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Dortmund-Dorstfeld: Frau Landowska muss ihre Wohnung räumen – die schmerzhafte Geschichte einer Vertreibung

Dortmund-Dorstfeld, 21. September 2017. Am frühen Abend klopft es bei Barbara Landowska an der Tür: die Feuerwehr. Sie müsse binnen zwei Stunden ihre Wohnung räumen – und mit ihr 752 andere Bewohner des Hannibal. Die erste Nacht verbringt sie im Auto. Aus der Hoffnung auf wenige Tage werden wohl Jahre.

Von Marc Bädorf

In Dortmund wurden 753 Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben

Barbara Landowskas Wohnung war die größte im neunten Stock des Hannibal-Gebäudes 16, eine jener Wohnungen, von deren Küchenfenster aus der Blick gen Osten über das Signal-Iduna-Stadion bis zum Florianturm reicht.

Sie hatte drei Zimmer, Küche, Bad und viel Licht vom Sonnenaufgang bis zum Untergang, alles also, was sie und ihre gehbehinderte Tochter zum Leben brauchten, wären da nicht die teils merkwürdigen Nachbarn gewesen und der Aufzug, der im Lauf der Jahre mehrmals abstürzte.

Dafür zahlte sie nur 540 Euro Miete im Monat, ein Schnäppchen, und wenn der Aufzug abstürzte, konnte sie sich wenigstens sicher sein, dass er an den einzelnen Etagen kurz einrastete.

"Die meisten denken, hier leben nur Asoziale"

Doch, sagt Barbara Landowska und nickt, sie habe ihr Leben im Hannibal gemocht, und nein, sie würde sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich wieder dorthin zurückzukehren.

Der Hannibal steht in Dorstfeld, einem Stadtteil im Südwesten Dortmunds, der sich an die Autobahn 40 schmiegt wie sonst Städte an Flüsse. Hannibal, schon der Name ist verrückt, ein Hochhaus-Komplex in Dortmund, benannt nach dem Feldherrn aus Karthago. Dann der Komplex selbst, von 1973 bis 1975 gebaut, ein Koloss aus acht Terrassenhochhäusern, die links mit elf, anschließend 16 Stockwerken ansetzen, bevor sie wie eine brechende Welle Haus für Haus auf sechs Etagen abebben.

Gebaut für Studenten und Mittelschichtler, wurde der Hannibal bald nach der Inbetriebnahme Heimat einfacher Leute vielfältigster Herkunft – Polen, Russen, Türken, Iraner, Syrer, Chinesen, Japaner, Ungarn, Thailänder, Vietnamesen. "Die meisten Leute in Dortmund denken, dass im Hannibal nur Asoziale leben, mit denen man alles machen kann", sagt Barbara Landowska. "Aber das stimmt nicht."

Barbara Landowska darf täglich zehn Minuten in ihre Wohnung, unter Aufsicht

Barbara Landowska darf täglich zehn Minuten in ihre Wohnung, unter Aufsicht

Als sie vor acht Jahren mit ihrer Tochter in den Hannibal einzog, war er dem Verfall schon preisgegeben. Die Fassade schmutzig, die Flure beschmiert, die Spielgeräte im Vorgarten rostig. In manchen Wohnungen funktionierte die Heizung nicht, in anderen hatte sich Schimmel festgesetzt.

Trotzdem blieb Landowska im Hannibal. Bis zum 21. September dieses Jahres.

An jenem Donnerstag steht sie wie üblich gegen sechs Uhr auf, um noch eine Stunde für sich zu haben, bevor sie ihrer Tochter Frühstück zubereitet, sie zur Schule fährt und ihren Arbeitstag als Gebäudereinigerin beginnt.

Ihre Tochter heißt Nikola, ist 15 Jahre alt und besucht die achte Klasse eines Gymnasiums. Sie hinkt, es fällt ihr schwer, längere Strecken zu Fuß zurückzulegen.

