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9/11-Opfer : Marcy Borders - die Staubfrau aus den Twin-Towers ist tot

Marcy Borders war die Frau, die sich von Staub bedeckt am 11. September 2001 aus den Twin-Towers rettete. Nun erlag die 42-Jährige einem Krebsleiden. Der stern erinnert an eine bemerkenswerte Frau.

Marcy Borders, die Staubfrau von 9/11.

Dieses Bild machte Marcy Borders zur Staubfrau.

Marcy Borders war die "Staubfrau von 9/11". Das Bild von ihr, wie sie sich von gelbem Staub bedeckt, aus den Türmen rettete, ging um die Welt und wurde eines der Fotos von dem Terroranschlag, der die Welt erschütterte. Ihr Leben wurde danach nie wieder zu dem, das sie vor dem 11. September 2001 geführt hatte. Nun ist Marcy Borders an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Dies teilte ihr Bruder am Montag auf seiner Facebook-Seite mit. "Ich kann nicht glauben, dass meine Schwester tot ist," schrieb Michael Borders dort.

Borders wurde nur 42 Jahre alt und hinterlässt zwei Kinder. Vor einem Jahr wurde bei ihr Magenkrebs diagnostiziert. Borders habe ihre Krankheit auf die Terroranschläge am 11. September 2001 zurückgeführt, hieß es in US-Medien. Ein Jahr nach den Anschlägen sprach stern-Reporter Michael Streck mit der jungen Frau, der der Schatten der Katastrophe nicht von der Seele wich. Sein Portrait aus dem Jahr 2002 erinnert an eine bemerkenswerte Frau. 

Marcy Borders - Die Staubfrau

Dies ist ein guter Tag für . An guten Tagen ist der Kühlschrank einigermaßen voll, und Marcy traut sich auf die Straße. Besucht vielleicht einen Freund um die Ecke oder ihre Cousine oder Schwester. Oder Tochter Noelle, neun Jahre, die beim Vater lebt, seit die Mutter nur noch weinte und auf dem Sofa lag und beim Grübeln nicht weiter kam als auf den Grund der Bier- und Schnapsflaschen.

Dies ist ein guter Tag für Marcy Borders, weil sie einigermaßen flüssig erzählen kann und nur gelegentlich von Weinkrämpfen geschüttelt wird und niemand anruft, der fragt: "Wie fühlst du dich?" Monate hat sie darauf nur antworten können: "Wie am 12. September." Dies ist auch ein guter Tag, weil die Kopfschmerzen nicht so stark sind wie sonst und sie kein Aspirin schlucken muss, "ich habe nie Aspirin genommen vor dem Elften." An schlechten Tagen wummert der Schädel, und das hat nichts zu tun mit leeren Schnapsflaschen. Marcy trinkt zurzeit nicht mehr. Sagt sie. Der Schädel wummert von der Wucht der Bilder. Ein immer gleicher Film läuft da ab: Tote, Verletzte, Flugzeuge, Menschen, die aus den Türmen springen, bevor die einstürzten. Es ist ihr Film, "ich kriege das nicht aus dem Kopf".

Marcy Borders ist krank. Sie benötigt dringend psychologische Hilfe. Aber da ist niemand, der ihr hilft. Vielleicht wohnt sie im falschen Ort, Bayonne, New Jersey, eine Schlafstadt auf der anderen Seite des Hudson-Flusses. In New York, Luftlinie fünf Meilen, geben sie Abermillionen aus für die psychologische Betreuung von Opfern des 11. September. Marcy Borders ist eine junge, attraktive Frau von 29 Jahren. Ihre Augen sind matt, sie spricht leise mit einer rauchigen Stimme. Sie sagt, dass sie einmal eine fröhliche Frau war: "I was a Party-girl." 1992 hat Marcy ihren Schulabschluss an der Bayonne High School gemacht, sie studierte für kurze Zeit an der New Jersey State University und machte einen Abschluss am "Chubb Institute", einer Schule für Büro-Management. "Ich hatte eine ganze Reihe von Jobs." Marcy Borders konnte immer gut mit Menschen. Dreimal in der Woche ging sie in die Baptisten-Kirche, und gelegentlich half sie in der Suppenküche und teilte Essen aus an Obdachlose. "Ich habe immer gegeben, immer."

Sie lebte ein beschauliches Vorstadtleben im ärmeren Viertel von , zog ihre Tochter groß. Und vergangenes Jahr hatte sie Glück. Ihre Zeitarbeitsfirma vermittelte ihr ein Angebot der "Bank of America", New York City, World Trade Center. Marcy mochte New York eigentlich nie. Sie hatte ihr Leben lang Angst vor der großen Stadt auf der anderen Seite des Flusses. Hatte immer Angst, dass etwas passieren könnte, etwa in der U-Bahn. Es gab und gibt zu viele Verrückte in New York City. Marcy Borders war nie im Central Park, nie in der Wall Street, sie hasste die Brücken und Tunnel. Sie kannte Manhattan als Skyline. Sie sagt: "Ich war im ganzen Leben nur zweimal drüben - zum Einkaufen." Aber das Angebot als Büroassistentin war gut, und es hätte ihr 40000 Dollar pro Jahr gebracht und damit finanzielle Sicherheit für sich und die Tochter. Sie willigte ein. Marcy Borders trat ihre Stelle am 12. August an.

