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Der zweite Tag: Nur wenig Zeit für Pilger

Papst Benedikt XVI. hatte am zweiten Tag seines Aufenthalts in Köln nur wenig Zeit für die Jugend dieser Welt: Politiker und Würdenträger standen auf dem Besuchsprogramm - und der Papst schrieb damit Geschichte.

Papst Benedikt XVI. hat den zweiten Tag seines Deutschlandaufenthalts mit einem Besuch bei Bundespräsident Horst Köhler in der Villa Hammerschmidt begonnen. Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche wurde vor dem Bonner Amtssitz des Präsidenten von Köhler selbst empfangen. Im Haus trug sich der aus Deutschland stammende Joseph Ratzinger in das Gästebuch ein, bevor er sich mit Köhler zu einem Vier-Augen-Gespräch ins Kaminzimmer zurückzog. Zahlreiche Zuschauer säumten die Straßen in Bonn, um den Gast aus dem Vatikan zu sehen. Auch im Garten des Amtssitzes applaudierten mehrere hundert Gläubige dem Papst.

Bundespräsident und Papst hatten sich bereits am Donnerstag bei der Ankunft auf dem Köln-Bonner Flughafen getroffen. Köhler hatte in seiner Begrüßungsansprache die Freude der Bundesbürger zum Ausdruck gebracht, dass Benedikt XVI. nach seiner Papst-Wahl Ende April auf seiner ersten Auslandsreise sein Heimatland besuche. Zudem bewege es die Deutschen ganz besonders, dass einer von ihnen Papst geworden sei. In einer spontanen Geste hatte der Papst daraufhin die Rede des Bundespräsidenten ausdrücklich gelobt.

Historischer Besuch der Kölner Synagoge

Von Bonn aus fuhr Benedikt zurück nach Köln, um die Kölner Synagoge zu besuchen. Bei diesem Besuch hat der Papst jeglicher Art jede Form von Rassismus und Antisemitismus verurteilt. "Die katholische Kirche tritt ein für Toleranz, Respekt, Freundschaft und Frieden unter allen Völkern und Kulturen", sagte Benedikt XVI. am zweiten Tag seines Deutschlandbesuchs. Jede Diskriminierung eines Menschen um seiner Rasse, Farbe oder Religion willen widerspreche dem Christentum. Der Papst betonte dabei, er werde den von seinem Vorgänger Johannes Paul. II eingeschlagenen Weg zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Juden und Christen "mit voller Kraft" weitergehen. Das katholische Kirchenoberhaupt war zuvor vom jüdischen Gemeindevorstand Abraham Lehrer als "größter Brückenbauer" zwischen den Religionen begrüßt worden. Benedikt XVI. stehe für Akzeptanz und Toleranz gegenüber dem Judentum. Der Rabbiner der jüdischen Gemeinde, Netanel Teitelbaum sagte: "Ihr Besuch heute ist ein Schritt zum Frieden zwischen den Völkern der Welt, ein Zeichen gegen den früheren kirchlichen Antisemitismus." Zu Beginn seines Besuchs hatte der Papst zusammen mit dem Vorstand der jüdischen Gemeinde in der Gedenkhalle der Synagoge der Opfer des Holocaust gedacht.

Als historisches Ereignis hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, den Besuch von Papst Benedikt XVI. in der Kölner Synagoge bezeichnet. Er würdigte den Besuch des Papstes in der Synagoge als einen "wichtigen Schritt auf dem Weg zur Verständigung und Aussöhnung zwischen den Religionen." Es sei das erste Mal, dass ein Papst, dazu noch ein Deutscher, in Deutschland eine Synagoge betrete, kommentierte Spiegel in der "Rheinischen Post". Dies sei ein "sehr hoffnungsvolles Zeichen, dass wir wirklich auf einem Weg der Verständigung zwischen den Religionen sind".

Aufkeimenden Antisemitismus verhindern

Der Zentralsratspräsident appellierte an Benedikt XVI., seinen Einfluss geltend zu machen, um den laut Spiegel auch unter den Katholiken wieder aufkeimenden Antisemitismus zu verhindern. Spiegel hat sich "tief beeindruckt" über die Aussagen des Papstes beim Besuch der Kölner Synagoge gezeigt. Ihm habe besonders gefallen, dass Benedikt die "Gemeinsamkeiten von Christen und Juden in den Mittelpunkt gestellt hat", sagte Spiegel am Freitag. Benedikt XVI. habe sich zum Punkt der christlichen Mitschuld an der langen Verfolgung von Juden seinem Vorgänger Johannes Paul II. angeschlossen. "Die Geste des Besuchs und die Rede wirkt hoffnungsvoll in die Zukunft", sagte Spiegel, der sich nach eigenen Angaben beim Papst für die Rede bedankt hat. Er habe den Synagogenbesuch "sehr überzeugend und glaubwürdig" gefunden.

