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Die neuen Alten: Abschied vom Jugendwahn

Fit, flexibel und selbstbewusst - eine Generation beweist ihre Reife. 50 Plus ist heute kein Makel mehr. Die neuen Alten sind Hoffnungsträger für die vom demografischen Wandel betroffene Gesellschaft.

Sie klagen und betteln. Sie trippeln auf knochendünnen Beinen, die Hände ausgestreckt. Sie verlangen Zeit, wollen Geld, wenigstens ein neues Hüftgelenk. So sind die Alten. Alles Theater! Gebeugte Rücken strecken sich, Sorgenfalten glätten sich, Klagemünder grienen. Verführerisch lächelnd rollt die uralte Luise die Hosenbeine hoch und rennt dem Otto hinterher. Doch auch das ist alles nur gemimt. Wenn die Laiendarsteller des Altentheaters Köln auf der Bühne stehen, spielen sie gegen Vorurteile an. Die fidelen Alten, die sich mit 60 oder 85 Jahren entschieden haben, endlich Schauspieler zu werden, sagen dann Sätze wie: "Ich will nicht immer im gleichen Fahrwasser schwimmen." Oder: "Ich habe mit 61 den Mann kennen gelernt, auf den ich mein Leben lang gewartet habe." Sie sagen auch: "Ich bin selbstbewusst. Ich gehe an die Uni, ins Theater, spiele Theater."

"Ewig Jung" heißt ihr Stück. Es könnte überall in Deutschland spielen. Denn zwischen Rostock und Garmisch-Partenkirchen reift eine neue Generation heran: unbändig und dynamisch. Sie begräbt die überkommene Vorstellung vom Alter als einer grauen und traurigen Lebensphase. Die Biologie ist mit den modernen Alten. Die Pensionäre golfen nicht nur. Sie rennen und rudern, trekken, fahren Ski, fliegen Drachen über Neuschwanstein und "kite-surfen" über Nordseewellen. 60-Jährige erreichen beim Berliner Volksmarathon heute die Spitzenzeiten der Olympialäufer von 1936.

Dank Hygiene, Medizin und Wohlstand ist die Lebenserwartung der Deutschen in den vergangenen hundert Jahren um mehr als 30 Jahre gestiegen. Ein 70-Jähriger ist heute in seinem Leistungsvermögen etwa fünf Jahre jünger als ein gleich alter Mann 1980 - körperlich und mental. Und er hat noch eine ganze Weile etwas davon. Noch rund 20 Jahre gibt die Statistik einem 60-jährigen Mann, noch 24 einer gleichaltrigen Frau. Die Roaring Sixties und Swinging Seventies tragen keine Popelinemäntel, Dauerwellen und Komfortschuhe. Im Jahr 2004 sehen 60-Jährige aus wie Hannelore Elsner, Senta Berger, Uschi Glas, Wolfgang Joop, Götz George oder Reinhold Messner. Und 80-Jährige wie Ilse Pätau ziehen im Supermarkt Blicke auf sich. Sie nimmt es geschmeichelt, schließlich ist sie: Miss Senior Berlin. Im schwarzen Stretchkleid setzte sie sich gegen 20 Jahre jüngere Konkurrentinnen durch. Beim Sichten der 280 Bewerbungen, die zur Miss Senior Wahl eingingen, war Susanne Petermann, Inhaberin einer Berliner Event-Agentur, erstaunt: Da posierte eine Dame im Bikini vor dem Wohnwagen, eine andere zeigte sich oben ohne vor Yucca-Palmen. Als Hobbys gaben die Seniorinnen "Aktiengeschäfte" an, "Putzen zu Techno" oder einfach "Männer". "Natürlich ist Paris Hilton nach herkömmlichen Maßstäben hübscher als Ilse Pätau", sagt Petermann, "aber diese Frauen zeichnet eine ganz eigene Attraktivität aus." Das haben auch die Marketingexperten erkannt. Nivea, Davidoff, Visa, Hugo Boss - sie alle setzen in der Werbung auf reifen Charme mit Kennerblick und Lachfalten. Denn das Geld sitzt in den Taschen der Senioren, und es sitzt lockerer denn je. Mit einer Kaufkraft von mehr als 90 Milliarden Euro pro Jahr bestimmt die Altersgruppe ab 50 mehr und mehr den Markt. Auch, weil sie immer stärker wird: Ein Viertel der Deutschen ist älter als 60, im Jahre 2050 werden es über 40 Prozent sein. Während ihre Eltern noch jeden Pfennig zweimal umdrehten, shoppen die neuen Alten munter drauflos: Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) stimmte fast die Hälfte der über 60-Jährigen der Aussage zu: "Ich mache mir lieber ein schönes Leben, statt immer nur zu sparen." Und weil sie der neuen Zielgruppe schmeicheln wollen, reißen sich die Werber heute um "Best Agers", "Golden Oldies" oder "Second Life People".

