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Durchgefallener Abi-Jahrgang in Schweinfurt Schulschließung nicht ausgeschlossen


An einer Privatschule in Schweinfurt ist ein ganzer Jahrgang durchs Abitur gefallen. Die Eltern gehen auf die Barrikaden. Das Kultusministerium hat die Überprüfung der Schule eingeleitet.
Von Alexander Sturm

Geht es nach der Ersten Privaten Fachoberschule Schweinfurt (EPFOS), war die Welt in ihren Klassenräumen in Ordnung. Es habe keinerlei Auffälligkeiten vor den Prüfungen gegeben, teilte die Schule nach dem Abitur-Debakel in einer Stellungnahme mit. Die Schüler hätten den Eindruck erweckt, dass "sie dem Anspruch des eigenverantwortlichen Lernens, wie im Lehrplan gefordert, nachkommen und diesen erfüllen können".

Doch die Realität in Schweinfurt sah anders aus: Vergangene Woche fiel an der nordbayerischen Schule ein kompletter Jahrgang mit 27 Schülern durch die schriftliche Fachabiturprüfung. Von 15 möglichen Punkten in den Kernfächern Mathematik, Technik und BWL hatten die Schüler nur 0,3 bis 0,8 Punkte erreicht. Offenbar waren die Schüler mit den Aufgaben des bayerischen Zentralabiturs völlig überfordert - oder von der Privatschule viel zu schlecht auf die Prüfung vorbereitet worden, wie viele Betroffene der Schulleitung nun vorwerfen.

Bayerisches Kultusministerium reagiert

Um die Frage zu beantworten, hat das bayerische Kultusministerium jetzt eine Überprüfung der Schule eingeleitet. Wie ein Ministeriumssprecher stern.de sagte, wird die Behörde nicht nur die schriftlichen Abiturarbeiten, sondern auch alle Leistungsnachweise aus dem vergangenen Schuljahr untersuchen: "Wir wollen wissen, was genau an der Schule unterrichtet wurde und ob das dem Lehrplan entsprach." Das werde einige Wochen dauern.

Alle betroffenen Schüler bekommen nun das Angebot, an eine staatliche Schule zu wechseln und dort das Fachabitur nachzuholen. Die Schüler könnten in der letzten Juli-Woche Einstufungsstests ablegen, um ihren Leistungsstand zu ermitteln. Danach werde entschieden, ob sie in die elfte oder zwölfte Jahrgangsstufe eingestuft würden. "Ein Jahr werden sie leider auf jeden Fall verlieren."

"Meine Zukunft ist ein einziges Chaos"

Für die Schüler ist das ein schwacher Trost - einige von ihnen hatten schon Ausbildungs- und Studienplätze in Aussicht. Viele werfen der Schule vor, mit der Prüfungsvorbereitung überfordert gewesen. "Wir saßen in der Prüfung und mussten feststellen, dass wir von etwa einem Viertel der Themen noch nie etwas gehört hatten", sagte Laura Eichhorn, eine der betroffenen Schülerinnen der Süddeutschen Zeitung". Nach dem Fachabitur wollte sie eigentlich für ein Jahr in einem Hotel in Spanien arbeiten. "Meine Zukunft ist ein einziges Chaos."

Die Vorbereitung auf das Abitur sei "unglaublich schlecht" gewesen. So habe man im Unterricht keine Abituraufgaben aus den Vorjahren besprochen. Eine Woche vor den Prüfungen hätten die Schüler nur einen Stapel Arbeitsblätter bekommen mit dem Hinweis, es handele sich um relevanten Stoff. Die Schulleitung habe "die einfachsten Dinge nicht auf die Reihe bekommen", kritisierte die Mutter einer Schülerin in der Lokalzeitung "Mainpost". Andere berichteten von Lehrern, die "nicht sattelfest" im Stoff seien.

Die Abiturprüfung allein zählte

Besonders bitter für die Schüler: Keine der Leistungen aus den Vorjahren zählen für den Abschluss. Denn da die EPFOS lediglich eine staatlich genehmigte, aber keine staatlich anerkannte Privatschule ist, darf sie keine eigenen Abschlussprüfungen durchführen. Diesen Status erlangen Schulen erst, wenn sie nachweisen können, dass zwei Drittel der Schüler aus zwei Jahrgängen erfolgreich ihren Abschluss gemacht haben. Daher schickte die EPFOS ihre Schüler als Externe an eine nahe staatliche Schule - wo einzig und allein die Abiturprüfung entscheidet. Eltern und Schülern behaupten nun, über diesen wichtigen Unterschied seien sie erst im Abiturjahrgang informiert worden.

Schulleiter Michael Schwarz will sich zu den Vorwürfen öffentlich nicht mehr äußern. In der "Mainpost" gab er zu, "in manchen Dingen vielleicht etwas blauäugig gewesen zu sein", als er vor zwei Jahren die EPFOS gründete. Zuvor hatte er eine private Wirtschafts- und Realschule betrieben - laut dem Kultusministerium ohne Zwischenfälle. An der EPFOS wäre der aktuelle Jahrgang der erste gewesen, der nun die Abiturprüfung ablegen wollte. "Ich fühle mich wie erschlagen", sagte Schwarz.

Kultusministerium: Keine Auffälligkeiten

Wie es mit der Schule weitergeht, ist vorerst unklar. Die Forderung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Schule zu schließen, weist das Kultusministerium im Gespräch mit stern.de als voreilig zurück. "Wir haben in Deutschland viele gute Erfahrungen mit Privatschulen gemacht", sagte der Sprecher. "Eine Schulschließung ist die Ultima Ratio". In den vergangenen Jahren habe es keine Auffälligkeiten bei der EPFOS gegeben. Auch von einer mangelnden Schulaufsicht will das Kultusministerium nichts wissen. Man habe die Schule stets mit Informations- und Beratungsangeboten begleitet und im vergangenen Juli und September die Schulleitung getroffen, um unter anderem die Abiturvorbereitung abzusprechen.

Der Anwältin Patricia Fuchs-Politzki, die rund 20 der betroffenen Schüler vertritt, reicht das nicht. Sie schließt laut "Welt" Schadenersatzforderungen nicht aus. Die Eltern hätten für die Ausbildung 1700 Euro pro Jahr bezahlt. "Es kann nicht an den Schülern liegen, wenn ein ganzer Jahrgang geschlossen die Prüfungen nicht besteht."

Mitarbeit: Swantje Dake

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