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DSK zur Zimmermädchen-Affäre: "Ich wurde mit Füßen getreten"

Ja doch, er habe einen Fehler gemacht. Einen moralischen Fehler, sagt Dominique Strauss-Kahn in einem ersten TV-Interview. Mitleid hat er auch: Selbstmitleid.

Von Lisa Louis, Paris

Dominique Strauss-Kahn wirkt angespannt, ernst. Eine fast steinerne Miene hat das strahlende Lächeln ersetzt, mit dem er vor zwei Wochen bei seiner Rückkehr aus New York den zahlreichen Kameras entgegentrat. Eine Miene, die überzeugen will. Schließlich ist er an diesem Sonntagabend in die Nachrichtensendung des französischen Privatsenders TF1 gekommen, um sich zu entschuldigen. Und um den Grundstein für einen politischen Neuanfang zu legen. Dies ist - bis auf ein kurzes Statement vor drei Wochen in New York - das erste Interview des ehemaligen Chefs des Internationalen Währungsfonds seit seiner Festnahme in New York. Im schwarzen Anzug, weißen Hemd und dunkelblauer Krawatte stellt sich der ehemalige Chef des internationalen Währungsfonds den Fragen der Nachrichtensprecherin Claire Chazal.

"[Was in der Hotelsuite in New York passiert ist], war nicht nur ein unangebrachtes Verhältnis, es war ein Fehler - gegenüber meiner Frau, meinen Kindern, meinen Freunden und den Franzosen", sagt er mit Nachdruck. Mehrere Male wird er sich im Laufe des Interviews entschuldigen. Immer macht er dabei Pausen zwischen den einzelnen Nebensätzen, guckt nachdenklich auf den Tisch vor sich, scheint in Gedanken versunken.

"Die ganze Geschichte eine Lüge"

Von Demut geht er über zu kaum unterdrückter Wut. Wut auf die Medien. Und Wut auf das amerikanische Justizsystem. Als "Revolverblatt" bezeichnet er das eigentlich als seriös angesehene französische Wochenmagazin "L'Express". Das hatte geschrieben, dass ein New Yorker Krankenhaus in einem medizinischen Bericht die Verletzungen Nafissatou Diallos auf eine versuchte Vergewaltigung zurückführte. Dies würde übereinstimmen mit den Aussagen des 32-jährigen Zimmermädchens, das vor vier Monaten Klage gegen DSK, wie Dominique Strauss-Kahn in Frankreich genannt wird, eingereicht hatte. Doch die Anwälte des ehemaligen Finanzministers bestreiten die Schlussfolgerungen des Berichts bis heute. Das Strafverfahren gegen Strauss-Kahn wurde vergangenen Monat eingestellt. Diallo hat daraufhin eine Zivilklage eingereicht. Die nächste Anhörung in dem Fall ist für Montag, den 26. September, vorgesehen.

Dem amerikanischen Justizsystem wirft DSK Naivität und übertriebene Härte vor. "Nur" wegen der Aussagen Diallos sei er erst eingesperrt, dann unter Hausarrest gestellt worden. "Dabei war diese ganze Geschichte eine Lüge", ereifert er sich. Seine Stimme wird lauter, seine Gestik aggressiver, immer wieder winkt er mit dem Bericht des Staatsanwalts. An einer Stelle schlägt er mit ihm auf den Tisch. Den sollte man lesen, sagt er. Dann würde man auch begreifen, dass keine einzige der Anschuldigungen Diallos stichhaltig sei.

"Wurde mit Füßen getreten"

Strauss-Kahn wird wieder ruhiger. Seine Stimme wird leiser. Die Wut weicht der Nachdenklichkeit. "Ich hatte Angst, ich hatte große Angst", sagt er. "Ich wurde [vom amerikanischen Justizsystem] mit Füßen getreten und gedemütigt." Ohne seine Frau, Anne Sinclair, hätte er das Ganze nicht überstanden, fügt er hinzu - "eine außergewöhnliche Frau".

Für die beiden ist der Sturm jedoch auch in Frankreich noch nicht vorüber: DSK erwartet hier eine zweite Klage - die der Journalistin und Autorin Tristane Banon. Sie beschuldigt ihn der versuchten Vergewaltigung bei einem Interview im Februar 2003. Laut der Sonntagszeitung Journal Du Dimanche (JDD) entscheidet die Pariser Staatsanwaltschaft bis Ende des Monats, ob der Fall zu den Akten gelegt oder ein Verfahren eingeleitet wird. DSK hat indes eine Gegenklage wegen Verleumdung eingereicht. Dem Magazin "L'Express" zufolge hat er zwar inzwischen zugegeben, versucht zu haben, Banon zu küssen. Als sie das nicht wollte, habe er sie allerdings gehen lassen. Einen Gewaltakt habe das in keiner Weise dargestellt, versichert der 63-Jährige an diesem Abend.

Doch nicht nur über die Vergangenheit spricht Strauss-Kahn in dem TV-Interview - er kommentiert auch das aktuelle Geschehen und die Zukunft. So fragt ihn Chazal nach seiner Meinung zur aktuellen Wirtschaftskrise. Eine Frage, die ihm zwei Drittel der Franzosen laut einer Umfrage des Meinungsforschungs-Instituts Ifop für das JDD auch gerne stellen würden. Nur ein Drittel der Befragten interessieren sich hingegen für Strauss-Kahns Erklärungen zur Diallo-Affäre.

"Wir werden weitersehen"

Beim Thema Wirtschaft hellt sich Strauss-Kahns Miene auf, seine Stimme wird lauter, seine Gestik expressiver. Mit entschiedenen und schnellen Handlungen könnten die europäischen Regierungen die Krise überwinden, sagt der ehemalige angehende Präsidentschaftskandidat in ihm. Er spricht sich für eine Senkung der Staatsschulden aus, die jedoch nicht mit negativem Wachstum bezahlt werden sollte.

Ideen, die er in Zukunft in einem politischen Amt in die Tat umsetzen will? "Das sind Probleme, die mich interessieren", sagt DSK mit einem geheimnisvollen Lächeln. Genauso wie Immigration, fügt er hinzu. Und auch wenn er jetzt gerade "in keiner Form Kandidat" sei, schließt der ehemalige Favorit der Sozialisten für die französischen Präsidentschaftswahlen nicht klar aus, dass er irgendwann irgendwie wieder ins politische Leben zurück kommt. Schließlich sei sein ganzes Leben darauf ausgerichtet gewesen, der öffentlichen Sache zu dienen. So werde er jetzt erstmal Zeit mit seiner Familie verbringen. "Dann werden wir weitersehen", sagt er und lächelt.