Deutsche Seemannsmission Seelenheil im Containerhafen


In Singapur, dem größten Containerhafen der Welt, kümmert sich ein Nürnberger Pastor um die Sorgen und Nöte der Seefahrer. Die Männer aus 40 Nationen versorgt er mit allem von Zeitungen bis zu Sandalen. Nur eines tut er nicht für sie.
Von Heike Sonnberger

"Sehen Sie, da liegt ein deutsches Schiff unter zypriotischer Flagge, auf dem ein polnischer Kapitän, ein Erster Offizier aus Rumänien und eine philippinische Besatzung arbeiten." Werner Strauß zeigt auf das Containerschiff "Medbay", das hinter einem grauen Regenvorhang im Singapurer Hafen schwimmt. Ein heftiger Tropenguss wühlt die Oberfläche des Meers auf und verschluckt die Silhouetten der Verladekräne.

Seit 15 Jahren Seemannspastor

Strauß kennt die Schiffe wie Pfarrer ihre Gemeinden. Er verbringt fast jeden Tag der Woche im größten Containerhafen der Welt. Rund 23 Millionen Container werden hier im Jahr verladen, in Hamburg sind es knapp neun Millionen. Der 64-Jährige arbeitet als Pastor für die Deutsche Seemannsmission und kümmert sich seit 15 Jahren um jene Seefahrer, die in Singapur vor Anker gehen. Seine Schäfchen sind hart gesottene Männer aus Myanmar und Vietnam, aus Deutschland, Kroatien und rund 40 weiteren Nationen - zusammengewürfelt auf den Schiffen und immer auf dem Sprung.

"Die Container haben die ganze Seefahrt kaputt gemacht", sagt Strauß. Früher dauerte es Tage, bis Kaffee und Reis aus dem Schiffsbauch trocken an Land gebracht waren. Heute heben gigantische Stahlkräne die tonnenschweren Container wie Bauklötze vom Deck. Jede Minute im Hafen kostet die Reedereien viel Geld. Der Crew bleiben meist nur ein paar Stunden, bevor sie die schwimmenden Stahlkolosse zurück auf See treiben muss.

Keine Zeit für Matrosenromantik

Der Nürnberger Pastor weiß, was sie in diesen Stunden brauchen. Er parkt seinen silbernen Kombi - sein "rollendes Büro" - vor der deutschen "Asia Star"* und öffnet den Kofferraum. Er stopft Zeitungen, Bücher und DVDs über das Leben Jesu in einen Wanderrucksack, stülpt sich einen Plastikhelm auf die grauen Haare und klettert über die Gangway auf die "Asia Star". Es riecht nach nassem Eisen, von den Kränen tropft Öl aufs Deck.

Fast 20 Männer aus Deutschland und den Philippinen arbeiten auf dem Schiff. Mit verklärter Matrosenromantik hat ihr Alltag nichts zu tun. Torsten Höhne* aus dem Sauerland hat seine Ausbildung zum Schiffsmechaniker fast abgeschlossen. Seit neun Wochen entrostet, fettet und schweißt er auf Deck oder kümmert sich um Ventile, Kolben und Kühler unter Deck. Er hat aufgehört zu zählen, wie oft er schon in Singapur war, doch die Finanzmetropole Südostasiens kennt er kaum. Dafür wartet er vor dem Hafen stundenlang auf einen Lotsen, der den Schiffskoloss zu seiner Anlegestelle und dann zurück aufs Meer schleust. Da bleibt keine Zeit zum Stadtbummel. Immerhin bräuchte er kein Visum wie viele seiner Kollegen, um die Stadt zu betreten.

Mit einem Seemann will kein Mädchen zusammen sein

Von alledem hat Höhne jetzt die Nase voll, denn so schwer hat sich der 20-Jährige das Leben auf See nicht vorgestellt. "Man kann sich erst sicher sein, dass man nach Hause kommt, wenn der Flieger abhebt", sagt er. Zweimal wurde seine Heimreise bereits verschoben. Im Sommer möchte er eine Umschulung zum Kfz-Mechaniker machen. Dann findet er vielleicht auch eine Freundin, denn mit einem Seemann möchte niemand gern liiert sein.

