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Homosexualität: Die Geschichte einer Ehe, die endet, als der Familienvater sich in einen Mann verliebt

Sie kannten sich, seit sie Teenager waren. Sie führten eine Ehe, sie bekamen Kinder, sie kauften ein Haus und einen gutmütigen Labrador. Sie dachten, sie seien glücklich miteinander. Dann verliebte er sich in in einen Mann.

Von Stefanie Pichlmair

Geschichte einer Ehe, die endet, als er sich in einen Mann verliebt

Sie tuscht sich sorgfältig die Wimpern, und im Spiegel sieht sie diese Frau, die sich zurechtmacht, weil ihr schwuler Ehemann sie besucht. "Was mache ich hier eigentlich?", fragt sie sich. Sie will ihn nicht zurück. Sie will ihm zeigen, was er verpasst

Er war der Junge, der in Erdkunde vor ihr saß und der alles über die Entstehung von Steinen wusste und ansonsten wenig sagte. Eigentlich hätte sie das damals schon stutzig machen müssen, sagt sie. Sie hätte ahnen müssen, dass sie mit einem, der so wenig sagt, nicht glücklich werden würde. Aber sie wurde nicht stutzig. Seine Haare fielen ihm ins Gesicht und über die Augen mit den Mädchenwimpern, und dass er weder an ihr noch an sonst einer Mitschülerin interessiert war, fand sie cool. Sie war 17 und verliebt.

An einem Tag im Juli wartete sie vor der Turnhalle auf ihn. Er sperrte gerade sein Fahrrad auf. "Sauheiß heute, was?", fragte sie. Der hübsche Junge nickte. "Wollen wir uns ein Eis holen?", fragte sie. Der hübsche Junge nickte. "Sagst du auch mal was?", fragte sie. Der hübsche Junge sagte: "Eher selten." Sie weiß noch heute, dass sie grinste, als sie neben ihm und seinem Fahrrad herlief und ein Stein sie im Schuh drückte.

Sie dachten, sie würden sich genügen

Er hatte das Mädchen, das nun neben ihm herlief, bisher nie beachtet. Sie hatten wohl irgendein Fach zusammen, Geschichte vielleicht. Er war beeindruckt von ihren Sommersprossen und ihrem Mut. Noch nie hatte ihn ein Mädchen angesprochen, und er kannte keines, das er gern angesprochen hätte. Dabei redeten seine Freunde über nichts anderes: Mädchen und was sie mit ihnen anstellen würden. Er hatte nicht viel beizutragen zu diesen Runden, aber das wunderte weder seine Freunde noch ihn selbst, weil es ja nicht um Steine ging.

Er bestellte eine Kugel Vanilleeis, sie eine Kugel Waldmeister. Wenn sie redete, wirbelte sie ihre Hände durch die Luft, und sie redete viel. Ihm gefiel das. Er wusste, dass er wortkarg war, seine Mutter schimpfte deswegen manchmal, auch seine Lehrer, und einer seiner Kumpel sagte einmal, niemand könne sagen, ob er einen Sprachfehler habe oder nicht. Er spreche zu selten. Als er aber mit ihr und ihren wirbelnden Händen zusammen war, hatte er seine Ruhe. Sie redete genug für sie beide.

Sie wollte endlich wissen, wie es sich anfühlt. Sie war mittlerweile 19 Jahre alt und nahm seit zwei Monaten die Pille, ihrer Mutter hatte sie erzählt, sie würde sich mit einer Freundin treffen, stattdessen ging sie zu einer Frauenärztin. Sie war so stolz, als sie die erste Pille aus der Packung drückte, eine echte Frau, mit einem echten Freund und echtem Sex. Hoffte sie jedenfalls. Denn in den knapp zwei Jahren, in denen sie nun schon zusammen waren, hatte sich nichts verändert: Er war hübsch und geheimnisvoll, und sie musste bei allem die Initiative ergreifen. Das störte sie nur ein bisschen. Eigentlich war sie stolz, dass ihr Freund reifer zu sein schien als andere Jungs in seinem Alter und dass Sex für ihn nicht das Wichtigste war. Mit ihm würde es werden wie in einem Film, da war sie sich sicher: mit Kerzen und gutem Essen, er in einem schicken Hemd, und in ihrer Vorstellung hatten sie eine Souveränität, für die sie beide zu jung waren.

An dem Abend, den sie sich ausgesucht hatte, waren ihre Eltern im Kino. Sie vergaß, die Kerzen anzuzünden, und er trug ein ausgewaschenes T-Shirt, und das Ganze war recht schnell vorbei. Danach lagen sie noch im Bett und schauten das "A-Team". Er wirkte verunsichert. Sie waren beide unerfahren, und noch dazu war er ein steinelesendes Genie, deswegen fragte sie nicht weiter nach.

Sie waren schon so lange zusammen und ein gutes Paar, fanden sie beide. Es hätte alles so bleiben können. Sie ärgerten sich manchmal übereinander, sie störten seine Briefstapel auf dem Esstisch, und ihn nervte es, wenn sie ihm sagte, was er zu tun habe. Doch niemand ist perfekt, da waren sie sich einig. Also heirateten sie, bekamen zwei Kinder, zogen in ein Reihenhaus in Hamburgs Osten und kauften einen Labrador. Einmal im Jahr fuhren sie für zwei Wochen nach Dänemark, und der Sex wurde zwar nicht aufregend, aber gut. So wie auch ihre Beziehung war all die Jahre. Sie dachten, sie würden sich genügen.

