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Der Amoklauf von Columbine: Das Massaker als Erlösung

Genau zehn Jahre ist es her, dass beim Amoklauf an der Columbine Highschool 15 Menschen starben. "Sie steigerten sich in ihre Fantasien rein, sie wollten Gott spielen", sagt Joachim Gaertner im Interview mit stern.de über die beiden Täter. Der Autor hat 25.000 Seiten Material über die Attentäter von Columbine gesichtet, deren Amoklauf auch in Deutschland Nachahmer auf den Plan rief.

Herr Gaertner, für Ihr Buch über die beiden Attentäter von Littleton haben Sie 25.000 Seiten gesichtet. Was war das für Material?

Alles, was FBI und die Polizei über Dylan Klebold und Eric Harris zusammengetragen haben: Tagebücher, Liebesbriefe, Zeichnungen, Schulaufsätze, Chatprotokolle. Die Dokumente reichen bis in die Kindheit der Täter zurück. Außerdem habe ich alle Protokolle von den Notrufen und von den Vernehmungen mit Freunden und Tatzeugen bekommen.

Welches Dokument hat sie am meisten erschüttert?

Kurz vor der Tat hatte Harris geschrieben: "Wenn wir den Tag wider Erwarten überleben, kapern wir ein Flugzeug und lassen es über New York abstürzen." Und das zweieinhalb Jahre vor den Anschlägen vom 11. September: Da gefriert einem das Blut in den Adern. Erschütternd sind auch der unfassbare Hass und die detaillierten Fantasien, wie sie sich ihre Gewaltorgie ausmalten. Sie wollten am liebsten die ganze Menschheit töten.

Rührte der Hass aus bestimmten Erlebnissen?

Das war eine langjährige Entwicklung. Harris hat herzergreifende Kindheitserinnerungen aufgeschrieben, zum Beispiel von einem Tag mit seinem Vater beim Fischen. Da fühlte er zum ersten Mal in seinem Leben wirklich Frieden und Ruhe. Er hatte stark darunter gelitten, dass seine Familie so oft umgezogen war und er immer wieder alle Freunde verloren hatte. Ich habe auch verzweifelte Liebesbriefe gelesen, die er nie abgeschickt hatte. Und Harris berichtete von Mobbing in der Schule.

Das sind doch ganz normale Probleme, die Millionen Jugendliche haben. Was machte die beiden zu Attentätern?

Das liegt sicherlich an der psychischen Disposition des Einzelnen, wie er mit solchen Problemen umgeht. Klebold und Harris waren sehr einsam, verzweifelt und hasserfüllt. Sie bauten sich eine Fantasiewelt aus Hass, Gewalt und Rache auf, die sie aus Filmen und Computerspielen entlehnten und die sie sehr geschickt von der Außenwelt verbargen. Sie steigerten sich so krankhaft in diese Fantasien hinein, dass sie diese Fantasien Realität werden ließen, wollten Gott spielen. Vielleicht erhofften sie sich dadurch eine Erlösung von dem psychischen Druck.

Wie kamen sie auf den Plan zu einem Schulmassaker?

Im Laufe der Zeit verloren sie ihre Hemmungen. Fachleute sprechen von einem erweiterten Selbstmord: Die Täter fühlen sich wie in einem beklemmenden Tunnel, den sie immer weiter gehen müssen. Es wird immer enger, es gibt aber nur einen Ausweg, der Erlösung verspricht. Es gibt einen ungeheuren Druck, diesen Weg zu gehen. Dann haben sie mit der Welt abgeschlossen.

Warum haben die beiden dann nicht einfach Suizid begangen?

Solche Menschen wünschen sich einen möglichst spektakulären Abgang. Sie selbst sehen ja ihr Leben als völlig sinnlos an, fühlen sich klein und mickrig. Aber das wollen sie verschleiern. Ihren letzten Akt soll die ganze Welt wahrnehmen. Sie fühlen sich eigentlich überlegen und höherwertiger als alle anderen Menschen.

Klebold soll ein depressiver Typ gewesen sein, Harris der skrupellose Psychopath. Wie fanden sie zueinander?

Ihre Freundschaft bestand schon seit Jahren, sie wurde mit der Zeit immer exklusiver, die beiden isolierten sich immer mehr von anderen. Gerade aufgrund der unterschiedlichen Charaktere entwickelte sich eine fatale Interaktion zwischen den beiden. Sie spielten sich selbst gegenüber Rollen; vor Harris gebärdete sich Klebold als knallharter Typ, der auch über Leichen gehen kann. Aber das war er nicht, wie seine Tagebuchaufzeichnungen verraten.

War Harris die treibende Kraft?

Das kann man nicht sagen. Sie ergänzten sich gut, erst in ihrem Zusammenspiel entwickelte sich die unheilvolle Dynamik.

Wie professionell war die Planung der Tat?

