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Diren Dedes Todesschütze schuldig: Ein gerechtes Urteil, aber kein Grund zur Freude

Der Hamburger Austauschschüler Diren Dede wollte nur eine Mutprobe bestehen und wurde dabei erschossen. Dass sein Todesschütze verurteilt wurde, ist gut. Es wird am Grundproblem aber nichts ändern.

Ein Kommentar von Alexandra Kraft, New York

Der 17-jährige Diren Dede starb auf einem ölverschmierten Garagenboden in Missoula, Montana. Knapp ein halbes Jahr ist das her. Am Tag nach dem Tod des 17 Jahre alten Austauschschülers aus Hamburg stand ich vor der Doppelgarage in dem beschaulichen Wohngebiet und fragte mich:

"Wie ist es möglich, dass Markus Kaarma glauben konnte, er habe das Recht, vier Mal mit einer Schrotflinte auf den unbewaffneten Diren Dede schießen zu dürfen? Ohne Vorwarnung? Ohne ihm die Chance zu geben, sich freiwillig zu stellen?"

Für mich Europäerin war das unverständlich. Warum ruft man nicht die Polizei, wenn man glaubt, ein Dieb sei in die Garage eingedrungen?

Diren Dede hat einen Fehler gemacht

Markus Kaarma richtete stattdessen den Teenager in seiner Garage regelrecht hin. Er ernannte sich zum Richter und Vollstrecker. Er schoss von links nach rechts in den dunklen Raum. Immer in Kopfhöhe. Bis er mit dem letzten Schuss, seinem vierten, Diren Dede tödlich traf.

Diren Dede hat einen Fehler gemacht. Richtig. Wie wir alle sie gemacht haben, als wir Teenager waren. Er wollte, vermutlich als Mutprobe, ein paar Dosen Bier aus dem Kühlschrank in der Garage klauen. Ein weit verbreiteter Spaß unter Jugendlichen in Missoula. In Deutschland hätte Dede eine Standpauke von seinem Vater bekommen, und damit wäre die Sache erledigt gewesen.

In Montana musste er dafür sterben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er nicht ahnte, in welche Gefahr er sich in dieser Nacht begab. Diren Dede, so sagte sein Schulfreund Zack später in Gesprächen mit dem stern, habe nicht gewusst, dass es in Montana in fast jedem Haushalt eine Waffe gibt, und dass diese auch benutzt wird. Sein Geschichtslehrer Cameron Johnson meinte: "Alle haben ihm gesagt, dass er unter 21 Jahren keinen Alkohol trinken dürfe. Aber niemand hat ihm erklärt, dass er erschossen werden kann, wenn er unerlaubt ein fremdes Grundstück betritt."

Diren Dedes Tod nur ein tragisches Missverständnis?

Sicher nicht. Denn Amerika ist ein Land unter Waffen. Auf 100 Einwohner kommen fast 90 Gewehre, Revolver oder Pistolen. Wer im Bundesstaat Montana ein Schießeisen kaufen will, braucht keinerlei Erlaubnis. Jeder darf so viele besitzen, wie er möchte. Niemand muss vorher nachweisen, dass er verantwortungsvoll genug ist, einen Revolver oder Sturmgewehr zu besitzen. Oder geistig in der Lage dazu ist. An Thanksgiving vor drei Wochen jubelten die Waffenhersteller über Rekordumsätze.

Und nicht nur das. Die Gesetze sind lasch. Vielerorts ist der Einsatz von Schusswaffen erlaubt, wenn sich Hausbesitzer bedroht fühlen. In Florida heißt der Grundsatz "stand your ground", verteidige dein Eigentum.

Hier erschoss George Zimmermann, der sich selbst als Nachbarschafts-Wache einsetzte, vor eineinhalb Jahren Teenager Trayvon Martin und kam straffrei davon. Er habe sich bedroht gefühlt, von dem unbewaffneten Jungen, der abends auf dem Weg vom Kiosk zurück nach Hause war, so argumentierte die Verteidigung.

Ein Recht wie im Wilden Westen

Als Markus Kaarma nun in Montana vor Gericht stand, sagte er, er habe auf Diren Dede geschossen, weil er glaubte, der sei ein Einbrecher. Er habe nur seinen damals zehn Monate alten Sohn Finn und seine Frau verteidigen wollen. Das müsse doch wohl erlaubt sein. Erst schießen, dann fragen, so handelte Kaarma. Vor dem letzten Schuss hielt er kurz inne. Zielte erneut, drückte ab, er traf Diren Dede in den Kopf. Er war sofort hirntot, stellte der Gerichtsmediziner fest.

Vor ein paar Jahren hatte die mächtige Waffenlobby NRA in Montana das Gesetz ändern lassen. Seitdem gilt die sogenannte "Castle Doctrine", nach der jeder sein Haus mit einer Waffe verteidigen darf, wenn er sich bedroht fühlt. Er darf in solchen Fällen ohne Vorwarnung schießen und muss danach die Polizei rufen.

Es ist das richtige Urteil

Genau dieser Grundsatz war es, der den 17-jährigen Diren Dede seines Lebens beraubte.

Markus Kaarma hätte nie eine Waffe besitzen dürfen. Aber wie es um seinen Geisteszustand bestellt war, danach fragte keiner, als er sich mit einem kleinen Arsenal ausrüstete. Obwohl er einige Jahre zuvor wegen häuslicher Gewalt verurteilt worden war. Obwohl er als cholerisch galt und kurz vor Dedes Tod in einem Friseursalon gepöbelt hatte: "Ich werde einen dieser verfickten Teenager erschießen." Und obwohl er seinen Gärtner nackt mit einer Waffe bedroht hatte. Er durfte seine Schrotflinte, seine Gewehre und seine Pistolen behalten.

Bevor sie gestern das Urteil sprach, tagte die Jury fast zwei Tage. Und es waren nicht wenige Amerikaner, die meinten, Markus Kaarma müsse freigesprochen werden. Die Jury entschied zum Glück anders. Sie verurteilte Kaarma wegen vorsätzlicher Tötung. Er muss mindestens zehn Jahre ins Gefängnis. Es ist das richtige Urteil.

Direns Tod wird nichts ändern

Aber es ist kein Grund zur Freude. Denn es ist nur ein Einzelfall. Die lange überfällige Diskussion über eine Reform der Waffengesetze findet in den USA nicht statt. Kein Politiker wagt sich an dieses Thema. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Diren Dede nicht der letzte ist, der so stirbt.

Es reicht nicht, dass ein Teenager tot ist. Und ein kleiner Junge, der Sohn des Verurteilten, nun ohne seinen Vater aufwachsen muss.

Wie das möglich ist? Ehrlich, ich verstehe es immer noch nicht.