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#DieTotenkommen in Berlin: Wie Gräber vor dem Bundestag Flüchtlingen helfen sollen

Das Zentrum für Politische Schönheit führt Regie. Berlin spielt mit. Gemeinsam protestieren sie gegen die europäische Flüchtlingspolitik und wollen die Politiker zwingen, die Verantwortung für das Sterben auf dem Mittelmeer zu übernehmen.

Von Silke Müller

Aktivisten reißen den Bauzahn um den Rasen vor dem Bundestag in Berlin ein

Aktivisten reißen den Bauzahn um den Rasen vor dem Bundestag in Berlin ein. Zusammen mit dem Zentrum für Politische Schönheit wollen sie gegen die europäische Flüchtlingspolitik demonstrieren

Mannschaftswagen der Polizei umstellen ein Theater. Tausende Menschen überrennen den Zaun um die Reichstagswiese und heben Gräber aus. Überall im Bundesgebiet tauchen plötzlich Grabhügel mit Blumen, Kerzen und Kreuzen auf. Am Bundeskanzleramt kündigt ein Baustellenschild die Verwandlung des Vorplatzes in ein Friedhofsfeld an. Wer führt hier Regie?

Der Berliner Theatermacher Philipp Ruch, 34, sitzt in einem Café unweit der Humboldt-Universität und lässt die Woche Revue passieren. Seit der medienwirksamen Beerdigung zweier Syrer, die auf der Flucht nach Europa im Mittelmeer starben, streitet die Republik über seine Aktion "Die Toten kommen".

Ruch und sein Team vom "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) protestieren gegen die europäische Flüchtlingspolitik und wollen die Politiker zwingen, die Verantwortung für das Sterben auf dem Mittelmeer zu übernehmen. Doch die Art und Weise, wie die Theaterleute, Künstler und Kreativen ihren Widerspruch äußern, provoziert und überfordert die beteiligten Instanzen in einem Ausmaß, wie es Kunst bisher kaum je vermochte. Verwirrung stiften Ruch und das ZPS vor allem, weil sie konsequent die Trennung zwischen Kunst und Politik, Inszenierung und Wirklichkeit aufheben. Ruch: "Wir sind nicht Ärzte ohne Grenzen, wir sind Kreative ohne Grenzen."

Schockierende Fotos von Leichen

Zunächst einmal waren da die Toten: Ein Team des ZPS will monatelang auf Sizilien recherchiert haben, um anonym begrabene Flüchtlinge zu identifizieren. In mindestens zwei Fällen sei es gelungen, die italienischen Behörden von der Identität der Leichen zu überzeugen und im Auftrag der Angehörigen Papiere für die Überführung der sterblichen Überreste nach Berlin einzufordern. Dort wurden sie vergangene Woche durch einen Imam nach muslimischem Brauch bestattet.

Dass diese Beerdigungen nicht in aller Stille vonstatten gingen, sondern vom ZPS als Festakt mit Ehrenplätzen für Kanzlerin Angela Merkel, Innenminister Thomas de Maizière und diverse Staatssekretäre inszeniert wurde, erhitzte die Gemüter. Die einen zweifelten, ob sich im Sarg überhaupt Leichen befanden, die anderen geißelten den Missbrauch der Toten für politische Zwecke, die Süddeutsche Zeitung nannte es gar "politische Pornografie".

Das Zentrum beließ es nicht dabei, sondern veröffentlichte schockierende Fotos von Leichen, die in Säcken verpackt in einem defekten Kühlraum in Italien gestapelt lagen. Ihr Blut war aus der Kammer geflossen und zu einem schwarzen See geronnen. Was ist echt, was Inszenierung? Einzig die alternative Tageszeitung taz schickte, statt das Zentrum zu verurteilen, einen Reporter ins sizilianische Augusta, der die Geschichte der 17 Leichen recherchierte und die desolaten Zustände im Umgang mit toten Flüchtlingen dokumentierte.

Ein Holzsarg wird im Rahmen der Aktion "Marsch der Entschlossenen" vom Zentrums für Politische Schönheit vor das Kanzleramt getragen. Im Hintergrund steht ein symbolisches Bauschild mit der Aufschrift "Hier baut die Europäische Union - Friedhofsanlage - Den unbekannten Einwanderern"

Ein Holzsarg wird im Rahmen der Aktion "Marsch der Entschlossenen" vom Zentrums für Politische Schönheit vor das Kanzleramt getragen. Im Hintergrund steht ein symbolisches Bauschild mit der Aufschrift "Hier baut die Europäische Union - Friedhofsanlage - Den unbekannten Einwanderern"


Angst des Kanzleramts vor unpopulären Bildern

Am Sonntag schließlich zog ein vom ZPS organisierter Trauermarsch zum Kanzleramt, um eine Gedenkstätte für die "Opfer der militärischen Abriegelung Europas" zu errichten. Das dafür angemietete Baufahrzeug blieb stehen, denn der Polizeipräsident hatte Baggerverbot erteilt. Auch das "Mitführen von Leichen" hatte er untersagt, und hier wird sichtbar, was Ruch das "Einfräsen von Zeit" nennt. In seinen Aktionen spielen alle Beteiligten ihre Rolle so deutlich, dass sich ein Dokument unserer Gegenwart geradezu von selbst erstellt: Politiker, die sich über die Form des Protest echauffieren, um von den Inhalten abzulenken. Behörden, die Symbole mit realen Objekten verwechseln. Die Angst des Kanzleramts vor unpopulären Bildern.

"Es geht uns um moralische Schönheit", sagt Ruch und liefert auch gleich ein Beispiel für einen solchen Akt: "Willy Brandt im Warschauer Ghetto. Das war ein Ereignis, das einfach nur strahlt." Schönheit, Moral und auch Verantwortung - das sind Begriffe, die Ruch über seine Aktionen stellt. Damit besetzt er eine Leerstelle im Kulturbetrieb, die Aktionskünstler und Weltverbesserer wie Christoph Schlingensief und Joseph Beuys hinterlassen haben. Seine Aktionen nennt er "soziale Plastiken", also Kunstwerke, die in Gestalt und Wirkung weit in das Leben der Menschen hinein arbeiten. Als Regisseur schafft er Bedingungen, unter denen die Gesellschaft beginnt, sich selbst zu spielen. Sein Anspruch ist dabei epochal: "Wenn man an die Weimarer Republik denkt, hat man George Grosz und Otto Dix vor Augen. Wir wollen der Otto Dix des 21. Jahrhunderts werden."