Die Sehnsucht nach ihren Familien ist der wundeste Punkt der Seefahrer. Ändern kann Strauß daran nichts. Aber oft reicht es schon, dass er Zeit hat zuzuhören. Er wirft Briefe an Ehefrauen ein, besorgt Telefonkarten und schaut sich geduldig Babyfotos und Neugeborene über Webcams an. "Viele Seemänner leiden darunter, dass sie kein Vater sein können, denn man kann nicht übers Telefon lieben", sagt er. Seemänner werden die Väter nicht aus Leidenschaft, sondern aus Geldnot.

Er besorgt schon mal Sandalen

Manchmal betreut Strauß tragische Fälle wie den Matrosen, bei dem Aids diagnostiziert wurde, und den, der wegen einer tödlichen Streiterei an Bord ins Singapurer Gefängnis kam und um sein Leben fürchtete. Seelsorge bedeutet für Strauß, dass sich sein Gegenüber die "Sorgen von der Seele wegspricht". Ob der dabei ein Heide, Muslim oder Hindu ist, interessiert den Pastor nicht. Er freut sich zwar, wenn sich ein Gespräch über Christus ergibt, drängt es aber niemandem auf. Im Alltag ist Strauß Pragmatiker. Stets bringt er Zeitungen und Bücher in verschiedenen Landessprachen auf die Schiffe. Gestresste Kapitäne versorgt er mit Schokolade und Mechanikern, deren Schiffe nur nachts vor Anker liegen, kauft er in der Stadt Sandalen. Zwischendurch notiert er Seemannswünsche und Schiffsnamen in dem kleinen grünen Notizbuch, das immer in seiner Brusttasche steckt.

Es gibt nur einen Wunsch, den er keinem der Männer erfüllen würde: "Ich sage ihnen nicht, wo das Rotlichtviertel ist. Das kann ich als Pastor nicht und als Vater erst recht nicht." Doch verurteilen möchte er die vielen Seefahrer, die sich mit nackten Frauenbildern ihre Kajüten schmücken, auch nicht. Containerschiffe sind eine der letzten Männerdomainen. "Ich weiß nicht, wie das ist. Ich habe es nicht erlebt." 130 Schiffe könnte der Pastor täglich besuchen. Er schafft im Schnitt vier. Vor Singapur hatte Strauß mit der Seefahrt nichts am Hut. Nach einer Banklehre und einem Theologiestudium in Wuppertal zog er 1971 mit seiner Frau nach Papua Neuguinea und arbeitete 20 Jahre als Missionar im Busch. Während Liesel Strauß in Wellblechhütten drei Kinder großzog und Dorffrauen das Lesen beibrachte, reiste ihr Mann von Stamm zu Stamm durchs Land. Die Rollen waren damals schon klar verteilt: "Ich bin der Innenminister, mein Mann ist der Außenminister und beide sind nötig für eine gute Politik", sagt Liesel Strauß.

Bald geht's in die unbekannte Heimat

Seit fast 40 Jahren leben die beiden nun in den Tropen. Es war ihnen dabei immer wichtig, ihre Identität zu bewahren für den Tag, an dem sie nach Deutschland zurückkehren. Das Ehepaar ist sich einig: "Man muss sich flexibel mit seinem Umfeld auseinandersetzen, aber man darf sich dabei nicht selbst verlieren." Mit ihren Kindern zogen sie sich deshalb sonntags im Dschungel schick an und aßen in der Wellblechhütte Fondue. Nächstes Jahr ist es soweit, dann Strauß wird pensioniert. Wohin sie wollen, wissen sie nicht. "Wir kennen in Deutschland ja nichts", sagt seine Frau Liesel. Sie vertrauen darauf, dass Gott ihnen ein neues Heim schenkt. Dort hat der Seemannspastor mit so viel Zeit für die Wünsche anderer dann endlich genug Zeit, um sich einen eigenen zu erfüllen: Er möchte Chinesisch lernen.

* Namen von der Redaktion geändert


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker