HOME

Deutscher Schulpreis: Die beste Schule Deutschlands

Schulen sind zu Labors geworden: Vielerorts versuchen Lehrer sich an neuen Formen des Unterrichts. Um herauszufinden, wo dies am besten gelingt, haben die Bosch- und die Heidehof-Stiftung, das ZDF und der stern den Deutschen Schulpreis ausgeschrieben. Bundespräsident Köhler kürte jetzt den Sieger: eine Grundschule in Dortmund.

Von Catrin Boldebuck

Tarik und Salem gehen zur Schule. Die Jungs laufen an der Heroldwiese entlang. Dort hängen schon vormittags ein Dutzend Männer mit Hunden und Bierflaschen herum. "Wir sollten nicht so dicht ran", sagt Salem und wird schneller. Die Neunjährigen eilen durch einen mit Graffiti beschmierten Tunnel unter dem Bahndamm. Bis zu ihrer Grundschule, der Kleinen Kielstraße, ist es nicht mehr weit. Sie liegt im Klammergriff einer Hochhaussiedlung, dem "Hannibal". In den Betonklötzen aus den 70er Jahren leben Menschen aus 30 Nationen.

Die Nordstadt von Dortmund mit 55 000 Bewohnern ist ein sozialer Brennpunkt: jeder Dritte arbeitslos, 40 Prozent bekommen vom Staat Geld zum Leben. Fast die Hälfte ist ausländischer Herkunft. Dönerbuden, Gemüseläden, Anwaltskanzleien - jeder dritte Betrieb gehört einem Migranten. Für Muslime wie die Familien von Tarik und Salem, die aus Bosnien stammen, gibt es 29 Moscheen. Dieser Stadtteil hat den höchsten Kinderanteil von Dortmund.

Früher lebten im Viertel hinter dem Hauptbahnhof Industriearbeiter mit ihren Familien, fast 25 000 Menschen malochten bis in die 70er Jahre in der Westfalenhütte. Heute ist das ehemalige Stahlwerk-Gelände die größte Industriebrache Europas, ein Gebiet von 20 Quadratkilometern. In den vergangenen zehn Jahren wurden Häuser saniert, Spielplätze gebaut und Grünstreifen angelegt. Illegale Prostitution und Drogenhandel werden bekämpft. Trotzdem: Wer Arbeit und Geld hat, zieht meist weg. Ausgerechnet in diesem sozialen Brennpunkt soll die beste Schule Deutschlands liegen?

So ist es, sagen elf renommierte Pädagogen und Schulexperten aus dem In- und Ausland. Sie haben die Kleine Kielstraße zur besten Schule in Deutschland gewählt. Am Montag überreichte Bundespräsident Horst Köhler in Berlin der Grundschule den Deutschen Schulpreis. Die erstmals verliehene Auszeichnung vergeben die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof-Stiftung in Kooperation mit dem stern und dem ZDF.

Ziel ist es, gute Schulen zu belohnen - und zugleich die Preisträger zu Vorbildern werden zu lassen, die ihre Erfahrungen an andere Schulen weitergeben. Ein Reformnetzwerk soll entstehen, eine stille Revolution angezettelt werden, von der Lehrer, Schüler und Eltern in ganz Deutschland profitieren: Sie erfahren, was eine gute Schule ausmacht.

481 Schulen haben sich für den Deutschen Schulpreis beworben - private und staatliche, Gymnasien, Haupt-, Real-, Gesamt-, Grund- und Sonderschulen. 18 kamen in die engere Wahl und wurden im Sommer von Experten der Jury besucht. Die Schulinspektion dauerte jeweils zwei Tage. Die Fachleute sprachen mit Lehrern, Eltern und Schülern und nahmen am Unterricht teil. Sechs Kriterien sind entscheidend für ihr Urteil, darunter Umgang mit vielfältiger Herkunft, Leistung und die Qualität des Unterrichts. Am Ende waren sie sich einig: Die Kleine Kielstraße ist die beste. Es gibt viele Schulen in Deutschland, die gute Arbeit leisten. Aber keine geht so konsequent vor wie die Kleine Kielstraße. Sie bekam in allen Bereichen Bestnoten.

Johan van Bruggen hat in den Niederlanden jahrzehntelang Schulen inspiziert. Die Dortmunder Grundschule hat ihn tief beeindruckt. "Sie hat das beste Konzept, macht systematischen Unterricht, es herrschen klare Regeln. Sie macht die Kinder stark für die Welt von heute und morgen. Von der Kleinen Kielstraße können sich alle Schulen etwas abgucken - auch Gymnasien."