Schon sind sie ausgeleuchtet: Sie lieben das Shoppen und essen gern fein. Wollen exklusive Brillen und Uhren, hochwertige Stilmöbel. Ein Drittel der Menschen, die in den nächsten beiden Jahren ein neues Auto kaufen, ist über 50. Zwei Drittel aller 50- bis 70-Jährigen waren 2003 mindestens einmal auf einer langen Reise, von den über 70-Jährigen gut 40 Prozent. Immer mehr Alte erwerben Computer und DVD-Player, wie Konsumforscher im Auftrag des Verlages Gruner + Jahr ermittelten. In den vergangenen zehn Jahren ist das Interesse an Rock- und Pop-Konzerten um 160 Prozent gewachsen. Und um 250 Prozent bei PCs. Outdoor ist bei den Alten in. Und Beauty. Liebten sie früher vor allem Kölnisch Wasser, sprühen sie heute, so die Agentur "Research & Media Marketing", Jil Sander und Trésor. Die Autoindustrie hat verstanden. Nissan baut Rückfahr-Kameras, weil das Alter halsstarrig macht. Tacho und Drehzahlmesser bekommen größere Ziffern, die Spiegelverstellung ist deutlicher beschriftet. Beim Mercedes CLK fährt eine Schiene den Anschnallgurt heraus und reicht ihn dem ungelenken Fahrer. Geländewagen und Vans werden auch deshalb gefahren, weil sie hoch sind und der Fahrer leichter einsteigen kann.

Die neuen Alten sind Hoffnungsträger für die vom demografischen Wandel getroffene Gesellschaft. Denn sie sind aufnahmefähig, abenteuerlustig, flexibel, neugierig und gesellig. "Einsamkeit und Langeweile sind eher Kennzeichen der Jugend", sagt Paul Baltes, 65. Er ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und federführender Autor einer großen Altersstudie, zu der Psychologen, Soziologen und Ökonomen 1.200 Berliner zwischen heute 70 und 100 Jahren befragt und 500 davon über ein ganzes Jahrzehnt in Berlin wissenschaftlich begleitet haben. Die Berliner Ergebnisse lassen sich nach Auskunft der Wissenschaftler auf jede deutsche Großstadt übertragen.

Für viele fällt die Rente knapp aus, mancher fürchtet, dass die Zinserträge nicht reichen, den Lebensstandard zu sichern. Es sind Notleidende darunter. Die deutliche Mehrzahl der alten Menschen aber ist nicht arm, und sie lebt nicht isoliert. Neun von zehn wohnen in Privathaushalten, also nur einer in einem Heim. Selbst unter denen, die älter als 85 Jahre sind, ist nur ein Fünftel pflegebedürftig. Auch das ist ein Ergebnis der Berliner Altersstudie. Diese guten Nachrichten sind natürlich nur Befunde auf Zeit. Denn auch daran lassen die Altersforscher keinen Zweifel: Die Gebrechen kommen. Nur eben später. Wissenschaftler unterscheiden deshalb zwischen dem dritten Lebensalter, das mit 60, und dem vierten, das mit 75 beginnt. Ein 94-Jähriger ist hochbetagt, wer noch älter ist, zählt zu den "Überlebenden".

"Die Alten sind gesünder und gebildeter, haben mehr Interessen, sprechen Fremdsprachen und haben sich in ihrem Leben auch finanziell mehr leisten können", sagt Ursula Lehr, Gründungsdirektorin des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg. Helmut Kohls ehemalige Familienministerin ist heute 74 Jahre alt, wissenschaftlich aber auf der Höhe der Zeit und politisch dieser schon lange voraus: Sie plädiert seit Jahrzehnten dafür, das Alter als Chance zu nehmen.

