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Monate der Passivität Keine Kreativität, keine Lebensfreude: Der zweite Lockdown erdrückt uns

Eine Frau sitzt gelangweilt am Rechner
Lethargie macht sich breit, wir können kaum noch etwas tun und genau das macht uns besonders müde
© fizkes / Getty Images
Im ersten Lockdown fanden die Menschen kreative Wege, mit der Krise umzugehen. Mittlerweile haben sich aber viele in ihren eigenen vier Wänden eingebuddelt – nicht nur physisch. Ein kollektiver Dämmerzustand macht sich breit, hat unser Autor beobachtet.

Wie war das noch zu Beginn der Corona-Zeit, der so nah und doch hunderte Jahre weit weg wirkt? Wir erinnern uns: Damals – laut Kalender vor gut einem Jahr – kam plötzlich dieses Virus auf, das zunächst kaum jemand ernst nahm und das dann innerhalb kürzester Zeit die Welt veränderte. Die Ereignisse überschlugen sich, überall gingen Länder in den Lockdown – eines dieser Worte, die wir seitdem ganz selbstverständlich benutzen. 

Mitte März 2020 war das, sofern man nicht gerade im Gesundheitssystem arbeitete, irgendwie spannend. Alles war neu: Homeoffice, Kontaktbeschränkungen, Schließungen. Das Leben fühlte sich an wie in einem Science-Fiction-Film, wenn auch einem mit sehr ernstem Hintergrund. Plötzlich hatten alle ganz viel Freizeit und waren wild entschlossen, sie zu nutzen. Auf den To-do-Listen standen: Zeit mit der Familie verbringen, Sprachen lernen, die ungelesenen Bücher aus dem Regal holen oder Brot backen – jeder, wie er wollte, verpflichtend war nur der Crashkurs in Virologie. Schließlich würde man nie wieder so viel Zeit haben wie in diesen zwei Wochen Lockdown.

Aus den zwei Wochen ist – mit kleinen Unterbrechungen – fast ein Jahr geworden. Viel ist seitdem passiert, und doch hat sich wenig geändert. Die Stimmung ist allerdings eine vollkommen andere: Bei aller Unsicherheit und Angst schwang im ersten Lockdown auch eine Art Aufbruchstimmung mit. Jeder wollte das Beste aus dieser Zeit machen. Im zweiten Lockdown, so wichtig und nötig er auch ist, hat sich das grundlegend geändert. Mittlerweile scheint die Pandemie jede Kreativität, Unbeschwertheit und Lebensfreude zu erdrücken.

Lockdown in Deutschland: ein Zustand kollektiver Schläfrigkeit

Dazu passt ein Wort, das der Journalist Markus Feldenkirchen neulich in einer Talkshow benutzt hat: Eine gewisse "Grundbräsigkeit" warf er der deutschen Politik in der Pandemie-Bekämpfung vor. Diese Einstellung scheint sich auf die Bevölkerung übertragen zu haben. Der große Teil wartet schläfrig und tatenlos auf das Ende des Lockdowns, von dem niemand weiß, wann es eintrifft. In den Wintermonaten gab es bei vielen schon immer eine Tendenz dazu. Winter und Lockdown zusammen verdammen uns zur völligen Passivität.

Das muss nicht per se schlecht sein. Man kann die Ruhe genießen und sich darüber bewusst werden, dass es sich dabei um ein absolutes Luxusproblem handelt. Andere Menschen, zum Beispiel Politiker, Krankenhauspersonal oder gestresste Eltern, würden sich derzeit über etwas Langeweile freuen. Doch von denen, die ihres Soziallebens beraubt sind, sonst aber ganz ordentlich durch die Pandemie kommen, befinden sich viele gefühlt in einer Art Dämmerzustand. 

Dafür gibt es verschiedene Indizien. Im Frühlingslockdown 2020 gingen viele für ältere Menschen einkaufen oder wenigstens regelmäßig laufen, man organisierte digitale Partys. Es gab kreative Wege, mit der Krise umzugehen. Nach fast einem Jahr Pandemie sind die so gut wie verschwunden. Wohnzimmerkonzerte haben sich abgenutzt, statt Sport zu machen, finden sich die meisten nun doch mit ein paar Kilo mehr ab und von digitaler Kommunikation haben viele nach dem Arbeitstag genug (auch dafür gibt es jetzt ein Wort: "Zoom-Fatigue").

Es fehlt an Leben

Die meisten haben sich einfach in ihr Schicksal gefügt. Man sieht das in den wenigen noch verbliebenen Gesprächen, die oft aus verschiedenen Variationen von "Es passiert nichts Neues" bestehen, oder im Internet. Zu Anfang der Pandemie schienen die Menschen die fehlenden direkten Kontakte über Social Media ausgleichen zu wollen und suchten die Kommunikation auf Instagram und Co. Mittlerweile ist es auch dort merklich stiller geworden, offenbar weil kaum noch jemand etwas Interessantes mitzuteilen hat. Was soll man auch erzählen? Ob es geschneit hat oder nicht, sieht doch jeder selbst – es kann ja ohnehin niemand in den Urlaub fahren.

Es fehlt an Inspiration, Einflüssen von außen, an Dingen, die es zu erleben gilt und zu erzählen lohnt. An Leben. Und es sieht nicht danach aus, als würde sich das bald ändern. Vor den "Lichtblick Impfung" am Horizont hat sich – zumindest in Deutschland – vorerst eine heraufziehende dritte Welle geschoben. Dieser kollektive Dämmerzustand könnte also noch eine ganze Weile anhalten.


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