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Der Fall Kampusch: Auf der Suche nach einem zweiten Täter

Der Fall Natascha Kampusch wird komplett neu aufgerollt. Endlich, erscheint doch vieles an den damaligen Ermittlungen der Behörde in Österreich schlichtweg unfassbar. Die wichtigste Frage lautet jetzt: Hatte Wolfgang Priklopil einen Komplizen?

Von Markus Götting

Nun wird der Fall Natascha Kampusch mehr als zehn Jahre nach ihrer Entführung offiziell neu aufgerollt. Der stern und stern.de hatten darüber bereits Anfang Juni berichtet, damals allerdings wollten die österreichischen Behörden noch nichts bestätigen. Der Fall ist schließlich ein Politikum. Dass sich das Justizministerium in Wien nun nach intensiven Gesprächen mit den Kollegen aus dem Innen-Ressort zu diesem Schritt entschlossen hat, ist eine überfällige Entscheidung. Eine Sonderkommission, die wohl schon nächste Woche ihre Arbeit aufnehmen wird, soll klären, ob Kampuschs Entführer Wolfgang Priklopil einen Mittäter hatte - oder zumindest einen Mitwisser.

Die Causa Kampusch begann in einer tristen Sozialsiedlung am Rande der Stadt, es ist eine Gegend, in der schon morgens um zehn die ersten Besoffenen über die sparsamen Grünflächen zwischen den Plattenbauten torkeln. Im historischen Ambiente der Wiener Hofburg nahm sie nun eine interessante Wendung. Dort wirkte Ludwig Adamovich, einer der renommiertesten Juristen des Landes - quasi die letzte neutrale Instanz. Adamovich war 19 Jahre lang Präsident des österreichischen Verfassungsgerichtshofs, im Frühjahr leitete er eine interne Kommission des Innenministeriums, die untersuchte, wer die polizeilichen Ermittlungen wann und wie behindert hat. Oder verhindert. Es sind viele Fragen offen geblieben. Jetzt ist es Zeit, Antworten zu finden.

"Ich kann keine Namen nennen"

Wenn es so etwas gibt wie eine Erzählstruktur im größten Kriminal-Epos des Landes, dann ist es die Rätselhaftigkeit. Viele Zweifel und Widersprüche. Es ist eine Geschichte mit dubiosen und kuriosen Figuren, die viel erzählt über die chaotischen Zustände in der österreichischen Exekutive, ein Sittengemälde der dortigen Politik.

Es gibt ein paar Momente der Wahrhaftigkeit in diesem Fall. Die ersten Stunden nach ihrer Befreiung verbrachte Natascha Kampusch auf der Polizeidienststelle in Deutsch-Wagram, und bis zum Eintreffen der Kripo kümmerte sich die junge Streifenbeamtin Sabine F. um das Opfer. Sie ging die übliche Checkliste durch: Missbrauch, Vergewaltigung, alles. Und auf die Frage, ob es mehrere Täter gab, antwortete Natascha Kampusch: "Ich kann keine Namen nennen." Wie anders als mit ja sollte man ihn interpretieren?

Achteinhalb Jahre zuvor, am Tag nach Nataschas Verschwinden, hatte sich eine Zeugin bei der Polizei gemeldet, ein irakisches Mädchen, das zwei Männer in einem weißen Lieferwagen beobachtet hatte. Einer am Steuer, einer, der Natascha Kampusch in den Wagen zog - Wolfgang Priklopil. Nach einem weißen Lieferwagen ließ die Polizei fahnden, nicht aber nach zwei Tätern. Sie beschrieb den Fahrer des Wagens als einen Mann mit Stoppelhaaren.

Außer seinem Geschäftspartner Ernst H., mit dem er im Baugeschäft tätig war, hatte Wolfgang Priklopil kaum Freunde. H. verbrachte nach Kampuschs Flucht den ganzen Tag mit Priklopil; die Polizei verhörte ihn ein paar Mal in jenen Tagen nach Priklopils Selbstmord. Und wenn man die Vernehmungsprotokolle liest, muss man schon sehr staunen über die Widersprüche in den Aussagen des Ingenieurs - vor allem aber über die Naivität der Beamten. Nun gibt es also ein paar Leute, die sich fragen, wie Herr H. wohl vor zehn Jahren ausgesehen hat.

