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Schwuler Ex-Priester: "Ich gehorchte der Kirchendiktatur"

Der homosexuelle Ex-Monsignore Krzysztof Charamsa über die Jahre in der römischen Glaubenskongregation und seinen mühevollen Weg zum Coming-out.

Von Frank Ochmann

Krzysztof Charamsa im Priestergewand und sein Partner Edouard bei der Pressekonferenz zu Charamsas Coming-out

Der Ex-Monsignore Krzysztof Charamsa (l.) und sein Partner Edouard (r.) bei der Pressekonferenz zu Charamsas Coming-out in Rom Anfang Oktober

Herr Charamsa, schon kurz nach Ihrem öffentlichen Coming-out in Rom, unmittelbar vor der Bischofssynode über die Familie, haben Sie alle vatikanischen Ämter verloren.

Ja. Das habe ich allerdings zuerst von Journalisten erfahren.

Nun hat Ihnen Ihr polnischer Heimatbischof von Pelplin auch die Ausübung des Priesteramtes verboten. Hat Sie die schnelle Bestrafung enttäuscht?

Sicher. Aber in der katholischen Kirche geschieht so etwas automatisch. Ohne eine Möglichkeit, seine Situation zu erklären. Wir haben immer gepredigt, die Kirche sei für die Menschen da. Aber wenn es darauf ankommt, bist du eine Aktennummer.

Es hat bislang kein Gespräch mit Ihrem Bischof gegeben?

Am ersten Tag, dem 3. Oktober, hat er mich angerufen. Danach haben wir uns E-Mails geschrieben. Ich sollte zu ihm kommen. Dem habe ich zugestimmt, aber verlangt, mich inhaltlich darauf vorbereiten zu können. Ich habe ihm auch geschrieben, dass ich für die Reise kein Geld habe. Ich bin ja jetzt ohne Arbeit. Im Vatikan erzählen sie, ich hätte für Interviews 50.000 Euro bekommen. Ein schönes Leben wäre das! Aber ich habe nicht einen Euro erhalten.

Immerhin scheint Ihnen der Bischof einen Dialog angeboten zu haben.

Nein. Er hat mich aufgefordert, alles zu widerrufen. Wie bitte? Soll ich also bekannt geben, ich sei wohl doch heterosexuell?

Hat er Ihnen keine Brücke gebaut?

Ich wäre jetzt halt aufgewühlt, hat er gesagt. Und ich hätte offenbar Probleme, über die wir sprechen müssten. Aber ich habe kein Problem mehr mit meiner Homosexualität! Ich bin glücklich, dass ich endlich dazu stehen kann. Ich leide nur unter der Homophobie der Kirche! Aber das will keiner wissen. In der polnischen Kirche oder im Vatikan musst du funktionieren. Da gibt es keine Diskussion. Gott sei Dank haben sie mich nicht noch zu einer Therapie schicken können. Denn so läuft das sonst. Wenn sie erfahren, dass ein Priester schwul ist, schicken sie ihn zum Arzt.

Priester, die Kinder missbraucht haben, wurden von ihren Bischöfen manchmal über Jahrzehnte gedeckt. Bei Ihnen brauchte es keine drei Wochen, um Sie aus allen Ämtern zu feuern. Ist Homosexualität in den Augen der offiziellen Kirche etwa schlimmer als Missbrauch?

Aber ja! Ein alter italienischer Priester wurde im Fernsehen zu meinem Fall befragt. Homosexuelle seien krank, sagte er. Pädophilie aber könne er verstehen. Vor allem die Kinder aus zerrütteten Familien brauchten doch Zuwendung. 2013 hat der damalige Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz so ähnlich gepredigt. Am Kindesmissbrauch seien Feministinnen schuld und Geschiedene. Als eine Feministin in Polen den Bischof deswegen anzeigte, hat sie vor Gericht verloren. Das ist unglaublich!

Sind Sie aus Polen angefeindet worden?

Klar! Sie haben über mich geschrieben, ich sei ein Dämon im Talar. Auf Twitter habe ich gelesen, es sei gut, dass der Bischof die Juden und die Schwulen eliminiere. So sind sie - antisemitisch und homophob.

Waren alle Reaktionen so ablehnend?

Nein. Ich habe zum Beispiel Briefe von meinen Studenten aus Rom bekommen. Die haben sich bei mir bedankt. Natürlich macht das von denen keiner publik. Aber sie haben zumindest keine Angst, mir zu schreiben. Das war schön. So menschlich.

Was sagen denn Ihre Eltern?

Meine Familie ist fantastisch! Ich weiß aber auch, wie sie dafür in Polen leiden muss. Und das ist ein Drama für mich. Mir geht es hier in Barcelona so gut. Ich bin frei. Und dann fällt mir wieder meine Mutter ein, die wegen der Anfeindungen inzwischen wegziehen will. Haben Sie gehört, was der guineische Kurienkardinal Robert Sarah bei der Bischofssynode gesagt hat, ein enger Mitarbeiter des Papstes? Homosexuelle seien die Nazis von heute!

