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Die "Midlife-Boomer": Warum es nie spannender war, älter zu werden

Eine gut ausgebildete Generation erreicht die zweite Lebenshälfte: die Midlife-Boomer. Was fangen sie mit ihrer geschenkten Lebenszeit an?

Ein Gastbeitrag von Margaret Heckel

Sie heißen Senior-Azubis und die Karriere steht ihnen offen: Männer und Frauen im besten Alter, die bei der badischen Großbäckerei K+U als Bäcker, Konditoren und Verkaufs-Fachkräfte ausgebildet werden. Manche arbeiteten bislang als ungelernte Kräfte in dem Großunternehmen mit seinen rund 5.000 Mitarbeitern, andere sind neu eingestellt worden. Alle haben Lebenserfahrung, die Firma traut ihnen zu, bald eine Filiale zu leiten. "Sie haben die Möglichkeit, schneller innerhalb des Unternehmens aufzusteigen", sagt K+U-Geschäftsführer Herbert Behringer.

Die Senior-Azubis, die mit 50 noch einmal durchstarten, sind Trendsetter der Gesellschaft des langen Lebens. Nichts wird Deutschland so sehr verändern wie der demografische Wandel. Es wird Zeit, mit alten Ängsten und Vorurteilen aufzuräumen. Denn die zweite Lebenshälfte ist nicht Verzicht und Vergreisung. Ganz im Gegenteil: Wir leben nicht nur länger, sondern wir sind fitter und gesünder als je zuvor. Und wie immer mehr Studien zeigen, sind wir auch glücklicher als in der ersten Lebenshälfte.

In den nächsten Jahren erreicht mit den 40- bis 50-Jährigen die zahlenmäßig stärkste Dekade der Menschen hierzulande die zweite Lebenshälfte – 13,7 Millionen Menschen, jeder sechste in Deutschland. Wir haben sie die "Midlife-Boomer" genannt: Eine gut ausgebildete Generation, deren Erfahrungen und Qualitäten auch morgen noch gefragt sein werden. Sie haben zwanzig, meist dreißig weitere gesunde Jahre vor sich, bis sie dann tatsächlich als Rentner die Hochaltrigkeit mit ihren Beschwerden erreichen. Was werden sie mit dieser geschenkten Lebenszeit anfangen?

50-Prozent-Chance, hundert Jahre alt zu werden

Kaum denkbar ist, dass sie so weitermachen wie bisher. Die klassische Dreiteilung des Lebens in die Phasen Ausbildung, Arbeit, Rente hat sich in einer Gesellschaft des langen Lebens überholt. Wir brauchen ein neues Lebenszyklus-Modell. Am anschaulichsten wird das beim Blick auf die Kinder der Midlife-Boomer.

Wer im 21. Jahrhundert geboren worden ist, hat eine mindestens 50-prozentige Chance, hundert Jahre alt zu werden. Diese Kinder und Jugendlichen müssen sich nicht so durchs Leben hetzen, wie ihre Eltern das heute tun. Sie müssen nicht unbedingt Turboabitur machen und mit 20 bereits voll im Arbeitsprozess sein. Sie können sich mehr Zeit lassen. Auch die so genannte "Rushhour des Lebens", wenn zwischen 30 und 45 alles erreicht werden muss, könnte entzerrt werden. Statt sich hier auszupowern und dann mit 40 ausgebrannt zu sein, muss es in dieser Lebensphase so viel Flexibilität wie möglich geben – Teilzeit-Angebote, die sich mit Vollzeit abwechseln, kurze und lange Auszeiten, wechselnde Zuständigkeiten innerhalb der Familie.

Ein radikal anderer Lebenszyklus

Zwar würde ein so gestalteter neuer Spannungsbogen des Lebens in dieser Zeit durchaus Einkommenseinbußen bedeuten. Durch die insgesamt längere Lebensarbeitszeit aber kann das wieder kompensiert werden. Zum Beispiel, wenn wir dann mit 50 noch einmal richtig durchstarten. Eine neue Karriere aufbauen und bis 70, vielleicht aber auch länger, gemäß unseren Zeitwünschen flexibel arbeiten. Um dieses radikal andere Modell eines Lebenszyklus umzusetzen, müssen wir nun handeln. Wir brauchen ein neues Bild vom Altern.

Weg mit den alten Mythen, dass Ältere weniger leistungsfähig sind. Nichts ist unsinniger als die alte Volksweisheit "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr". Aber Hans lernt anders als Hänschen – projektorientierter, das Ziel immer im Blick. Sein bester Helfer dabei ist ein Gehirn, das bis ins hohe Alter eine für Forscher immer wieder überraschende Formfähigkeit, die so genannte Plastizität, behält. Deshalb kann auch eine 88-Jährige noch sehr wohl Chinesisch lernen oder sich ein 55-Jähriger zum Ingenieur ausbilden lassen.

Die Midlife-Boomer werden gebraucht

Die Midlife-Boomer wollen sich bilden und weiterbilden. Dazu muss das Bildungssystem weiter modularisiert werden. Es muss normal werden, mit 55 noch einen Ausbildungsberuf zu lernen oder ein Bachelor-Studium zu absolvieren. Diese Angebote zu entwickeln, ist eine Chance für die Bildungsbranche. Die Midlife-Boomer werden gebraucht. Es war vor allem die in den 80er Jahren eingeführte Frühverrentungspolitik, die Ältere in der Politik, in der Wirtschaft und in den Medien als ersetzbar, nicht belastbar, verbraucht, kurz alt, beschrieben hat. Damit muss Schluss sein. Notwendig sind flexible Rentenbausteine. Starre Renteneintrittsgrenzen sind von gestern. Für ein langes Leben brauchen wir Systeme mit Teilrenten wie in Skandinavien schon verwirklicht.

Die Midlife-Boomer entwickeln ein neues Drehbuch fürs Leben. Sie beschreiben und kartografieren eine neue Lebensphase zwischen 50 und 80 – nicht mehr jung, aber auch nicht alt; so glücklich wie nie zuvor; aktiv und innovativ. Ihnen bleibt genügend Lebenszeit, um noch mal ganz was Neues anzufangen im Job oder im Ehrenamt. Sie haben genügend Energie, neue Wohn- und Lebensformen auszuprobieren. Die Midlife-Boomer werden die Republik in den nächsten zwei Jahrzehnten mindestens ebenso stark verändern wie die 68er und die Frauen- sowie die Ökobewegung im vergangenen Jahrhundert. Nie war es spannender, älter zu werden.