Denn die Alten sind zu qualifiziert, um ihr Wissen brachliegen zu lassen. Der Europäische Rat forderte in seiner Sitzung in Stockholm im Jahre 2001 die Mitgliedsstaaten auf, Erwerbsfähigkeit und Qualifikationen älterer Arbeitskräfte durch flexible Arbeitsmodelle zu ermöglichen. Eines wäre Teilzeitarbeit, die schwindende Kräfte berücksichtigt. Das Ziel: bis 2010 die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen auf 50 Prozent zu erhöhen. Heute hat nur noch ein Drittel der Deutschen im letzten Arbeitsjahrzehnt einen Job, deutlich weniger als in anderen Industrieländern. Eckhard Krauß ist 67. Aber das, findet er, sage nichts aus über das Individuum Eckhard Krauß. Er ist eine Führungskraft - gewesen. Zuständig für den Pharmavertrieb bei Bayer in Leverkusen, stand er mit 62 plötzlich im Abseits, auch privat: "Weg ist man, ausgegrenzt." Seine Frau arbeitet, der jüngste Sohn ist ständig auf Achse. Als der Vater fragte, wie die Ausbildung so laufe, parierte der Sohn genervt. "Was soll das plötzlich? Du warst auch sonst nie da."

Der Rentner begann zu lesen. Lessing, Fichte, Stifter. Studierte Philosophie und Literaturgeschichte. In einer Vorlesung zur Romantik hörte er, das Beste, was man geben könne, sei Aufmerksamkeit. "Heute bin ich ein anderer. Ich höre zu, lobe." Warum taufrische Einsichten und alte Kompetenz nicht neu verbinden? Der ehemalige Manager findet die Gesellschaft "einfach dumm, weil sie diese brachliegenden Ressourcen nicht nutzt". Deshalb hat er an der Uni Köln mit rund 20 weiteren Senioren das "Initiativforum Generationenvertrag" gegründet. Leistungsbereitschaft soll nicht mehr von Altersgrenzen gehemmt werden.

Bislang war die Wirtschaft im "Jugendwahn": Manager drängten ihre Mitarbeiter in den Vorruhestand; für die Verjüngungskur der Belegschaften plünderten Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertreter Arbeitslosenversicherung und Rentenkasse. Kaum in die Jahre gekommen, erkennen dieselben Personalchefs die Absurdität ihres Tuns. Schon gilt der Fachkräftemangel als Menetekel für die künftige Suche nach Arbeitskräften. Die Jugendarbeitslosigkeit muss dazu nicht im Widerspruch stehen. Ein High-Tech-Unternehmen braucht keinen jungen Mann ohne Hauptschulabschluss, sondern Ingenieure, Programmierer, polyglotte Kaufleute. Rainer Schmidt-Rudloff, Personalpolitik-Experte bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, verkündete in der "Zeit" bereits einen "Trendwechsel": In den Personalabteilungen zählten wieder Erfahrung und Wissen. In zehn Jahren werden durch den demografischen Wandel die über 40-Jährigen die Mehrheit in den Firmen stellen. "Das Alter kann nicht mehr nur aus Freizeit bestehen. Dazu ist diese letzte Lebensphase zu lang geworden", sagt Ursula Staudinger, Psychologin am "Jacobs Center for Lifelong Learning" der International University Bremen. Das bedeute: "Abschied nehmen von der Vorstellung, in der Jugend nur zu lernen, dann nur zu arbeiten und im Alter nur Muße zu haben." "Mit 55 überflüssig?" So stand es in der Stellenanzeige der Fahrion Engineering Kornwestheim. 528 Bewerbungen lagen in der Post, und ein Jahr später trudeln noch täglich zwei neue ein. Vier Mitarbeiter hat der schwäbische Unternehmer Otmar Fahrion gesucht - gleich ein Dutzend genommen und das nicht eine Sekunde lang bereut. Die Senioren tüfteln über den Feierabend hinaus, sind hoch motiviert, loyal und nicht mehr, wie die Jungen, auf dem Karrieresprung. "Wenn es bei einem jungen Kerl mal knirscht, ist er doch weg." Die Firma mit 100 Mitarbeitern entwirft hoch komplizierte Anlagen für Auto-, Schiffs-, Flugzeug- und Maschinenbau in aller Welt. Und deshalb hat Otmar Fahrion für seine Projektleiter ein Profil erstellt. Sie brauchen Kompetenz, Erfahrung, Stehvermögen, Reife und Leidensfähigkeit. "Das kann bei jungen Ingenieuren nicht vorhanden sein", sagt der 64-jährige Mittelständler. Die Jungen seien oft mit dem Nestbau beschäftigt. Und mal sei ein Kind krank, mal müssten sie Fußball spielen. Die Älteren packten einfach die Zahnbürste ein und seien startklar. Und vorzeigbar, gerade im Ausland: "Meine Leute müssen mit Vorständen in Augenhöhe verhandeln können."

