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Doppelte Heiligsprechung: Geheiligter Streit um zwei ganz unterschiedliche Päpste

Am Sonntag werden zwei nicht nur umjubelte Päpste in die Liste der Heiligen aufgenommen. Dass sie zusammen heiliggesprochen werden, ist eine klare Botschaft von Papst Franziskus an seine Kirche.

Von Frank Ochmann

Papst Johannes Paul II. im Jahr 1979 in Polen. Außer ihm soll am Sonntag Johannes XXIII. heilig gesprochen werden.

Papst Johannes Paul II. im Jahr 1979 in Polen. Außer ihm soll am Sonntag Johannes XXIII. heilig gesprochen werden.

Es war überraschend, was im Juli vergangenen Jahres aus der sonst eher randständigen Heiligsprechungskongregation im Vatikan drang. Der neue Papst Franziskus hatte nicht nur für seinen Vorvorgänger Johannes Paul II. den letzten Weg "zur Ehre der Altäre" freigemacht, sondern zugleich auch für einen anderen Papst des vergangenen Jahrhunderts - Johannes XXIII., den so beliebten wie angefeindeten Initiator des Zweiten Vatikanischen Konzils und all der Reformen, die das mit sich gebracht hatte.

Demgegenüber hatte sich der polnische Papst bei allem Humor eher als Hardliner einen Namen gemacht und beispielsweise die nach dem Konzil aufblühende südamerikanische "Theologie der Befreiung" als marxistische Ketzerei gebrandmarkt. Wie passen diese beiden Päpste zusammen?

Zumindest im Himmel dürfte die Antwort klar sein, denn es war Johannes Paul II., der Johannes XXIII. im September 2000 seliggesprochen hatte. Und sicher fand er dafür gute Gründe. Zumindest in ihrer irdischen Anhängerschaft aber unterscheiden sich die beiden Päpste bis heute deutlich. So sind es vor allem die Reformkräfte in der katholischen Kirche, die "Liberalen", die Johannes XXIII. auf ihre Seite gezogen haben. Schon das macht ihn der Gegenseite verdächtig. Und auch das weckt Widerstand: Papst Franziskus hat in seinem Fall auf ein eigentlich in den Regeln vorgesehenes amtlich anerkanntes Wunder für die Heiligsprechung verzichtet.

Heilig wird, wer heiligmäßig gelebt hat

Um die Bedeutung dieses Verfahrens zu begreifen, muss man verstehen, dass die offizielle Aufnahme in den Kanon der katholischen Kirche einen Verstorbenen nicht etwa auf Befehl des Papstes in den Himmel katapultiert. Vielmehr versucht die Kirche mit ihren Mitteln festzustellen, was Gott nach ihrem Glauben zuvor schon bewirkt haben muss (und nur er kann): die Aufnahme des Toten unter die Heiligen, weil der heiligmäßig gelebt hat. Wie aber stellt man das fest? Indem man auf Erden den vermeintlichen Heiligen im Himmel wie einen Freund oder Vermittler anruft und um Hilfe bittet, wo alle irdische Macht versagt.

Ist also beispielsweise jemand unheilbar krank und bittet einen Verstorbenen um Fürsprache bei Gott, und wird dieser Kranke dann gegen alle medizinische Weisheit tatsächlich gesund, ist das nach katholischer Auffassung ein starkes Indiz dafür, dass der um Hilfe gebetene Verstorbene tatsächlich im Himmel ist - und ihm in den vatikanischen Akten ein Wunder angerechnet werden kann.

So etwa sieht sie aus, die in Bürokratie gefasste Logik der katholischen Selig- und Heiligsprechung. Warum das überhaupt unterschieden wird? Weil eine Seligsprechung früher nur für das jeweilige Bistum galt, aus dem der Prozess veranlasst wurde. Der Selige war gewissermaßen ein Lokalheiliger. Sollte aber der ganzen, weltweiten Kirche ein Vorbild vor Augen gestellt werden, brauchte es dafür die Heiligsprechung. Heute ist das aus guten theologischen Gründen nicht mehr so. Einfach zusammengefasst: Wer "selig" ist, ist auch im Himmel - und der hat keine "First Class".

Franziskus zeigt sich jesuitisch gelassen

Über die üblichen Prozeduren hat sich Papst Franziskus im Fall Johannes XXIII. also hinweggesetzt, indem er auf ein beglaubigtes Wunder verzichtete - ein sehr fraglicher Schritt für die selbst ernannten Schützer katholischer Tradition. Wie kann er nur? Dabei haben die Kritiker allerdings übersehen, dass die Anwesenheit von Johannes XXIII. im Himmel theologisch bereits bei der Seligsprechung vor fast 14 Jahren feststand - auf ewig.