Was macht die Kleine Kielstraße zur Siegerschule? Wie hat sie es geschafft, dass von den 72 Viertklässlern aus dem Jahrgang 2004 zwei Drittel aufs Gymnasium oder die Gesamtschule gehen, unter ihnen 42 Migrantenkinder?

Einige Besonderheiten fallen schon auf den ersten Blick auf: Erst- und Zweitklässler werden gemeinsam in einer Klasse unterrichtet. Die Türen zu den Klassenräumen stehen stets offen. Die Lehrer bereiten ihren Unterricht gemeinsam vor. Die Eltern werden per Vertrag zur Mitarbeit verpflichtet. Normal ist das nicht.

Üblicherweise landen 50 Prozent der Migrantenkinder auf einer Hauptschule, weitere 20 Prozent schaffen überhaupt keinen Abschluss. An den meisten Schulen überwiegt der Frontalunterricht: Die Lehrer stehen an der Tafel und stopfen Wissen in die Kinderköpfe. Dabei konzentrieren sie sich auf mittelmäßige Schüler, schwache und begabte werden nicht extra gefördert. Eltern werden zum Elternabend eingeladen - ob sie kommen, ist ihre Sache.

Am Schulgebäude kann es nicht liegen, dass die Kleine Kielstraße so gut ist: Der schlichte Bau ist fast 100 Jahre alt, früher war darin eine Sonderschule untergebracht. An den Schülern liegt es sicher auch nicht: 83 Prozent kommen aus Migrantenfamilien, oft mit schwieriger sozialer Situation und Deutsch als Zweitsprache. Sie stammen aus der Türkei und Griechenland, aus Russland, dem Libanon, Sri Lanka. Manche gehen ohne Frühstück zur Schule, einige tragen im Winter noch Sandalen. Ein paar wuchsen in Kriegsgebieten auf, viele ohne Vater.

Die Ausstattung mit Personal kann es ebenfalls nicht sein: 28 Lehrer unterrichten 395 Schüler. "Die Kleine Kielstraße erhält nur, was ihr zusteht", sagt Schulamtsdirektor Bernd Bandulewitz. Von außen betrachtet ist die Kleine Kielstraße eine normale Grundschule. Aber drinnen ist sie was ganz Besonderes.

Grund 1:

Der klassische Frontalunterricht ist abgeschafft. Die Kinder lernen selbstständig. Julia Herdramm, 32, ist die Klassenlehrerin der "Dumbos", einer der acht Eingangsklassen, in der Erst- und Zweitklässler gemeinsam lernen. Der Unterricht richtet sich nach den Schülern - und nicht umgekehrt. Jedes Kind lernt in seinem Tempo. Und die Großen helfen den Kleinen. Dazu bekommt jeder seinen individuellen Wochenplan mit Aufgaben.

In dieser Woche steht in den Eingangsklassen in Deutsch und Sachkunde "der Herbst" auf dem Lehrplan. Die 25 Kinder der "Dumbo"-Klasse sitzen auf Holzkisten im Kreis vor der Tafel, die mit bunten Blättern bemalt ist. In die Mitte hat Julia Herdramm Schalen mit Kastanien, Bucheckern und Eicheln gestellt. "Woran erkennt man ein Kastanienblatt?", fragt sie. Samuel meldet sich. "Es sieht aus wie die Finger einer Hand. Guck mal: so", erklärt er und spreizt die Finger. Dann kommen die anderen Blätter und Früchte dran, die Eiche, die Buche, der Ahorn. Anschließend arbeitet jedes Kind für sich.

Sie gehen zu den roten Ablagekörben, nehmen sich ein Arbeitsblatt und setzen sich an ihren Platz. Keiner rennt, keiner drängelt. Die siebenjährige Mirela erklärt der jüngeren Alina, welche Aufgabe sie als Nächstes lösen soll. Die neun Erstklässler müssen Blätter und Früchte zuordnen, die 16 Zweitklässler außerdem die Bäume.

Fächerübergreifende Projekte sind typisch für die Kleine Kielstraße. Genauso wie die Lernwerkstatt, Unterricht auf Türkisch oder Griechisch, Islamkunde, Tanz- und Theaterangebote. "Wir können den Kindern heute keinen Wissensrucksack mehr fürs ganze Leben schnüren", sagt Schulleiterin Gisela Schultebraucks-Burgkart. Sie sollen lernen zu lernen.