In London kamen 80 Menschen ums Leben 

Als sie am Nachmittag von der Schule heimkehrt, ist ihre Mutter bereits von der Arbeit zurück und hat gekocht. Sie essen, dann verbringen sie den Rest des Nachmittags getrennt voneinander, Nikola in ihrem Zimmer, Barbara Landowska in der Küche und auf dem Balkon.

Dort sitzt sie und raucht, als es gegen Abend an der Tür klopft. "Ich hatte niemanden mehr erwartet", sagt sie. "Wir hatten nur selten Besuch im Hannibal, und von den Nachbarn kannte ich sowieso keinen."

Sie öffnet. Vor der Tür stehen zwei Feuerwehrleute in Uniform. "Guten Abend", sagt einer der beiden. "Das Haus muss evakuiert werden. Wir bitten Sie, das Nötigste zu packen. In spätestens zwei Stunden müssen Sie aus Ihrer Wohnung raus sein." Landowska nickt.

Landowskas Tochter Nikola, 15, hat gern im Hannibal gelebt, trotz allem. In der Ersatzwohnung teilt sie sich nun ein Zimmer mit ihrer Mutter

Landowskas Tochter Nikola, 15, hat gern im Hannibal gelebt, trotz allem. In der Ersatzwohnung teilt sie sich nun ein Zimmer mit ihrer Mutter

Zwei Tage zuvor, so berichten später die "Ruhr-Nachrichten", haben ein Feuerwehrmann, drei Mitarbeiter der städtischen Bauaufsicht, zwei Vertreter des Unternehmens Intown Property Management, das den Komplex verwaltet, ein Hausmeister und ein Handwerker den Hannibal auf Brandschutzmängel untersucht. Der Anlass: Am 14. Juni waren beim Brand des Grenfell Towers in London 80 Menschen ums Leben gekommen. In Haus 12 des Hannibal stoßen die Männer nun auf eine offene Wohnungstür. Hätte diese Tür an diesem Nachmittag nicht offen gestanden, würden wohl heute noch alle Mieter im Hannibal leben.

Doch die Männer treten in die Wohnung und finden hinter einer eingerissenen Platte einen Schacht. Der Schacht ist nach unten offen, nach oben auch. Ein gravierender Brandschutzmangel, der zu vielen weiteren Mängeln – kaputte Brandschutztüren, verbaute Flure, nicht verschlossene Sicherheitstreppenhäuser, fehlende Feuerlöscher – hinzukommt. In den anderen Hochhäusern entdecken die Männer ähnliche offene Schächte. Sie überlegen, wie sie mit diesen Mängeln umgehen sollen, finden keine Lösung.

"Wir müssen in zwei Stunden weg sein."

Am 20. September informieren sie andere Behörden, am 21. September beschließt die Stadt Dortmund, den

Hannibal räumen zu lassen: 753 Menschen müssen aus 412 Wohnungen raus.

Von alldem weiß Barbara Landowska nichts. Sie sieht nur die Feuerwehrleute, die sich verabschieden und auf den Weg machen zur nächsten Wohnung.

Landowska benachrichtigt ihre Tochter. "Wir müssen unsere Wohnung verlassen", sagt sie. "Wie?", fragt Nikola. "Warum?" – "Wegen Brandschutzmängeln. Wir müssen in zwei Stunden weg sein."

Nikola und Barbara Landowska packen ihre Koffer. Sie stellen fest, dass sie nur eine Katzentransportbox besitzen, aber zwei Katzen. Als Landowska einen Mitarbeiter an dem vor dem Hannibal eingerichteten Infopunkt nach einer Lösung fragt, schlägt dieser vor, eine der Katzen in eine Handtasche zu stecken. Landowska und ihre Tochter beschließen, die Katzen vorerst zurückzulassen.