Ein beglaubigtes Wunder vor der abschließenden "Kanonisierung" wäre also vielleicht "nice to have", würde aber an den Verhältnissen nichts ändern. Eben das hat Franziskus mit jesuitischer Gelassenheit zum Ausdruck gebracht - und sich dabei gleich noch als theologisch gebildeter gezeigt als jene, die ihn ständig mit strengen Blicken ins Kirchenrecht und die überlieferte Lehre kontrollieren.

Was sie aber vor allem von ihm lernen können, steckt auch in dieser doppelten Heiligsprechung (und fände zweifellos die Zustimmung beider nun kanonisierten Päpste): Es muss in der Kirche nicht länger zugehen wie im Kommunismus! Zweifellos hatten Angelo Roncalli aus der Lombardei und Karol Wojtyla aus dem Vorland der polnischen Beskiden keine deckungsgleiche Sicht auf die Kirche und ihren Weg in die Zukunft. Die Botschaft ihrer gemeinsamen Heiligsprechung aber ist: Das muss auch nicht so sein! Es darf auch in der Kirche mehr als eine Meinung geben, wenn die denn ehrlich ist und nach bestem Wissen und Gewissen. Es darf einen Dialog geben, bei dem die Argumente mehr gelten als der hierarchische Rang dessen, der sie vertritt.

Das ist wahrlich revolutionär, bedenkt man, wie starr die Lehre der katholischen Kirche auch heute zum Beispiel noch vom Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, vertreten wird. Wegen eben dieser Haltung des Kardinalpräfekten gibt es Konflikte nicht zuletzt auch mit der deutschen Kirche, die sich zum Beispiel einen freieren Umgang mit Katholiken in zweiter Ehe wünscht. Auch viele Bischöfe nördlich der Alpen tun das. Und darum gab es auch viel Kritik an der Berufung Müllers und an seiner Erhebung in den Kardinalsstand. Galt jetzt also doch wieder der Betonkatholizismus aus den Zeiten Benedikts? Franziskus ließ sich nicht beirren.

Das Ringen um Wahrheit ist geheiligt

Was hätte denn eine Ablösung oder auch nur Demütigung Müllers bewirkt? Dass wieder nur eine Meinung zugelassen worden wäre! Dann eben vielleicht die von Kardinal Walter Kaspar, der sich seit Jahrzehnten für eine Liberalisierung des Eheverständnisses einsetzt. Diese Position durfte er auch ganz offen beim Konsistorium im Februar allen Kardinälen darlegen, sogar auf ausdrückliche Einladung des Papstes. Und nach dem Referat des Kardinals hagelte es heftig Kritik von rechts, so wird berichtet, und Kaspar war beleidigt.

Franziskus dürfte das mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen haben. Denn in genau solchen, vor allem öffentlich so unüblichen Debatten an der Spitze der Kirche bildet sich ein neuer Umgang heraus. Ein Dialog ist ja nur möglich, wenn mindestens zwei Meinungen miteinander ringen und nicht eine schon zuvor unterdrückt wird. Wie also stünde Franziskus da, wenn er Müller oder Kaspar das Wort verbieten würde? Wie ernst wäre es dann mit seinem immer wieder erneuerten Werben für den Austausch, die Begegnung und das gemeinsame Ringen um den richtigen Weg?

Die doppelte Heiligsprechung vom Sonntag nach Ostern drückt genau das in der feierlichsten Form aus, die der katholischen Kirche zur Verfügung steht. Der ehrliche Streit, das Ringen um Wahrheit, ist geheiligt. Franziskus bricht dabei nicht mit der Tradition, wie das angstvoll im rechten Lager seit Monaten befürchtet wird. Anders als unter dem führungsschwachen Benedikt XVI. ist der Papst diesmal aber uneingeschränkt Herr des Verfahrens, wenn es um ihn herum zu Auseinandersetzungen, Debatten, ja zum Streit kommt wie aktuell auch zwischen den Kardinälen Müller und Marx. Franziskus lässt beide gewähren und weiß sehr genau, dass am Ende ja er der Papst ist.

In diesem Bewusstsein trifft er sich mit den beiden großen Vorgängern, die er seiner Kirche wie ein heiliges Zwillingspaar präsentiert hat. Die Botschaft dazu soll ein anderer Heiliger formuliert haben, der unter König Heinrich VIII. hingerichtete Lordkanzler und Märtyrer Thomas More: "Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern die Weitergabe der Flamme."