"Ich dachte sofort, das ist Krieg"

Sie steht am Kopierer im 81. Stock, als das Flugzeug sich zwölf Etagen höher in den Nordturm bohrt. Der Tower schwankt wie ein Schiff auf hoher See. Sie schreit, "ich dachte sofort, das ist Krieg, eine Rakete hätte eingeschlagen". Ein Kollege kommt auf sie zu und sagt "Beruhige dich. Ein kleines Flugzeug hat uns gestreift." Und nichts würde passieren. Aber Marcy glaubt das nicht. Sie sieht ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Panik erfasst sie, und die Panik rettet ihr das Leben. Marcy beginnt unverzüglich den Abstieg durchs Treppenhaus. Im 44. Stockwerk wollen Sicherheitsleute die Flüchtenden umdirigieren zu einem Fluchtweg. Marcy weigert sich, sie steigt weiter ab. Im 33. Stockwerk trifft sie den ersten Feuerwehrmann. Er hastet an ihr vorbei und mit großer Sicherheit in den Tod. Im 25. Stock tropft Wasser aus den Wänden. Ein Mann hinter ihr kehrt um. Sie geht weiter. "Ich fragte Gott: Was soll ich tun?" Und sie entscheidet sich richtig. Abwärts, nur abwärts. Und sie singt. Immer und immer wieder singt sie ein Gospellied von Kirk Franklin: "My Life is in your hands, You don't have to worry, And don't you be afraid. Oh I know that I can make it." Ich kann es schaffen. Sie singt und singt. Und sie schafft es.

Nach einer Stunde und zwanzig Minuten erreicht die junge Frau den Ausgang. Die Rettungsleute unten sagen: "Keine Panik." Aber sie rennt. Und stolpert und fällt. Steht wieder auf und läuft, fällt wieder. Dann hört sie ein Grummeln, und ein Feuerwehrmann brüllt: "Rennt, rennt, dreht euch nicht um, rennt." Es ist der Moment, in dem der Südturm zusammenstürzt. Sie kreischt: "Ich will nicht sterben!" Die Druckwelle reißt sie von den Beinen. "Alles war schwarz um mich herum. Alles. Ich glaubte ganz sicher, ich sei tot."

Marcy kann nichts sehen, der Staub ist überall. Im Mund, in den Nasenlöchern. Auf dem ganzen Körper. Ihr Kostüm - schwarzes Top, schwarzes Halstuch, beiger Rock - und die kniehohen Wildlederstiefel sind nun weiß. Marcy spuckt Staub. Ein Mann tritt auf sie zu. Er hat kein Hemd mehr an, sein Bauch ist dick, daran erinnert sie sich. Der Fremde hilft ihr auf die Beine, hakt sie unter und geleitet sie durch die Trümmer zu einem sicheren Gebäude. "Er war mein Schutzengel, ohne ihn hätte ich es nicht geschafft." Sie hat ihn danach gesucht, sie hat alle möglichen Leute befragt. Sie glaubt, dass der fremde Mann mit dem dicken Bauch wieder zurück gerannt ist, um anderen zu helfen, "vermutlich ist er tot". Marcy lebt.

Marcy Borders

Marcy Borders verlor den Kampf mit dem Krebs.


Seitdem ist ihr Leben ein Trümmerfeld

In dem Augenblick, als der Fremde kehrt macht, drückt der Fotograf auf den Auslöser. Seitdem ist Marcy Borders "die Staubfrau". Aber seitdem ist sie berühmt. Seitdem ist ihr Leben ein Trümmerfeld.

Man erreicht Marcy Borders kleines Apartment über eine vermüllte Treppe. Im Hausflur hängt ein Geruchsgemisch aus Essen, Hundescheiße und Urin. An ihrer Tür klemmt eine kleine US-Fahne, und darunter pappt ein Aufkleber: "09 - 11 - 01. Bayonne Columbine Commitee. WE CARE". Marcy sagt: "Kümmern?" Sie lacht spöttisch. Zwei, drei Tage nach der Katastrophe, sagt Marcy, rief die " " bei ihr an. Man teilte ihr mit, sie habe eine Woche Zeit, wieder zu sich zu kommen - "sonst werden Sie ersetzt".