Grund 2:

Die ersten beiden Klassen sind zur Förderstufe ausgebaut. Hinter dem gemeinsamen Unterricht steckt vor allem folgende Überlegung: Alle Kinder sollen beim Wechsel in die dritte Klasse den gleichen Entwicklungs- und Wissensstand haben - unabhängig davon, wie viel Zeit sie dafür benötigen. Die frühe Erfahrung des klassischen Sitzenbleibens bleibt ihnen so erspart. Die meisten schaffen den Sprung nach zwei Jahren, einige sogar schon nach einem Jahr. Etwa 15 Prozent brauchen drei Jahre.

Grund 3: Gewalt wird sofort bekämpft. Prügeleien und Vandalismus sind an vielen Schulen ein ständiges Problem. In der Kleinen Kielstraße lernen die Schüler, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Dafür gibt es die Stopp-Regel: Wird ein Kind beschimpft oder geschlagen, sagt es laut: "Stopp!" Das gemeinsam vereinbarte Ritual sorgt für Deeskalation. Klappt das nicht, wird der Streit notiert und im Klassenrat diskutiert.

So wie jetzt: Samuel beschwert sich über Büsra, Meyrema und Sena. "Was war los?", will Julia Herdramm wissen. "Die sagen mir immer so komische Namen, Samueliii und so", erzählt er. Die drei Mädchen grinsen verlegen, Büsra dreht an ihren Zöpfen. "Und die Stopp-Regel hat nicht funktioniert?", bohrt die Lehrerin. Samuel schüttelt den Kopf. "Samuel gefällt es nicht, wenn ihr ihn so anredet." Sena murmelt leise "'tschuldigung". Das reicht Julia Herdramm nicht. "Das sagt man so schnell. Wer hat eine Idee, was wir tun können?" Nikos, mit Playboy-Ohrring, schlägt vor: "Aus dem Weg gehen?" - "So schlimm war's ja nun auch nicht", beschwichtigt Julia Herdramm. "Wir treffen eine Abmachung: Wir lassen solche Spitznamen sein!" Der nächste Fall: Emmanuel hat die Mutter von Jens beleidigt.

Grund 4: Die Schulleitung hat eine Vision, wie Schule sein muss. Gisela Schultebraucks ist seit 33 Jahren im Schuldienst, immer in sozialen Brennpunkten. Die 54-Jährige sagt: "Diese Kinder haben nur eine Chance: Bildung." Als die Grundschule 1994 gegründet wurde, diskutierte sie mit ihren Kollegen nicht: "Welche Bücher schaffen wir an?", sondern: "Was für eine Schule wollen wir? Was brauchen unsere Kinder?" Lange bevor die meisten Schulen daran dachten, entwickelten sie ein Leitbild. Ihre Ziele: zukunftsorientiertes Lernen, professionelle Zusammenarbeit im Kollegium, Elternarbeit, ganztägige Betreuung und Öffnung zum Stadtteil.

Die Schulleiterin schaut ständig: Wo können wir besser werden? Ein neuer Referendar kommt bald. "Prima, ein Mann. Der soll gleich ein Väterprojekt entwickeln", sagt Gisela Schultebraucks. "Da tun wir noch zu wenig." Ihr Leitmotiv hat sie bei Antoine de Saint-Exupéry, dem Vater des "Kleinen Prinzen", gefunden: "Wenn du mit deinen Männern den Ozean überqueren willst, dann schicke sie nicht in den Wald, um Holz zu hacken. Sondern wecke bei ihnen die Sehnsucht nach dem Meer." Ihre Mannschaft, 27 Frauen und ein Mann, begeistert sie mit ihrer Vision von einer guten Schule. Lehrer Jan von der Gathen, 34, sagt: "Sie hält uns den Rücken frei, damit wir guten Unterricht machen können."

Grund 5: Die Grundschule kümmert sich um den Stadtteil. Was Politiker, aufgerüttelt durch Berichte über verwahrloste Kinder, jetzt fordern, leistet die Kleine Kielstraße seit Jahren: Sie ist Anlaufstelle für das Viertel. 1995 gründete Gisela Schultebraucks mit dem Geschäftsführer der Landes-Entwicklungsgesellschaft (LEG), dem Eigentümer der Hannibal-Siedlung, einen Verein. Seitdem krempeln sie die Nordstadt um: Auf dem ehemaligen Parkplatz des Hannibal neben der Schule haben sie einen Spielplatz gebaut, den Straßenstrich haben sie ins Gewerbegebiet abgedrängt. Und die LEG fördert das Elterncafé der Schule mit 9000 Euro pro Jahr.

Das hat täglich geöffnet. Die Frauen bekommen nicht nur Kaffee, sondern Computer-, Alphabetisierungs- und Sprachkurse, sogar eine Schuldnerberatung. "Wir wollen die Mütter stark machen für ihre Kinder", sagt Gisela Schultebraucks. "Die Schule ist ein neutraler Raum, deshalb trauen sich die Frauen her, und ihre Männer haben nichts dagegen."