Er hat sie auch in einen Topf mit dem "Islamischen Staat" geworfen.

Das ist doch ein Verbrechen! Diesen Mann müsste man hinauswerfen. Doch in Wahrheit denkt einer wie Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, genauso. Und auch die ganze Kongregation ist dieser Auffassung. Aussprechen aber lässt man das lieber andere.

Nun haben Sie selbst in dieser Kongregation seit 2013 gearbeitet und wohl auch nicht widersprochen.

Ich bin dort aber sehr schnell in einen inneren Konflikt geraten.

Haben Sie erst in der Glaubenskongregation Ihre Homosexualität entdeckt?

Nein. Fast mein ganzes Leben lang war ich deshalb in Angst vor mir selbst. Zuerst muss man bei einem Coming-out mit sich ins Reine kommen. Aber das war ein Krieg! Vom ersten Augenblick an, in dem ich mir meiner Sexualität bewusst wurde, habe ich mich auch als homosexuell erlebt. Da war ich noch klein. Und da fing ich an zu beten. Mein ganzes Leben war ein einziges großes Gebet: Gott, bitte nimm das von mir!

Sind Sie deshalb auch Priester geworden? Um sich selbst zu opfern?

Möglich. Als ich geweiht wurde, war Homosexualität für mich jedenfalls nicht nur eine Krankheit. Ich fühlte mich verdammt, wie besessen. Und so denken viele in der katholischen Kirche heute noch.

Satan selbst knüpft angeblich ein schwules Netzwerk des Verderbens.

Oh ja. Im Vatikan sind sie davon überzeugt, dass die "Gay Lobby" inzwischen Europa beherrscht, vielleicht die ganze Welt. Sie steuert vermeintlich auch die Wissenschaft. Darum seien all deren Einsichten über Homosexualität nichts als Ideologie.

Entspricht das jenem Katholizismus, in dem Sie in Polen aufgewachsen sind?

Nein, aber ein Leben ohne Kirche ist in meiner Familie nicht vorstellbar. Meine Mutter hat in der Schule Religion unterrichtet. Wann immer ich zu Hause war, besuchte uns auch unser Bischof.

Sie waren aber keine Traditionalisten.

Nein. Die Familie lebte auch immer schon verstreut. Bei uns war Europa versammelt. So war der Kontakt zu anderen Konfessionen und Mentalitäten normal.

Für Ihre geistige Befreiung hat das offenbar noch nicht gereicht. Sie haben in der Kirche Karriere gemacht und fanden sich schließlich in der Glaubenskongregation wieder – dabei hätten Sie zumindest nach heutigem Recht nicht einmal geweiht werden dürfen. Homosexuellen ist das Priesteramt ja seit 2005 verboten.

Oh, ich kenne diese Vorschrift gut. Ich habe den Text zwar nicht selbst geschrieben, aber in meinem Büro wurde er wie alle Dokumente des Heiligen Stuhls geprüft.

Was denkt ein verklemmter Schwuler, wenn er so etwas liest?

Ich stürzte in eine existenzielle Krise. Als Vertreter der Glaubenskongregation musste ich den Text nicht nur gutheißen, sondern erläutern, warum er gar nicht anders hätte geschrieben werden können! Alle bestehenden Weihen von Homosexuellen waren zwar gültig. In Zukunft aber galten alle Schwulen pauschal als ungeeignet. Für mich war das eine Tragödie.

Nur für Sie?

Ein Kollege hat mich damals gefragt, ob wir wohl richtig handelten. Aber das war zu einer Zeit, da ich mit meiner Homosexualität noch große Probleme hatte. So habe ich geantwortet, es wäre unsere Pflicht, diesen Text zu verteidigen. Dann bin ich in mein Büro gegangen und habe geweint.

Sie kämpfen auch jetzt mit den Tränen, während Sie darüber sprechen.

Was wir da taten, war doch wie Rassismus! So hat man einmal über Juden geurteilt. Auch von uns wurde einer bestimmten Gruppe das volle Menschsein abgesprochen. Wir entschieden ausnahmslos, dass ein Homosexueller nie ganz zur Reife kommen könnte. Aber ich war doch ein guter Priester! Und ich bin ein guter Priester! Doch damals haben wir Homosexuelle zu Menschen zweiter Klasse gemacht.

Begann da Ihr Weg zum Coming-out?

Noch nicht. Ich habe zunächst weiter gegen mich gekämpft und der Kirchendiktatur gehorcht. Aber damals habe ich angefangen, Homosexualität genauer zu studieren. Ich bekam es mit der Angst zu tun, als ich all die medizinische und psychologische Literatur las. Ich wusste doch, das konnte nicht alles Ideologie sein. Die sexuelle Orientierung des Menschen ist eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit. Aber im Vatikan wollten wir darüber nicht diskutieren.

Weil Sie ahnten, wie aussichtslos es war, die lehramtliche Position zu verteidigen?

Ja. Im Katechismus steht noch, Homosexualität sei in sich ungeordnet und wider die Natur. Eine Position des 19. Jahrhunderts. Wir wissen heute doch so viel mehr.

