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Der Weg aus der Sexismus-Falle: Das große Missverständnis

Die Sexismus-Debatte hat Fronten geschaffen. Dabei sind Mann und Frau das perfekte Team - wenn sie sich nur richtig verstehen. Coach Peter Modler verrät, wie das geht.

Von Sophie Albers

Herr Modler, Sie werden von Unternehmen gerufen, um Manager für den Umgang mit Frauen zu sensibilisieren. Haben Männer ein Problem mit Frauen?
So wie Frauen eines mit Männern haben. Beide Seiten sind naiv, wenn sie mit großer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass es nur eine Form der Kommunikation gebe - und zwar ihre.

Männer und Frauen haben also ein Verständigungsproblem?
Ein großes sogar. Die Soziolinguistik spricht vom vertikalen und horizontalen Sprachsystem. Im vertikalen, mehrheitlich (aber nicht ausschließlich) männlichen System geht es zuerst um die Rangordnung, die Machtpolitik. Hier ist es ausschlaggebend, was die Ranghöchsten auf ihre Fahnen schreiben. Und wenn die sagen, wir brauchen mehr Frauen im Management, dann zieht in der Regel das mittlere Management mit. Und das nicht unbedingt, weil sie inhaltlich überzeugt sind, sondern weil die oberen Bosse das vorgeben. Das ist oft ausreichend. Dieses System hat manchmal Probleme, schnell genug inhaltlich zu werden, was wiederum die Stärke des horizontalen Systems ist.

Das "Weibliche"...
Horizontal heißt, dass Informationen egalitär verteilt werden: "Ich erzähle dir meine Geheimnisse, du erzählst mir deine". Jede Seite achtet darauf, dass die andere ihr Gesicht wahren kann. Dieses System ist schnell sachorientiert, hat aber wiederum Probleme, schnell hierarchisch zu agieren, was in größeren Unternehmen zu Schwierigkeiten führen kann. Das Beste ist ein Mix der Systeme. Wenn Leute, die sehr schnell sachorientiert sind, mit Leuten am Tisch sitzen, die sehr schnell machtorientiert agieren, pusht im besten Fall der eine den anderen. Der Output kann unheimlich groß sein. Wenn es allerdings schlecht läuft, weil es keinerlei Übersetzungsmöglichkeiten zwischen dem horizontalen und dem vertikalen System gibt, wenn also beide Seiten an ihrer Naivität festhalten, blockieren sie sich, reiben sich aneinander auf, und alle fühlen sich unverstanden.

Und dann kommen Sie ins Spiel.
Genau, denn ich bin Unternehmensberater, kein Therapeut. Es geht um Produktivitäts- und Effizienzsteigerung, nicht um Selbsterfahrung. Wenn die deutsche Wirtschaft international mithalten will, braucht sie mehr Frauen in Führungspositionen, weil gemixte Teams an der Führungsspitze einfach am produktivsten sind.

Und wie funktioniert so ein Workshop?
Männer im Management sind meist zwischen 30 und 60 Jahre alt und haben sich selten konstruktiv mit der Unterschiedlichkeit der Geschlechter auseinandergesetzt. Die wollen eigentlich nur wissen: Was soll das Ganze mit Sonderrechten für Frauen oder sogar Quoten? Brauchen wir doch nicht, soll einfach jeder seine Arbeit machen und Schluss. Diese Männer sind an Theorie nicht im Geringsten interessiert. Ich brauche also ganz konkrete Fälle, in denen Frauen sich von Männern schlecht behandelt gefühlt haben. Die Beispiele kommen immer von Frauen, weil Männer offensichtlich nirgendwo niemals irgendein Problem gesehen haben. Das heißt nicht, dass es die nicht gibt, nur dass man es im offiziellen Rahmen nicht äußert. Wenn ich eine Liste mit solchen Fällen zusammen habe, engagiere ich eine Sparrings-Partnerin. Die muss nur die Bedingung erfüllen, eine Frau zu sein und reden zu können. Und sie darf nicht aus der betreffenden Firma kommen. Diese Frau wird nicht vorbereitet, sie bekommt keinerlei Regieanweisungen von mir. Sie weiß nur: Das ist die Firma XY, und da sitzen 30 männliche Führungskräfte.

Und die lassen Sie dann auf sie los?
Die Sparringspartnerin sitzt erstmal auf dem Gang. Mit den Männern bespreche ich die von mir eingeholten Beispiele. Klassiker sind Besprechungssituationen: Da steht der Außendienstchef mit einer Außendienstmitarbeiterin auf dem Firmenparkplatz und empfängt einen Kunden. Dann sagt der Außendienstchef, der seine Mitarbeiterin eigentlich schätzt: "Jetzt können wir über das technische Problem XY sprechen. Ich hab uns heute auch mal was Hübsches mitgebracht!" Ein Klassiker! "Was Hübsches", nicht mal "jemand Hübsches", was schon schlimm genug wär, nein, WAS Hübsches. Nun hole ich die Sparringspartnerin herein, und der Dialog wird mit ihr nachgestellt. Dann breche ich ab und frage die Sparringspartnerin, wie sie sich fühlt. Nach dieser Szene konnte die kaum sprechen, weil sie auf 180 war. Ich habe sie wieder rausgeschickt und die Männer gefragt, was sie glauben, warum die Frau auf 180 ist.