Sie haben sich sehr viele Gedanken über allerhand Details gemacht, zum Beispiel wie man möglichst viele Waffen am Körper befestigen kann. Sie haben selbstgebastelte Bomben im Wald ausprobiert und Übungen veranstaltet.

Kamen ihnen zwischendurch auch mal Zweifel, ob sie die Tat wirklich ausführen sollten?

Wirkliche Zweifel nicht. Aber einmal hatte sich Klebold in ein Mädchen verliebt: Das war ein Moment, der ihn von den negativen Gedanken abbrachte. Als es dann nicht klappte, war es wiederum viel schlimmer als vorher. So gab es abschwächende und verstärkende Momente.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Klebold und Harris plötzlich ihren Amoklauf beendeten, warum Columbine viele andere Attentäter zu Nachahmungstaten inspirierte.

Wann standen Details der Tat fest, wie Tag, Bewaffnung, Vorgehen?

Wochen vorher. Ursprünglich hatten sie nicht den 20. April, sondern einen Tag vorher anvisiert. Das war der Jahrestag des "Oklahoma City Bombings", für diese Zeit war auch der Prozess vor dem Federal Court in Denver - Littleton ist ein Vorort von Denver - angesetzt. Warum sie kurzfristig die Tat verschoben, weiß man nicht.

Hatten sie bestimmte Ziele, beispielsweise eine bestimmte Anzahl von Opfern?

Es gab eine Hassliste mit Namen, aber die hat dann beim Attentat keine Rolle gespielt. Klebold und Harris haben völlig willkürlich getötet. Sie haben einigen Schülern die Waffe an den Kopf gehalten - und nicht abgedrückt. Im Moment der Gewaltorgie war wohl wichtiger, Gott zu spielen: zu entscheiden, wer überleben darf und wer nicht.

Wie gingen die Attentäter vor?

Zeugen beschrieben, dass Harris der kühle, konzentrierte Soldat war, während Klebold völlig ausrastete. Er schien das Töten viel mehr zu genießen. Dann hörten sie plötzlich auf. Sie liefen 40 Minuten ziellos herum und erschossen niemanden mehr, obwohl sie dazu noch viele Gelegenheiten hatten. Sie unternahmen nicht einmal mehr Versuche.

Was war bei den beiden geschehen?

Es muss bei ihnen eine dramatische Ernüchterung gegeben haben. Das Töten hatte ihnen wohl nicht die Erlösung gebracht, die sie sich vorgestellt hatten. Sie gingen zurück in die Bibliothek, wo sie die meisten Menschen umgebracht hatten, und erschossen sich.

Der Amoklauf von Columbine gilt als Vorbild für weitere Schulmassaker wie zum Beispiel in Erfurt 2002. Warum haben sich so viele spätere Attentäter von Klebold und Harris inspirieren lassen?

Da kamen mehrere Dinge zusammen: Zum einen war es bis dahin unvorstellbar, dass hochgerüstete Schüler wie Soldaten eine Schule stürmen und dort quasi einen Krieg anzetteln. Zum anderen gab es ein enormes Medienecho - aus Zufall. Denn wegen des Prozesses gegen den Oklahoma-Attentäter war die gesamte Weltpresse vor Ort. Innerhalb kürzester Zeit waren alle in Littleton, es gab von Beginn an eine Live-Berichterstattung, die Bilder gingen sofort in die ganze Welt.

Diese Bilder sind für jugendliche Amokläufer entscheidend?

Der Nachruhm ist sehr wichtig. Klebold und Harris wollten auch "Popstars" werden. Aus den Aufzeichnungen kann man herauslesen, wie sie ihre Selbstinszenierung planten. Sie hatten eine genaue Vorstellung davon, wie die Welt sie am Ende sehen sollte: "Unsere Aktion ist ein Zwei-Mann-Krieg gegen den Rest der Menschheit."

Warum wählen die Täter immer wieder Schulen aus, warum nicht eine Fußgänger-Zone oder die Party eines Klassenkameraden?

Die Schule wird wohl von vielen als repräsentativer Ort der feindlichen Umwelt begriffen. Und die Täter planen meistens lange ihre Tat und können so auf ein konkretes Objekt ihren Hass projizieren.

Haben Sie in den Aufzeichnungen von Klebold und Harris kurz vor der Tat auch Hinweise gefunden, dass sie sich alternativ eine glückliche Zukunft vorstellen konnten?

Bis zum Schluss lief in ihrem bürgerlichen Leben alles ganz normal weiter, sie hatten guten Noten, feierten drei Tage vor der Tat auf dem Abschlussball. Sie hatten Vorstellungen davon, wie es nach der Schule weitergehen könnte. Klebold hatte sich Zimmer in Tucson, Arizona angeschaut, wo er später scheinbar studieren wollte. Sicherlich gab es auch die Hoffnung, noch die große Liebe zu finden. Aber bei Klebolds letzten Einträgen wird nicht klar, ob sich seine Liebessehnsucht auf ein Mädchen bezieht oder auf den Tod.

Interview: Sönke Wiese