Grund 6: Die Kleine Kielstraße tut alles für einen guten Start. Bereits neun Monate vor der Einschulung werden die künftigen Schüler und ihre Eltern eingeladen. Die Kinder werden eine Stunde lang getestet: Wie gut können sie sprechen, wie weit zählen, wie sicher sind ihre Bewegungen? Die Schulleiterin bespricht mit den Eltern den Entwicklungsstand ihres Kindes, der Kindergarten wird informiert. Gisela Schultebraucks gibt den Eltern auch einfache Tipps, etwa die Kinder beim Tischdecken Messer und Gabel zählen und sie häufiger Seilspringen zu lassen.

Kinder, die gravierende Probleme beim Sprechen, Rechnen oder mit der Motorik haben, werden schon vor ihrem ersten Schultag gezielt gefördert. 82 Prozent der Erstklässler dieser Schule hatten im vergangenen Jahr Defizite in Deutsch. Zusätzlich bieten Gisela Schultebraucks und die Lehrerinnen den Eltern Vorträge an, zum Beispiel über kindgerechtes Spielen, Sprache und Kommunikation oder Fernsehkonsum.

"Ich hatte mehr Angst vor dem Schulbeginn als mein Sohn", erzählt Tariks Mutter, Halima Ajanovic. "Ich habe meinen Abschluss in Bosnien gemacht und wusste nicht: Was kommt auf uns zu?", sagt die 33-Jährige. "Die Elterngespräche haben mir die Angst genommen, und schon vor dem ersten Schultag kannten wir Tariks Lehrerin."

Grund 7:

Die Schule verpflichtet die Eltern zur Mitarbeit. Eltern und Lehrer unterschreiben einen Erziehungsvertrag, in dem sie versprechen, das Kind zu Ehrlichkeit, Höflichkeit, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft zu erziehen. Die Eltern müssen dafür sorgen, dass es pünktlich in die Schule kommt und zu Hause einen Platz für Hausarbeiten hat. Im Vertrag steht auch: "Wir loben unsere Kinder für ihre Anstrengungen" und "Wir nehmen an schulischen Veranstaltungen teil." Darauf achtet Gisela Schultebraucks persönlich: Väter und Mütter, die nicht zum Elternabend kommen, fordert sie immer wieder zu Gesprächen auf, einmal, zweimal, dreimal - bis sie kommen.

Grund 8: Eine gute Schule braucht den ganzen Tag. Der Unterricht dauert bis 13.30 Uhr. Noch gehen drei Viertel der Kinder nach Hause, 100 bleiben bis 16 Uhr in der Schule. Weil beide Elternteile arbeiten oder weil die Kinder zusätzlich gefördert werden. Nach dem Mittagessen machen sie ihre Hausaufgaben. Anschließend spielen sie Fußball, gehen zum Schwimmen, basteln in der Holzwerkstatt, manchmal backen sie Kekse. "Am besten wäre ein Ganztagsangebot für alle Kinder", sagt die Schulleiterin. Denn viele von ihnen brauchten Unterstützung, die sie zu Hause nicht bekämen. Doch dazu reichen die Räume nicht.

Grund 9: Die Lehrer arbeiten zusammen. Sie bereiten ihren Unterricht nicht zu Hause allein vor, sondern planen ihn gemeinsam nach Schulschluss. Bei selbst gemachten Salaten diskutieren die Lehrerinnen der Eingangsklassen das nächste Projektthema, den Bauernhof: Welche Tiere nehmen wir durch? Welche Satzteile führen wir neu ein, Verben oder Adjektive? Aus der Themenkiste suchen sie das Material vom vergangenen Jahr heraus, Spiele, Wortkarten und Bücher. So entsteht der Wochenplan mit einzelnen Lernschritten und Aufgaben. "Die Teamarbeit ist eine immense Arbeitserleichterung. Dadurch gewinnen wir Zeit", sagt Julia Herdramm. Zeit für Problemfälle und individuelle Betreuung ihrer Schüler. Trotz des Engagements - überlastet oder gar ausgebrannt fühlt sich niemand.

Doch Anne Reimann, 55, ist noch nicht zufrieden. "Manchmal tun mir unsere Kinder leid, wenn sie auf die weiterführende Schule kommen", sagt die Lehrerin. "Weil sie hier so gute Methoden kennengelernt haben und dann wieder in Reih und Glied sitzen müssen." Doch der Erfolg der Kleinen Kielstraße ist kein Wunder. Jede Schule kann so arbeiten. Wenn es die Lehrer wollen.

print