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Ach, Mensch Die Hütte brennt! Um den Klimawandel zu stoppen, braucht es systemische Veränderungen

Ach, Mensch: Die Hütte brennt! Um den Klimawandel zu stoppen, braucht es systemische Veränderungen
Fridays for Future sind die Ersten, die wirklich begriffen haben, wovor Wissenschaftler seit Jahren warnen. Wir sollten das verdammt ernst nehmen.
Von Florian Gless

Vergessen Sie das mit den Plastiktüten. Um die geht es nicht. Sie sind mies für die ­Umwelt, aber auch nicht so viel schlechter als Papiertüten. Wichtig ist halt, eine Tüte so oft wie möglich zu benutzen – egal, woraus sie besteht. Der Umstieg von Plastik- auf Papiertüten jedenfalls wird uns, Sie und mich und unsere Kinder, nicht retten.

Das gilt für viele Alltagsdinge und -entscheidungen. Der haltbare Baumwollbeutel, der Umstieg auf vegetarische oder vegane Ernährung, der Paradigmenwechsel von "immer mehr" zu "besser weniger" reichen nicht. Aber denken Sie jetzt bitte nicht, Sie könnten einfach so weitermachen wie bisher, à la "nach mir die Sintflut". Nein. Jeder von uns sollte nicht nur, sondern muss sein Leben so nachhaltig wie möglich gestalten, alles andere ist mit Blick auf die kommenden Generationen rücksichts- und verantwortunglos. Sonst kommt die Sintflut noch viel schneller.

Gern wird Fridays for Future vorgeworfen, sie wollten die Ökodiktatur einführen. Mit verordnetem Konsumverzicht und maßlos strengen Verhaltensregeln. Davon kann keine Rede sein, so blöd sind die nicht. Diese Vorurteile von uns Erwachsenen zeugen eher von unserem Gefühl des Ertapptseins. Es ist eben mühsam, das komplette tägliche Tun, jahrzehntelang gewohnt, auf einmal zu hinterfragen. Einkaufen. Essen. ­Auto fahren. Alles. Wir wehren uns, indem wir uns darüber ärgern oder lustig machen. "Ach ja, haha, du isst ja kein Fleisch! Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen", ist ein oft ge­hörter Satz von Großeltern an ihre Enkel.

Florian Gless
stern-Chefredakteur Florian Gless schreibt hier jede Woche über die Herausforderung, einfach Mensch zu sein
© Carolin Windel

Die Hütte brennt lichterloh

Die jedoch haben von Anfang an begriffen, dass zum Beispiel ständiges Mosern über den falschen Einkaufsbeutel nervt. Dass sie den Wandel nicht gegen die Gesellschaft schaffen. Also verweisen sie ganz nüchtern auf den Stand der Wissenschaft und fordern von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, uns allen, Ihnen und mir, sich bitte ganz ­dringend um ihre Zukunft zu kümmern. Denn die Hütte brennt, an allen vier Ecken gleichzeitig, und niemand kann sagen, es hätte keinen Feueralarm gegeben. Wir erreichen bald die sogenannten Kipp-Punkte, "Tipping Points", an denen die weitere Entwicklung unberechenbar wird.

Wir brauchen viel größere, systemische Veränderungen, um die globale Durchschnittstemperatur stabil zu halten. Sie liegt derzeit bei gut plus ein Grad im Vergleich zum ­vorindustriellen Zeitalter, und wir hören, lesen und sehen täglich, was bereits dieses eine – scheinbar lächerliche – Grad auslöst. Diese ganze stern-Ausgabe zeugt davon.

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Seit Jahren spukte das Gespenst einer Pandemie herum – dann kam Corona. Seit Jahrzehnten fliehen Menschen gen Europa – jetzt pferchen wir sie in Lager. Seit 30 Jahren warnen Wissenschaftler vor der Erderwärmung – nun können wir die kaum noch bremsen. Offensichtlich ist die Zukunft gar nicht so ungewiss, am Ende kommt immer die Rechnung. Was wir Erwachsenen nicht geschafft haben, hat Fridays for Future übernommen: laut aufzuschreien, zu warnen und Druck zu machen. Wie es aussieht, in allerletzter Sekunde. Die sollten wir gemeinsam mit ihnen nutzen.

Erschienen in stern 40/2020

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