Interviews, die das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in 16.000 Betrieben und Dienststellen führte, ergaben, dass ältere Arbeitnehmer weit mehr geschätzt werden, als es Arbeitslosenstatistiken vermuten lassen. In den Betrieben herrscht nach wie vor Interesse an klassischen Tugenden wie Arbeitsmoral und Disziplin. Sie rangieren deutlich vor der Flexibilität. Körperlich schwächer, aber an Erfahrung stark: Die Älteren gelten keinesfalls als weniger leistungsfähig. Gerade kleinere Betriebe beurteilen sie positiv. Zu den Verlierern zählen sie erst, wenn sie draußen sind. Dabei ließen sich Arbeit, Bildung und Fortbildung besser über das Leben verteilen. Denn in einer Informationsgesellschaft mit beschleunigtem Technologie- und Wissenswandel ist es nicht sinnvoll, nur in jungen Jahren zu lernen und zu glauben, dass die erworbenen Kenntnisse ein Leben lang reichten. Warum nicht öfter mal das Arbeitsleben für Fortbildungskurse unterbrechen oder das Wissen an der Universität auf den neuesten Stand bringen? Warum dann nicht die Alten mit in das permanente Weiterbildungsprogramm einbeziehen? Ein Campus mit Studenten jeden Alters, in den Betrieben Sabbatjahre, Auslandsaufenthalte und späte Auffrischungsprogramme: Das alles muss vielleicht bald keine Utopie mehr sein.

An deutschen Universitäten gibt es immerhin schon mehr als 37.000 Seniorenstudenten. Das sind Frauen und Männer, die wissen wollen, was epitaktische Nanostrukturen sind und was die Neu-Kantianer von Kant übernahmen. Aber soll die kostspielige Bildung ohne gesellschaftlichen Nutzen bleiben? Derweil wird teures Wissen einfach weggeworfen. Amerikanische Universitäten werben systematisch deutsche Professoren kurz vor der Emeritierung an. Gerade Naturwissenschaftler, die auf ein Labor angewiesen sind, können sich der Verlockung weiterer Jahre wissenschaftlichen Wirkens kaum entziehen. Leider wandern dabei jungen Doktoranden gleich mit ihrem grauen Leitwolf aus.

Lernen aus Lust mag eine verbreitete Alterserscheinung sein. Aber funktioniert das Lernen wirklich noch? Hunderttausende nicht reproduzierbare Nervenzellen sterben nach dem 60. Lebensjahr pro Tag. Halb so schlimm, sagt die italienische Ärztin Rita Levi-Montalcini. In ihrem Buch "Ich bin ein Baum mit vielen Ästen" beschreibt sie, wie die Zellen neue Verästelungen und Schaltungen bilden - wenn das Gehirn immer neuen Arbeitsstoff bekommt. Die Autorin muss es wissen: Für ihre Entdeckung des "Nervenwachstumsfaktors" erhielt sie 1986 den Nobelpreis. Heute ist sie 95 und forscht immer noch. Forscher unterscheiden zwischen der fluiden Intelligenz des Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnisses, die etwa beim Programmieren des Computers gefragt ist, und kristallener, die durch Erfahrung gewachsen ist. So präsentieren junge Forscher Erfolge in den Naturwissenschaften, in den Sozialwissenschaften aber dominieren die älteren. Kristallene Intelligenz? Man könnte das auch Weisheit nennen. Konfuzius war kein Jüngling mehr, als er seine Lehren an die Nachwelt gab. Weisheit setzt Gelassenheit, Nachsicht, Humor, Selbstdistanz und Lebensklugheit voraus. Und sie ist völlig unabhängig vom Zeitgeist.