Viele offene Fragen

Ein gutes Jahr nach Frau Kampuschs Flucht hatten Polizeibeamten in einem 40-seitigen Bericht für die Staatsanwaltschaft viele offene Fragen formuliert, eigentlich eine Steilvorlage für weitere Untersuchungen. "Ein Staatsanwalt mit Interesse hätte sofort mehr Ermittlungen verlangt", klagte ein Polizist.

Vieles an den Ermittlungen erscheint unfassbar. Bei der Durchsuchung im Hause Priklopil fanden Beamte so genannte Mini-DV-Bänder. Sie mussten ungeprüft und versiegelt dem Untersuchungsrichter überstellt werden. Einige Beweismittel aus dem Haus in Strasshof bei Wien - darunter Videobänder, Notizzettel und Kleidung - wurden Frau Kampusch ausgehändigt. Ein erstes erkennungsdienstliches Foto Natascha Kampuschs, aufgenommen direkt nach ihrer Befreiung, wurde auf Weisung, des damaligen Soko-Chefs vernichtet. Offenbar waren die Ermittler Soko (in wohl berechtigter) Sorge, dieses Foto könne aus einer undichten Stelle Zeitungen zugespielt werden. Soweit waren die Zustände in der Polizei: Niemand traute niemandem.

Der seinerzeit amtierende BKA-Präsident Herwig Haidinger war außer sich, als er davon erfuhr. Seine Wut steigerte sich, als er vier Wochen lang das Protokoll der ersten Kampusch-Vernehmung von seinem Untergebenen anforderte - erfolglos. Wenn man diesen ungeheuerlichen Email-Verkehr liest, kann man gut verstehen, dass sich Haidinger Anfang Februar entschloss, an die Presse zu gehen und seinen Unmut auf eine politische Ebene zu ziehen: Er beschuldigte das Innenministerium öffentlich, die Aufarbeitung der Ermittlungsfehler abgewürgt zu haben. Die Folge war ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu den Vorgängen im Ministerium. Die Rätsel im Fall Kampusch aber blieben.

Kampusch ist die einzige Zeugin

Natascha Kampusch begrüße es, dass nun wieder ermittelt werde in ihrem Fall, sagt ihr Anwalt Gerald Ganzger. Man darf vor allem gespannt sein auf die Rolle von H. - der befindet sich ja auf freiem Fuß, und es gehört zu den vielen Rätseln dieses Falles, dass Frau Kampusch vor ein paar Monaten der österreichischen Illustrierten "News" erzählte, in engem Kontakt zu H. zu stehen. Dass sie mittlerweile ein fast freundschaftliches Verhältnis verbinde. Dass sich Natascha Kampusch beschäftigt mit dem engsten Vertrauten ihres Peinigers, der ja zugleich ihre einzige Bezugsperson war, mag die reflexhafte Bewältigungsstrategie eines Entführungsopfers sein. Aber dass sie einen möglichen Mitwisser schützt? Das Problem in dieser Sache: Sie ist die einzige Zeugin.

In der Psychologie weiß man, dass traumatisierte Menschen sich ihre eigene Wirklichkeit konstruieren. Frei nach Freud gesprochen: Die Lüge ist auch nur eine Form der Verdrängung. Sie funktioniert wie ein innerer Schutzwall gegen die Dämonen der Vergangenheit. Viele Opfer sprechen erst nach Jahren wirklich über das, was ihnen widerfahren ist. Natascha Kampusch hat ohnehin nie viel zur Sache geredet. Jedenfalls nicht mit den Ermittlern. Ein Polizist klagt: "Immer, wenn es in den Vernehmungen ans Eingemachte ging, schritten ihre Anwälte und Betreuer mit Hinweis auf ihre Traumatisierung systematisch ein."

Kampuschs Anwälte haben früh darauf gedrängt, den Fall so schnell wie möglich für beendet zu erklären. Warum ihnen das auch gelang, darüber kann man nur spekulieren. Jetzt sagt ihr Anwalt Ganzger: "Natascha Kampusch persönlich hat keine eigene Wahrnehmung zu einem Mittäter." Das klingt ziemlich verschwurbelt. Und lässt Raum für eine Menge Spekulationen.