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Die neue Härte der Hauptstadt Berlin, du kannst so schön schrecklich sein


Autos brennen, Alt-Berliner pöbeln gegen Touristen und Zugezogene. Ist die Hauptstadt härter geworden? Oder sind wir nur zu weich?
Von Sophie Albers, Berlin

Berlin ist nichts für Weicheier. Nie gewesen. Und die Stadt ist auch noch stolz darauf. Berlin rempelt und pöbelt dich an, jeden Tag. Wenn du Pech hast, haut es dir eine rein, klaut dir dein Handy oder zündet dein Auto an. Was davon schlimmer ist, hängt von dir ab. Das alles ist nicht gut, sondern böse. Auch in Berlin sind Körperverletzung, Diebstahl und Brandanschläge Verbrechen. Aber Berlins brutale Seite ist alles, nur nicht neu. Das sollte man nicht vergessen, wenn man die aktuellen Berichte über brennende Autos liest, die mittlerweile dazu übergehen, der Hauptstadt die Abwärtsspirale zu attestieren.

In der Nacht zum Donnerstag wurden neun Autos angezündet. 141 Fahrzeuge sind in diesem Jahr bereits durch "politisch motivierte Brandanschläge" in Flammen aufgegangen, so die Auskunft der Berliner Polizei. 86 weitere Fahrzeuge standen zu nah dran. Die Zahlen, die durch die Medien wandern, variieren jedoch. Beim Blick in die Polizeistatistiken (siehe Grafik) fällt auf, dass sie häufig zu hoch sind, oder dass vermengt wird, was nicht vermengt werden sollte. So geht unter, dass die Zahl dieser "politisch motivierten Brandanschläge" auf Fahrzeuge stark schwankt: 2007 wurden 129 Autos angezündet, 2008 waren es 104, 2009: 221, 2010: 54. Von einer dramatischen Zuspitzung zu sprechen, ist schlicht falsch.

Anonyme Großstadt

Die augenblickliche Häufung der Fälle und das beeindruckende Echo darauf, haben viele Gründe: Ja, es gibt offensichtlich verpeilte Linksaktivisten, die in einem brennenden Mercedes eine politische Botschaft sehen. Die Bilder der Randale aus London dürften sowohl für tumbe Mitläufer als auch für eine Sensibilisierung der Bevölkerung gesorgt haben. Dann ist da noch der Wahlkampf für die anstehende Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin. Und die Polizei schließt nicht aus, dass die Anschlagsreihe zum Versicherungsbetrug missbraucht wird.

Fragt man einen Berliner Polizisten nach der neuen Härte, zuckt er mit den Schultern. Der 1. Mai werde immer ruhiger. Laut Kriminalstatistik gehen die Straftaten zurück. Die Gesamtfallzahl war 2010 auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Dass trotzdem noch zu viel passiert, leugnet niemand. Aber "hier gibt es keine Sozialkontrolle wie auf dem bayerischen Dorf", sagt der Beamte so trocken wie Kurt Krömer. "Das ist halt eine anonyme Großstadt wie jede andere Metropole auch."

Die Freude am Untergang

Und zu Metropolen gehört auch die Gentrifikation. Deren Gegner gereichen ebenfalls als Argument für ein "raueres Klima". Keine Frage, Gentrifikation bedroht menschliche Existenz. Sie liegt jedoch im kapitalistischen Gesellschaftssystem begründet und ist ein Zeichen dafür, dass Berlin auf dem Weg ist, bald mehr sexy als arm zu sein. So wie in New Yorks Lower Eastside Ende der 80er gegen Yuppies gepöbelt wurde, wird nun in Berlin Prenzlauer Berg gegen Schwaben gehetzt, die angeblich das Gebiet um den Kollwitzplatz zu teuer und auch noch spießig werden lassen. Kreuzberg macht seinen Anarchochic schon länger zu Geld. Und derzeit ist Neukölln dran: Trend, Renovierung, Mieten rauf. Natürlich gibt es Widerstand.

Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt am Donnerstag angesichts der brennenden Autos und Anti-Gentrifikation-Aktionen vom "hasserfüllten Klima" Berlins, das das Stadtleben mittlerweile in "so reichen Abstufungen" durchdringe wie nirgendwo sonst. Da die realen Zahlen dies nicht bestätigen, schwingt in solchen und weitaus grelleren Beschreibungen immer auch die Freude am Untergang mit. Und die lenkt ab von tatsächlichen Problemen, die diese Stadt zur Genüge hat.


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