"Du weichst mir aus und dann schlägst du mir hinterher", sagt Ruth Fröhlich. "So, mit Hüftdrehung, bummm!" Geschmeidig zeigt "Killer-Ruth", wie die 79-Jährige in der Seniorengruppe des Karatestudios Nippon genannt wird, ihren "Tanz von Angriff und Abwehr". Den zieht die Berlinerin mit dem weißen, zum eleganten Knoten gebundenen Haar jedem gemütlichen Tanztee vor. "Ich bin dadurch in mir fester geworden, stabiler von innen heraus", sagt Ruth Fröhlich. Als medizinisch-technische Assistentin hat sie tagsüber im Labor mit Glaskolben und Pipetten hantiert. Abends stand Hausarbeit an. Nach der Scheidung zog sie ihre Tochter allein groß. Mit 52 Jahren hatte sie Krebs. Aus dem Krankenhaus nahm sie ihr Leben mit und einen Satz, den ihr dort eine Freundin gesagt hatte: "Ruth, jeder Gartenzaun hat ein Loch, und es ist an dir, es zu finden."

Dass alte Menschen Kraft aus der Lebensgeschichte schöpfen, beobachtet die Altersforscherin Ursula Lehr. Für den einen ist der Verlust des Partners eine vernichtende Katastrophe, der andere sieht in dem Unglück einen Neubeginn für ein anderes, vielleicht freieres Leben. Das ist auch eines der Ergebnisse, zu denen Gudrun Schneider, Ärztin für Psychosomatik an der Universität Münster, in ihrer "Eldermen"-Studie gekommen ist. Schwere psychische Belastungen und Traumatisierungen im Leben beschweren das Alter. Doch nicht diejenigen, die unbeschwert gelebt haben, sondern diejenigen, die in anderen Lebensphasen mit Hindernissen kämpfen mussten, sind mental gewappnet. Vor allem aber diejenigen, die dem Alter auch positive Seiten abgewinnen können, ergreifen unerwartete Chancen. Auch in der Liebe. "Sexualität ist eine wichtige Quelle der Vitalität, Lebensfreude und Gesundheit bei älteren Menschen", sagt der Sexualwissenschaftler Uwe Hartmann von der Medizinischen Hochschule Hannover. Ulrike Brandenburg, Sexualwissenschaftlerin an der Uniklinik Aachen, hat bei einer Umfrage unter ihren älteren Patientinnen festgestellt, dass jede zweite erotische Träume hat. 70 Prozent der von ihr Befragten schlafen mit einem Partner oder befriedigen sich auch selbst. Die klinische Psychologin Beate Schultz-Zehden stellte in der Berliner Altersstudie fest: "Eine neue Generation von Frauen, die sich von traditionellen Verhaltensmustern distanzieren konnte, rückt jetzt ins mittlere und höhere Lebensalter vor." Es sind diejenigen, denen materielle Unabhängigkeit durch Ausbildung und Beruf, die Pille und das Ablegen alter Rollenmuster seit den 60er Jahren Freiheit geschenkt haben.

Zur hohen Kunst des würdigen Alterns

gehört auch Anpassung an die Realität. Das Rezept des Berliner Altersforschers Baltes: selektieren, optimieren, kompensieren. Als Vorbild zitiert er den damals 80-jährigen Pianisten Arthur Rubinstein, der auf die Frage, wie er es schaffe, noch solche Konzerte zu meistern, antwortete: Er spiele weniger Stücke. Diese öfter. Er verlangsame Passagen, um andere schneller erscheinen zu lassen. Selektieren, optimieren, kompensieren. Theodor Fontane schrieb "Effi Briest" altersweise mit 75. Heute feiern der 77-jährige Dirigent Kurt Masur und der 78-jährige Theaterregisseur Peter Zadek international Erfolge. Und wenn jemand Gehör findet, der den dynamischen Führern in Politik und Wirtschaft die Leviten liest, so ist es der schwerhörige Helmut Schmidt. Der Kanzler a.D. ist 85 Jahre alt.

