menge. Kritische Nachfragen zur Platzierung des Bronze-Knut weist er entschieden zurück: In Zukunft werde nebenan das neue, prestigeträchtige Vogelhaus fertiggestellt, es sei das in seiner Amtszeit teuerste Projekt des Zoos. Auch sonst lässt der Chef nichts auf seinen ehemaligen Publikumsmagneten kommen. Knut sei um einiges populärer als Knautschke, das früher auch irgendwie mal berühmte Flusspferd des Zoos. Die ersten tapsigen Schritte des kleinen Eisbären gingen um die Welt, bald gab es auch in Japan und Buenos Aires kein Halten mehr - Knut-Mania auf allen Kanälen.

"Das einzig Wichtige sind die Spuren der Liebe"

Der festliche Teil beginnt. Mühsam bahnt sich eine Reihe offiziell wirkender Sprecher mit Blaszkiewitz an der Spitze ihren Weg durch die Zuschauermassen. Bei den zeremoniellen Reden wird sich nichts geschenkt. "Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen", zitiert die Geschäftsführerin Gabriele Thöne gleich zu Anfang voller Pathos den Philosophen Albert Schweizer. Etliche süße und liebenswerte Eisbär-Anekdoten reihen sich aneinander. Knuts Mission findet Frau Thöne vom Magazin Houston Chronicle aus den Staaten auf den Punkt gebracht: Es ist der Klimaschutz - was sonst. Für viele sei er so etwas wie die Suche nach der verlorenen Unschuld gewesen. "Knuts Spuren sind auch unsere Spuren", schließt Thöne bedeutungsschwanger mit einer etwas diffusen Metapher. Egal, klingt gut. Auch der Vorsitzende des Zoo-Fördervereins, Thomas Ziolko, betont Knuts Rolle als Botschafter für den Artenschutz und für die Erhaltung seines Lebensraums, der Arktis. Nicht schlecht für einen in Zentraleuropa in Gefangenschaft geborenen Eisbären.

Zum Ende noch einmal Auftritt Blaszkiewitz. An der neuen Statue findet er besonders toll, dass man erkennt, dass es ein Eisbär ist - heiteres Gelächter. "Das ist bei Kunst nicht immer selbstverständlich!", setzt der Direktor in vollem Ernst hinterher. Im Gegensatz zu manch anderer Skulptur ist das Kunstwerk auch für alle zugänglich: "Selbst Kinder mit hoher Gewichtsmasse können sich raufsetzen. Es kann niemand tief fallen", so Blaszkiewitz im Hinblick auf die bescheidene Höhe von 1,15 Metern. Während der feierlichen Reden steht der Nürnberger Künstler der Knut-Statue, Josef Tabachnyk, stumm lächelnd daneben, fast ein bisschen bedröppelt sieht er aus. So richtig wohl scheint ihm bei dieser Veranstaltung nicht zu sein.

Als Knut noch lebte, bescherte der knuffige kleine Eisbär dem Berliner Zoo Gewinne in Millionenhöhe. Es fragt sich daher, warum das Denkmal über Spenden finanziert wurde. Nach Aussagen der Verantwortlichen sollte es eine Art Gemeinschaftsprojekt werden. Auffällig ist dabei nur, dass ein Großteil des Geldes von der Haribo Unternehmensgruppe kam. Der Süßwarenhersteller hatte schon zu Knuts Lebzeiten Gummibärchen in Form des Eisbären vermarktet. Die großzügige Unterstützung durch den Haribo-Chef Hans Riegel wird auf den Reden dann auch mehrmals erwähnt. An dieser makabren Eigenwerbung des Süßwarengiganten auf Kosten eines toten Eisbären scheint sich aber niemand besonders zu stören - es gibt Applaus.

Dann ist er da, der große Moment

Aber dann ist er da, der große Moment. Die Enthüllung der Statue. Unter einem Blitzlichtgewitter entfernen Direktor, Geschäftsführerin und der Künstler die Plasteplane. "Dit is ja so kleen, sah inner Zeitung viel größer aus", urteilt sogleich ein älterer Herr am Rand, "aber najut, is er ja och als Baby darjestellt". In der Tat ist die Statue, die Knut im Alter von anderthalb Jahren zeigt, eher klein gehalten. Soll sie aber auch, wir erinnern uns, die Kinder müssen ja drauf klettern können. Während die erwachsene Eisbärin Katjuscha im Gehege gelangweilt an einem Stück Fleisch nagt, sind die Zuschauer sichtlich gerührt. Blumen werden zur Statue gelegt, Bilder von Knut und seinem Pfleger Thomas Dörfler und auch einige Croissants. Mochte er die besonders gern? Egal, die Ergriffenheit ist greifbar. Jeder kämpft um einen Platz um die Statue zu fotografieren, zu filmen oder gar anzufassen.

Nur einer hat Knut anscheinend schon vergessen: SPD-Parteivorsitzender Sigmar Gabriel. Nicht lange nach der Geburt des kleinen Eisbären wurde er medienwirksam sein offizieller Pate, inklusive Fotostrecken und Statements in der Bild-Zeitung. Mit Knuts Tod starb anscheinend auch die Zuneigung des Spitzenpolitikers: Bei der Enthüllung der Statue, immerhin eine Art letzte Ehre für den berühmtesten Bären Berlins, fehlte von Gabriel jede Spur. Er ist grade zu Besuch bei Italiens Premierminister Mario Monti, um über die Zukunft Europas zu sprechen. Die große Politik ist ihm inzwischen wichtiger als sein kleiner Eisbärfreund. Noch so ein Trauerspiel an diesem grauen Herbsttag.