Für Verstimmung bei israelischen Regierungsvertretern sorgte allerdings unlängst, dass Benedikt den Terrorismus in London, Ägypten, der Türkei und im Irak verurteilt habe, nicht jedoch die Anschläge in Israel. Nach Papst Johannes Paul II. hat mit Benedikt XVI. erst zum zweiten Mal ein Papst überhaupt ein jüdisches Gotteshaus betreten. Benedikts Vorgänger hatte im April 1986 als Zeichen der Annäherung zwischen Christen und Juden die Synagoge in Rom besucht und die Juden stets als "ältere Geschwister der Christen" bezeichnet.

"Er ist, wie man sich einen lieben Opa vorstellt"

Nur wenige Jugendliche werden Papst Benedikt XVI. jemals so nahe kommen, wie Anna Franziska Herbst. Die 18-Jährige Schülerin aus Paderborn war eine von nur zwölf Jungen und Mädchen aus aller Herren Ländern, die das katholische Kirchenoberhaupt am Freitag zum Mittagessen bat. Umso verblüffender wirken die Worte, mit denen sie den Papst beschrieb: "Er ist wie man sich einen lieben Opa vorstellt", sagte sie augenzwinkernd. Papst Benedikt habe sich vor allem als guter Zuhörer erwiesen. "Er hat jeden einzelnen von uns gefragt, woher wir kommen und was wir studieren", berichtete die Schülerin. Die Paderbornerin selbst erzählte ihm von den "Tagen der Begegnung" in ihrem Bistum und von der Jugendarbeit in ihrer Gemeinde. "Ich finde es ganz toll, dass er sich der Papst dafür interessiert." Dabei war sie vor dem Gespräch schrecklich nervös. Aber die anfängliche Befangenheit der jungen Frauen und Männer, die von allen Kontinenten der Erde stammten, sei durch die herzliche, offene Art des Heiligen Vaters schnell verflogen.

"Eigentlich gab es für den Papst eine Forelle, die hat er aber abgelehnt, da sie zu schwer zu essen sei und er sich lieber auf des Gespräch konzentrieren wolle", berichtete die Schülerin. So aß der Heilige Vater das Gleiche wie seine Besucher: Salat, Omelett und Apfelstrudel mit Zimt. Während des Gesprächs habe der Heilige Vater als Dolmetscher fungiert, das habe die Situation sofort aufgelockert, erzählte Anna. Bei der Unterhaltung ging es aber nicht nur um leichte Kost, sondern auch um politische Fragen. Johny Bassous aus Palästina habe er gesagt, dass Frieden und Liebe zwischen Christen, Muslimen und Israelis in Palästina herrschen sollten. "Er hat uns etwas Wichtiges gesagt: dass wir als Jugendliche eine große Verantwortung für die Zukunft der Welt tragen und uns in der Kirche und der Gesellschaft für eine gerechtere Welt einsetzen sollen", berichtete Martin Hounzinme Adonha aus dem westafrikanischen Benin. "Das Essen hätte noch zwei Stunden länger dauern können", betonte Anna. Nach dem Mittagessen traf der Papst am Nachmittag mit dem evangelischen Bischof Huber zu einem ökumenischen Treffen zusammen.

Spontanes Bad in der Menge

Kontakt zu den Besuchern des Weltjugendtages gab es erst am späten Nachmittag. Als das Kirchenoberhaupt im Papamobil am Freitagabend zu einem Vespergottesdienst mit jungen Seminaristen vor der Kirche St. Pantaleon in der Kölner Altstadt vorfuhr, ging er überraschend die Reihen der Pilger hinter der Absperrung entlang, schüttelte Hände und wechselte mit den Zuschauern einige Worte. Erneut erschallten "Benedetto"- und "Papa"-Rufe. Die Gläubigen schwenkten Fahnen und applaudiertem dem Kirchenoberhaupt. Begleitet wurde er unter anderem vom Kölner Kardinal Joachim Meisner.

Auch im Innenhof des Gotteshauses jubelten dem strahlenden Papst viele hundert Gläubige zu, auch hier schüttelte Benedikt XVI. auf dem Weg zu dem draußen aufgebauten Altar zahlreiche Hände. Bisher war der am Donnerstag in Köln eingetroffene Papst für die Gläubigen vor allem aus dem Papamobil oder in großem Abstand zu sehen gewesen. In St. Pantaleon feierte der Papst mit rund 4000 Seminaristen aus 80 Nationen einen Vespergottesdienst. Trotz Regenwetters waren die Straßen in der Kölner Innenstadt erneut gesäumt von Zuschauern.

Der Höhepunkt des Weltjugendtages folgt am Wochenende. Auf zwei Massen-Gottesdiensten will Benedikt mit voraussichtlich etwa 800.000 Pilgern auf dem Marienfeld bei Köln feiern. Außerdem sind weitere politische Gespräche geplant.

Am Donnerstagabend war der Papst während einer Fahrt auf dem Rhein, beim Besuch des Kölner Doms sowie der anschließenden Fahrt im Papamobil durch die Innenstadt von Hunderttausenden Gläubigen bejubelt worden. Benedikt XVI., der zum Weltjugendtag im Kölner Erzbistum zu Besuch ist, bleibt bis Sonntagabend.

AP, DPA, Reuters / AP / DPA / Reuters