Brigitte Stender hatte niemals in einem Heim leben wollen. Das stand für die frühere Altenheimleiterin immer fest. Frühstück nur zwischen neun und elf Uhr - allein das schon widersprach ihrem Freiheitswunsch. Sie wollte aber auch den Kindern nicht zur Last fallen. Also hat die geschiedene Mutter von vier Kindern per Zeitungsannonce Menschen aufgespürt, die, wie sie selbst, auf der Suche nach Zukunft waren. Zuerst waren die Unsicherheiten groß: Umzug, Anpassung, Akzeptanz der Eigenarten. Und da war die bange Frage: Bin ich schon so weit? Heute leben 16 Menschen in einer Wohngemeinschaft auf dem ehemaligen Expo-Gelände in Hannover, gehen miteinander schwimmen, ins Kino oder trinken abends in den Gemeinschaftsräumen ein Glas Rotwein. Jeder hat eine Wohnung für sich. Die meisten WGler sind Frauen. Deshalb ist Franz Lagodzki, 74, heiß umworben. Seine Frau Heidemarie, 62, nimmt es locker, wenn es heißt: "Leihst du mir den Franz mal aus?" Und weil sie meistens ja sagt, ist Franz in ständig wechselnder Begleitung im Konzert. Beim bundesweiten Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter sind allein 190 Vereine registriert, denen zum Teil mehrere Wohnprojekte angehören. Gemeinsam statt einsam, gegenseitige Hilfe, Selbstständigkeit im Alter - all dies klingt schön. Doch der Ernstfall heißt Krankheit und hat die Senioren-WG in Hannover schneller getroffen, als sie befürchtete. Schon ein halbes Jahr nach dem Einzug war Christa Lowack, heute 67, nach einem Infarkt im Rückenmark völlig gelähmt. Eigentlich ein Fall für das Pflegeheim. Doch die Wohn-Genossen nahmen die Herausforderung an. Sie holten Christa Lowack aus der Reha zurück in die Gemeinschaft. Sie übten das Aufstehen, das Gehen und später gar das Treppensteigen. Ohne die tägliche Aufmunterung, glaubt Christa Lowack, könnte sie sich heute nicht wieder so selbstständig bewegen. Helfen. Dabeisein. Mitmachen. Das wollen die meisten. Wer sich zu früh zur Ruhe setzt, auch das ist ein Ergebnis verschiedener Altersstudien, wird oft unglücklich.

Helga Warschnauer hat zu DDR-Zeiten Kindergärten und Kinos gebaut, nach der Wende Supermärkte und Lärmschutzwände. Vor drei Jahren ist die Bauingenieurin in Rente gegangen. In Hennigsdorf, wo die Havel kleine Seen bildet, wohnt die 66-Jährige direkt am Wasser. Ruhesitz in bester Lage. Doch Helga Warschnauer will nicht ruhig sitzen. "Ich bin überhaupt keine Hausfrau", sagt sie. Neben dem Tee steht in ihrer Küche eine Dose mit Massai-Medizin. Manchmal denkt Helga Warschnauer an Mister Yes. Mister Yes lebt in Kenia und geht dort in eine Schule, die Warschnauer gebaut hat. Die Bauingenieurin ist Mitglied des Senior Experten Service. Der vermittelt 6.000 ehemalige Fach- und Führungskräfte als ehrenamtliche Berater an rund 1.200 Projekte in 145 Länder. Helga Warschnauer hat gerade in Kenia eine Schule für aidskranke Kinder errichten lassen. Bei 34 Grad im Schatten hat sie die Bauarbeiten überwacht, selbst gestrichen, geputzt, Ratten aus ihrem Schlafraum vertrieben und abends in der Bar mit 30 Jahre jüngeren Männern getanzt. Wenn Helga Warschnauer von Afrika erzählt, lacht sie und sagt: "Das Schöne ist, man wird gebraucht."

Julia Bonstein und Kuno Kruse/print