Verwaltet wird der Hannibal vom Unternehmen Intown Property Management, das öfter Geschäfte mit heruntergekommenen Immobilien macht

Verwaltet wird der Hannibal vom Unternehmen Intown Property Management, das öfter Geschäfte mit heruntergekommenen Immobilien macht

Mit Koffern in der Hand verlassen sie ihre Wohnung, begegnen im Aufzug weiteren Bewohnern mit Koffern. Vor dem Hannibal ist Gewusel, viele steigen in Busse, die die Aufschrift "Evakuierungsbus" tragen. Für die erste Nacht hat die Stadt Notunterkünfte bereitgestellt, viele davon in Flüchtlingsheimen. Landowska und ihre Tochter entscheiden, die Nacht im Auto zu schlafen.

Landowska parkt ihren alten BMW in einer Seitenstraße. Sie legen sich in den Fond, wickeln sich in Decken ein. Bereits am Abend hat der Baudezernent der Stadt Brandschutzgründe für die Räumung angeführt und von "gravierenden Mängeln" am Bau gesprochen, die "nicht kurzfristig" zu beheben seien. Von all dem bekommt Landowska in ihrem Wagen nichts mit, obwohl sie die ganze Nacht das Autoradio laufen lässt. "Ich wusste nichts", sagt Landowska. "Gar nichts."

Im Kühlschrank stehen Butter, Marmelade, Aufstrich

Als sie und ihre Tochter am nächsten Morgen im Auto aufwachen, ist die Batterie leer, die Scheiben des Wagens sind beschlagen. Wie es mit dem Hannibal weitergeht, wissen sie noch immer nicht.

Um ihre Wohnung betreten zu dürfen, muss Barbara Landowska eine Sicherheitskontrolle passieren. In einem weißen Zelt sitzt der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, prüft ihren Personalausweis, trägt ihren Namen und ihre Wohnungsnummer in eine Liste ein. Dann weist er eine weitere Sicherheitsmitarbeiterin an, Landowska zu ihrer Wohnung zu begleiten. Da alle Schlösser im Hannibal ausgetauscht wurden, muss die Sicherheitsmitarbeiterin am Haupteingang einen Feuerwehrmann rufen, der die Tür öffnet. In der neunten Etage angekommen, wartet die Sicherheitsmitarbeiterin vor der Tür, während Landowska die zehn Minuten in ihrer Wohnung verbringt, die ihr täglich zustehen.

Ihre Wohnung sieht aus, als hätte Landowska sie für einen kurzen Urlaub verlassen. Die Betten sind bezogen, auf der Abzugshaube über dem Herd klebt der Stundenplan ihrer Tochter, auf dem Schreibtisch in Nikolas Zimmer liegt ein Buch: "Die neue Zeichenschule".

Barbara Landowska sammelt in ihrer kargen Ersatzwohnung alle Unterlagen über die Räumung

Barbara Landowska sammelt in ihrer kargen Ersatzwohnung alle Unterlagen über die Räumung

Im Kühlschrank steht Butter, dazu Marmelade, Saucen, Schokoladenaufstrich. Es wirkt, als würde in der Wohnung noch jemand leben. Wäre es nicht so kalt und wäre die Markise nicht bis zum Geländer heruntergezogen, um die Balkonmöbel vor Regen zu schützen.

Am ersten Abend noch hofft Landowska, dass es vielleicht nur zwei Tage sein werden, in denen sie nicht in ihrer Wohnung leben darf. Lange, so denkt sie sich, wird es schon nicht dauern. Schon bald aber muss sie einsehen, dass es Monate sein werden. Jeden Tag besucht Landowska in Begleitung eines Sicherheitsmitarbeiters den Hannibal, um die Katzen zu füttern und hin und wieder noch etwas einzupacken, das sie und ihre Tochter zum Leben brauchen.

Nach der ersten Nacht im Auto kommt sie mit ihrer Tochter bei einer Freundin unter, dann in einer Ersatzwohnung, die eine Stunde vom Hannibal entfernt liegt. Das Bad ist so dreckig, dass Barbara Landowska einen ihrer Besuche im Hannibal nutzt, um zu duschen. Das Wasser ist kalt.

"Zwei Jahre sind eine Ewigkeit. Da kann man schneller ein neues Haus bauen."