Und?
Da kommen die üblichen Reaktionen: "Die soll sich nicht so anstellen" oder "Die soll doch froh sein, dass sie mit darf". Dann reden wir darüber, wie sie es finden würden, wenn diese Außendienstmitarbeiterin ihre Tochter wäre oder ihre Frau. Und plötzlich finden sie es überhaupt nicht mehr witzig. Wir reden darüber, wie die Frau in der Situation bestehen kann. Ich hole die Sparringspartnerin wieder herein. In der Regel ist das Beste für sie, in dieser Situation ihren eigenen Rang darzustellen. Denn die anwesenden Leute sind nun mal aus einem vertikalen Kommunikationssystem, in dem die Rangordnung höchste Priorität hat. Darum hat es gar keinen Sinn, auf etwas inhaltlich einzugehen, die Wortwahl diskutieren zu wollen oder die persönliche Betroffenheit auszudrücken. Da verliert sie nur. Die Lösung war am Schluss, dass die Frau sich vor den Kunden stellt, ihm freundlich aber nicht überfreundlich in die Augen sieht und ganz deutlich sagt: "Ich bin die Außendienstmitarbeiterin der Abteilung A, und mein Name ist B." Als ich dann ihren Chef gefragt habe, den Urheber der blöden Bemerkung, wie es ihm nach der Reaktion der Frau gehe, meinte er, dass er wohl Unsinn geredet habe. Aber diese Erkenntnis kam eben nicht, weil die Frau es thematisiert hat, sondern erst als sie ihren eigenen beruflichen Rang deutlich gemacht hat.

Das hört sich ziemlich biologistisch an. Ich denke gerade an Wolfsrudel.
Mit dem Wort "biologistisch" wäre ich vorsichtig. Es gibt auch Männer, die horizontal, und Frauen, die vertikal kommunizieren. Man kann das nicht eins zu eins ans Geschlecht binden. Männer befinden sich mehrheitlich im vertikalen System, aber nicht ausschließlich. Und umgekehrt. Der andere Klassiker ist die Besprechung, bei der die Männer sich laufend begeistert ins Wort fallen, während die ein oder zwei Frauen am Tisch, die eigentlich super kompetent sind, sich überhaupt nicht beteiligen.

Weil es ihnen zu blöd ist.
Aber was soll das denn heißen "zu blöd"? Es heißt doch, dass sie genauso naiv sind wie die Männer am Tisch. Beide Seiten gehen vom alleinseligmachenden Sprachsystem aus. Und so laufen sie aneinander vorbei, anstatt sinnvoll in einem Team zu arbeiten. Moralisierende Kategorien sind nicht hilfreich.

Gibt es so etwas wie einen Mittelweg, oder ist das Erlernen der anderen Sprache die einzige Lösung?
Einen Mittelweg sehe ich nicht, eher dass man zweisprachig wird. Das Minimum, was man von Führungskräften, egal welchen Geschlechts, verlangen muss, ist, dass sie zweisprachig sind. Sie müssen von der vertikalen zur horizontalen Kommunikation wechseln können. Jemand, der naiv und beschränkt ununterbrochen auf seiner eigenen Sprachwelt besteht - das betrifft Männer wie Frauen - muss sich nicht wundern, wenn er das Geschäft an die Wand fährt.

Aber zur Zeit ist das auch ein quantitatives Problem, weil es mehr Männer als Frauen in Führungspositionen gibt.
Das ist der Punkt. Es gibt Branchen, in denen ist es schon gekippt. Im Sozialsektor zum Beispiel. Nehmen Sie ein privatwirtschaftliches Unternehmen für Pflegeleistungen. Ein männlicher Chef hat zu 95 Prozent weibliche Mitarbeiterinnen. Wenn dieser Chef diese nun behandelt wie eine israelische Fallschirmjägereinheit, werden die Frauen in den inneren Streik gehen und sein Geschäft wird früher oder später rote Zahlen schreiben. Der Mann hat eine ganz hohe Motivation, sich auf eine horizontale Kommunikation einzulassen.

Ist das wortwörtliche Verständnis auch eine Frage der Generationen?
Diese Vermutung höre ich immer wieder, aber ich kann sie leider nicht bestätigen. Jüngere männliche Führungskräfte haben das politisch korrekte Vokabular drauf. Sie wissen, dass man zur Kollegin nicht sagt "Stell dich nicht so an, Mädchen". Das sagt aber überhaupt nichts darüber aus, wie in der Firma mit Machtverteilung umgegangen wird. Ich glaube nicht, dass sich im tatsächlich machtpolitisch relevanten Verhalten viel verändert hat.

Was glauben Sie, wie lange wir noch brauchen?
Ziemlich lange! Die Medien rühren fest im Topf der Illusionssuppe, wenn sie schreiben, der Durchbruch stünde kurz bevor. Was die Einbeziehung des anderen Geschlechts im Machtgefüge betrifft, sind wir jetzt vielleicht raus aus der Talsohle, aber immer noch weit entfernt vom Pass. Und die Ebene unten im Tal, jenseits des Berges, sehen wir schon gar nicht. Wir sind im Anstieg, und man darf nicht so tun, als könne es keine Gerölllawinen, Unwetter und andere Rückschläge geben. Man muss damit rechnen. Das ist eine realistische Bestandsaufnahme.

Bringt uns die Sexismus-Debatte, wie wir sie gerade erleben, weiter?
Daran habe ich große Zweifel. Ich höre Männer immer wieder über die Brüderle-Diskussion reden, als sei das der Gipfel des Absurden. Das hat nicht mal die Oberfläche geritzt.

Also: Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen, weniger Naivität auf beiden Seiten und den Willen, Sprachen lernen.
Die Wurzel des Ganzen ist das Eingeständnis, dass diese andere Sorte Leute Fremde sind. Das lassen Männer wie Frauen oft nicht wirklich an sich heran. Dabei ist es einfach völlig sinnlos, gegenüber einem Fremden, der nicht meine Sprache spricht, das, was ich schon immer gesagt habe, immer lauter zu wiederholen.