Hat nicht der jetzige Papst eine offenere Haltung gegenüber Homosexuellen?

Zunächst einmal ist Franziskus ein alter Mann, und er hat die Mentalität eines alten Mannes. Für ihn ist die Kirche die große Mutter. Und Schwule sind in deren Familie nichts Gutes. Als Erzbischof von Buenos Aires hat er ja in einem schlimmen Brief Nonnen aufgefordert, gegen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe zu beten. Die sei ein Produkt der Hölle.

Das sagt er so aber nicht mehr.

Als Papst hat sich sein Blick wohl geweitet. Das freut mich. Als er allerdings fragte, "Wer bin ich, dass ich richte?", da war das himmlische Gericht gemeint! Franziskus wollte Gott nicht vorgreifen. Hier unten aber gelten für Schwule weiter die Dokumente der Glaubenskongregation. Ich habe mich damals trotzdem gefreut. Endlich ein positives Wort. Heute allerdings sage ich, das war nur für die Medien. Denn in der Kirche hat es keine Folgen gehabt.

Mussten Sie deshalb mit ihr brechen?

Die Einsicht, dass ich Ordnung in meinem Leben schaffen musste, ist über Jahre gewachsen. Den Auftritt vor der Presse allerdings habe ich so erst kurz vorher entschieden. Erst eine Woche oder zehn Tage vorher habe ich eine entsprechende E-Mail an eine katholische Schwulengruppe in Rom geschickt. Und wie habe ich gelitten! Den ganzen Tag habe ich mich damit herumgequält, ob ich nun den Sende-Button anklicken soll oder doch besser nicht.

Konnten Sie nicht mit ihnen reden?

Ich war in Polen während dieser intensiven letzten beiden Wochen vor meinem Coming-out. Und ich hatte keine Idee, wie ich das machen sollte. Theoretisch aber war mir klar, wenn ich mich befreien wollte, dann musste das stark und laut geschehen. So liest man das auch über die Psychologie des Coming-outs.

Hätten Sie nicht ohne Skandal gehen können wie so viele Priester vor Ihnen?

Ich kenne etliche, die das gemacht haben. Viele von denen leben heute in Depressionen und Armut. Dazu plagt sie ihr Gewissen. Hätte ich einfach nur den Koffer gepackt und wäre gegangen, dann hätte ich die alten Komplexe und Schuldgefühle mitgenommen.

Also mussten Sie auch öffentlich alle Brücken abbrechen.

Zuerst wollte ich das in einem Park in der Nähe des Kolosseums machen. Ich habe nicht weit weg bei Ordensschwestern gewohnt. Und dort gibt es auch eine Straße, in der sich römische Schwule gern treffen.(lacht) Doch dann hat die Gruppe, mit der ich Kontakt hatte, ein Restaurant gemietet ...

... in dem schon der schwule Regisseur Pier Paolo Pasolini gern zu Besuch war.

Richtig. Was war das dann für eine Befreiung! Wie der Ausbruch aus einem Gefängnis. Aus Guantánamo! Mamma mia! Und es war so eine Hilfe, diese Gruppe an meiner Seite zu wissen. Ansonsten aber habe ich keine Unterstützung. Nur meine Familie. Und natürlich habe ich meinen Partner.

Wie lange kennen Sie Eduard Planas schon?

Ach, darüber können wir besser einmal reden, wenn er dabei ist. Lang genug jedenfalls, um zu wissen, dass wir uns wirklich lieben. Das ist nicht mehr nur die Verliebtheit des ersten Augenblicks. Wir kennen uns aber auch noch nicht so lange, dass ich über längere Zeit den Zölibat gebrochen hätte, wie jetzt behauptet wird. Doch Eduard verdanke ich, dass meine Angst verschwand. Selbst meine Predigten wurden besser. Zugleich wurde mir aber klar, dass ich so nicht weitermachen konnte.

Sie wären doch nicht der erste Priester mit einem Doppelleben.

Viele Mitbrüder haben zu mir gesagt, du hast eine gute Arbeit, bist versorgt und hast einen Menschen, den du liebst. Arbeite weiter in Rom, und er bleibt in Barcelona. Ihr könnt euch am Wochenende sehen. So denkt man in meiner Kirche! Warum regst du dich über die Dokumente der Glaubenskongregation zur Homosexualität auf, haben sie gefragt. Sie wüssten doch auch, dass das alles falsch sei. Aber deshalb müsste ich nicht gehen. Doch, ich musste gehen. Für ein Doppelleben fehlt mir die Begabung.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

In diesen Wochen lebe ich noch in der Euphorie. Wer nicht schwul ist, kann diese Gefühle vielleicht nicht verstehen. Wie das ist, wenn man sein ganzes Leben im Stress verbracht hat und der plötzlich weg ist. Ich habe aber noch nicht viel darüber nachdenken können, wie es weitergeht. Ich weiß nur, dass ich das Leben mit meinem Mann verbringen möchte.