Einmal in diesen Tagen hat Nikola keine Klamotten für den Sportunterricht in der Schule dabei. "Warum hast du keine Sachen dabei?", fragt der Sportlehrer. "Weil die noch in meiner Wohnung liegen", antwortet Nikola. "Das Wichtigste holt man doch wohl raus", sagt der Sportlehrer.

"Der konnte sich nicht vorstellen, dass es für mich in diesen Tagen Wichtigeres gab als Sportsachen", sagt Nikola.

Anfang Oktober schreibt Landowska einen Brief an das Sozialamt. "Schon jetzt muss ich Ihnen mitteilen", schreibt sie, "dass es mir nicht möglich ist, mein Leben in den Griff zu bekommen."

Als ihre Adresse gibt sie die des Hannibal an. In Begleitung einer Freundin geht sie jeden Tag vier- oder fünfmal zum Amt, um zu erfahren, wie es mit ihr und ihrer Tochter weitergehen soll.

Bewohner holen ein paar Habseligkeiten aus dem Hochhaus

Bewohner holen ein paar Habseligkeiten aus dem Hochhaus

Am 16. Oktober schließlich ruft die Stadt Dortmund zu der nunmehr dritten Versammlung den Hannibal betreffend zusammen. "Wir haben gedacht, dass man uns sagt, dass wir in drei oder vier Monaten wieder einziehen können", sagt Landowska. Sie liegt falsch.

Bei der Versammlung teilt die Stadt den ehemaligen Bewohnern mit, dass es mindestens zwei Jahre dauern wird, bis die Brandschutzmängel beseitigt sind. "Das ist Wahnsinn", sagt Landowska. "Zwei Jahre sind eine Ewigkeit. Da kann man schneller ein neues Haus bauen."

Ein Vertreter von Intown nimmt an der Versammlung nicht teil.

Mittlerweile lebt Landowska in ihrer zweiten Ersatzwohnung, die von der Stadt bezahlt wird. Die Wohnung liegt in der Nordstadt Dortmunds, gleich gegenüber dem "Nordpol", einer Kneipe, vor der es in der Woche von Landowskas Einzug zu einem Großeinsatz der Polizei kam. Um den "Nordpol" herum hat sich die Drogenszene Dortmunds angesiedelt.

In Dortmund wurden 753 Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben

Ein Betttuch dient als Vorhang

Die Wohnung ist karg eingerichtet, zwei Betten, zwei Sofas, eine Essecke. Immerhin, die Katzen haben sie wieder zu sich geholt. Um die Küche wohnlicher zu gestalten, hat Landowska ein Betttuch zerschnitten und als Vorhang vor das Fenster gehängt.

Auf dem Tisch in der Essecke liegt eine blaue Mappe. Darin befinden sich alle Dokumente, die Landowska im Rahmen der Räumung gesammelt hat, dazu ein kariertes DIN-A5-Heft mit der Aufschrift Nikola 8b, Regelheft Mathe.

In diesem Heft führt Barbara Landowska Tagebuch. Sie begann am Abend des 21. Septembers, dem Abend, an dem sie ihre Wohnung verlassen musste. Von da hat sie die Ereignisse eines jeden Tages notiert. Wann ihre Tagebucheinträge enden werden, weiß sie nicht.

Da sie sich in ihrer Ersatzwohnung nicht heimisch fühlt, verbringt Landowska die Abende häufig bei einer Freundin. Die wohnt mit ihrer Familie in ihrem einstigen Viertel Dorstfeld, in einem Mehrfamilienhaus.

Wenn Landowska bei ihrer Freundin auf dem Balkon steht, sieht sie in 50 Meter Entfernung den Hannibal. Abends, wenn es dunkel ist, sagt sie, brennt dort jetzt nur noch ein Licht: der Bewegungsmelder über dem Haupteingang.

Der Artikel über die Hochhausräumung in Dortmund-Dorstfeld ist dem aktuellen stern entnommen:




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