Aber Marcy kam nicht zu sich. Die Bank sagt, sie habe Mrs Borders andere Jobs angeboten, jenseits der City, und sie habe abgelehnt. Marcy sagt: "Das stimmt nicht." Wort steht gegen Wort, aber das ist wahrscheinlich auch unerheblich, denn die junge Frau war arbeitsunfähig. Über Monate traute sie sich nicht vor die Tür. Lag auf dem Sofa, weinte, ließ die Wohnung verkommen, magerte dramatisch ab, ernährte sich nur von Nudel-Hühnersuppe, "das Einzige, was ich runterkriegte". Ihr einstiger Lebensgefährte James - "er ist ein guter Mann" - nahm die gemeinsame Tochter zu sich. Sie soff, um überhaupt schlafen zu können - und ohne Albträume. Sie überlebt bis heute nur mit dem Geld der Familie. Mehrmals kappte die Telefongesellschaft ihren Anschluss, weil sie Rechnungen nicht bezahlen konnte. Sie sagt: "I am fucked up."

An Halloween verkleidete sich ein Junge wie Marcy. Schüttete sich Staub über die Klamotten und ging von Tür zu Tür, klopfte auch bei ihr. Sie brach zusammen. Nachbarn sprayten "Dust Lady", Staubfrau, an ihre Tür. Man machte Witze über sie. Und also verschloss sie sich noch mehr. Lebte wie eine Gefangene in den eigenen vier Wänden, 175 Dollar Miete. Ihre Mutter Ruby beschimpfte sie regelmäßig am Telefon - "verdammt, komm endlich zu dir! Lebe wieder! Such dir einen Job. Zerfließ nicht in Selbstmitleid. Du hast überlebt!"

Mal gute, mal schlechte Tage

Aber Marcy Borders ist noch nicht so weit. Sie schwankt in ihren Stimmungen. Hat gute und schlechte Tage. Sie braucht Hilfe. Sie suchte diese Hilfe beim Roten Kreuz und bekam ein paar hundert Dollar. Aber sie bekam nicht das, was sie brauchte: seelischen Beistand. Das Rote Kreuz von Bayonne behauptet, man habe ihr mehrmals Hilfe angeboten. Auch die Behörden in New Jersey und New York City erklären übereinstimmend, dass sie Mrs Borders unterstützen wollten - erfolglos. Nur ist es ein uramerikanischer Irrglaube, dass man mit Geld alles regeln kann und sogar kaputte Seelen reparieren. Marcy ist eine Verliererin. Und Verlierer haben es schwer in Amerika.

Vor einigen Wochen rief sie im Weißen Haus an - aus purer Verzweiflung. Und die Leute am anderen Ende der Leitung waren sehr freundlich; sie kannten Marcy Borders natürlich, jeder kennt die Staubfrau. Nach zwei Tagen kam ein Brief aus Washington auf feinem Papier: "Dear Mrs Borders, vielen Dank, dass Sie Präsident George W. Bush für Unterstützung seitens der Regierungsbehörden kontaktiert haben..." Dann listeten sie eine Reihe von Hilfsorganisationen auf und versprachen rasches Handeln, und "der Präsident übermittelt seine besten Wünsche". Tatsächlich tauchten kurze Zeit später zwei von der Heilsarmee auf und überreichten ihr einen Wust von Formularen, die sie schon einmal ausgefüllt hatte. Behörden-Kauderwelsch und Irrsinn zugleich. Marcy Borders muss offiziell beweisen, dass sie am 11. September überhaupt die Katastrophe vor Ort überlebt hat.

Und sie muss beweisen, dass sie leidet. Die ganze Welt weiß das. Marcy hat Hunderte von Briefen bekommen. Die Menschen schickten ihr Teddybären zum Trost, und ein Mann aus England sandte sogar 500 Dollar. Das Mädchen Elizabeth aus Piedmont Oklahoma schrieb ihr eine Karte: "Versuche zu lächeln."

An guten Tagen lächelt Marcy. An guten Tagen holt sie sogar die Klamotten aus der Plastiktüte, die sie am 11. September trug. Sie nennt die Sachen "Luckiest dress", Glückskleider, und will sie eines Tages der Tochter schenken, wenn die besser versteht und nicht mehr fragt: "Warum weinst du so oft?"

An schlechten Tagen ist Marcy kaum ansprechbar. Dann denkt sie unentwegt an neuen Terror, die Verrückten sind überall. Sie verlässt die kleine Wohnung dann nicht. Und beginnt zu zittern, wenn ihr Ex-Freund Rick in die Wohnung stürmt. Der sie - das kam hinzu - missbrauchte und schlug, geschunden und elend, wie sie war. An schlechten Tagen kommen die Albträume, und der Kopf schmerzt. Sie grübelt, wie es weitergehen soll. Würde gern der Tochter was bieten, "etwas Besseres als mein Leben". Würde gern einen neuen Mann kennen lernen, der ihr zuhört und nicht zuschlägt. Hätte gern verdammt noch mal nur einen einzigen Wunsch frei. Und was würdest du dir wünschen, Marcy? "Eine ruhige Nacht."