Drahtige, borstige Männerlocken auf einem Männernacken

Doch dann luden ihn alte Schulfreunde zu einer Silvesterparty ein, mit Frau und Kindern und Hund, und er fuhr alle in den Süden. Die Hälfte der Strecke verlief ruhig, sie las neben ihm, die Kinder schliefen. Irgendwann musste sie auf die Toilette, er fuhr beim nächsten Rastplatz raus. Und dann schrie sie ihn an. Er hatte die Schüssel mit dem Tiramisu in den Kofferraum gestellt, und während der Fahrt war sie gekippt. Etwas Tiramisu war in den Kofferraum gerutscht. Er fand das nicht tragisch. Er entschuldigte sich und machte den Kofferraum sauber. Sie aber schrie ihn an, so lange, bis die Kinder auf dem Rücksitz weinten. Als sie endlich auf der Party waren, ließ sie ihn mit der Schüssel und den beiden Kindern stehen. Alle anderen sagten immer: Was für eine elegante und liebenswerte Frau! Dass sie so eine Furie sein konnte, glaubte ihm niemand.

Er solle die Schüssel auf das Büfett stellen – gerade, wenn er das denn schaffe –, hatte sie ihn noch im Auto angeschrien, und er hatte einfach genickt. Vor ihm am Büfett stand ein Hinterkopf mit Locken im Nacken. Es waren drahtige, borstige Männerlocken auf einem Männernacken, und er starrte hin. Viel zu lange. In seinen Fingern juckte es. Er stellte die Schüssel ab, und der Hinterkopf drehte sich um. "Hast du das gemacht?", fragte der Hinterkopf und deutete auf das Tiramisu. "Nee, meine Frau." – "Alles klar!", sagte der Hinterkopf und grinste und hieb mit einem Löffel in die Schüssel.

Sie hasste es, dass er so wenig mit ihr redete und dass es ihm nicht peinlich war, mit leeren Händen zu einer Party zu kommen. Sie würde sich schämen. Deshalb hatte sie nachts noch das Zeug zusammengerührt. Während er seelenruhig geschlafen hatte. Sie hatte sogar die Spülmaschine ausgeräumt, um ihn zu wecken. Und jetzt schmollte sie wie ein Schulmädchen, und er stand mit dem Kind auf dem Arm und ihrem Tiramisu in der Hand am Büfett wie so ein Traumehemann und unterhielt sich. Sie würde sich heute Abend betrinken, so viel stand fest. Jetzt konnte er mal Vater sein und übernehmen.

An ihrem Leben liebt sie:

Ihre Kinder.

Das Haus.

Den Blick aus ihrem Schlafzimmer in den Garten.

Ihre Joggingstrecke.

Dass sie ihre Joggingstrecke heute zehn Minuten schneller läuft als vor dem zweiten Kind.

Ihre Kinder.

Dass alles so ist, wie es ist.

An ihrem Leben hasst sie:

Dass es so ist, wie es ist.

Ihre Kinder.

Ihre schlaffe Haut am Bauch.

Dass er sie nicht mehr anschaut. Wobei, eigentlich hat er sie noch nie so richtig angeschaut, nur hat es sie früher nicht gestört. Aber da hatte sie ja auch noch keine schlaffe Haut am Bauch.

Dass er keine schlaffe Haut am Bauch hat.

Dass sie zu wenig Sex haben.

Sex, wenn sie ihn haben.

Sex mit ihm.

Die wenigsten Ehemänner wurden plötzlich schwul

Das zweite Kind wachte nachts häufig auf und fing an zu schreien. Nichts half. Kein Fläschchen, kein Wiegen, kein Vorsingen, Baden oder Spazierengehen, nur wenn sie, die Mutter, es auf den Arm nahm, war Ruhe. Es machte sie stolz, dass sie es war, die es beruhigen konnte. Nicht er. Es war Genugtuung für all die Dinge, um die sie sich allein kümmerte, weil er es nicht gebacken bekam. Sie war nächtelang wach, übermüdet und wütend auf ihn, weil er trotz des Geschreis tief und fest schlafen konnte. Von wegen Schlaf der Gerechten, Schlaf der Selbstgerechten, fand sie.

Er lag nächtelang wach im Bett und dachte an den Hinterkopf. Er hatte ihn auf der Silvesterparty noch einmal zufällig in der Küche getroffen, ein Bekannter des Gastgebers. Ein Lehrer, wie er selbst, Handballfan und Hobbykoch. Sie tranken ein Bier zusammen und redeten über irgendwas, ja, über was eigentlich? Er weiß das heute gar nicht mehr genau. Er weiß nur noch, dass er fliehen und gleichzeitig festwachsen wollte und dass ihm der Hinterkopf auf den Mund starrte. Er wischte sich sofort mit dem Handrücken übers Gesicht. Der Hinterkopf schaute noch einmal auf seinen Mund, und diesmal nahm er eine Serviette, wahrscheinlich ein paar hartnäckige Krümel oder Bierschaum.

Sie unterhielten sich, mehr nicht. Er konnte sich selbst nicht erklären, wieso er darüber nachdachte, ob er Bierschaum oder Krümel im Gesicht hatte. Was, wenn er weder Schaum noch Krümel im Gesicht gehabt hatte? Das kann nicht sein, dachte er. Er kannte den Mann gar nicht. Und er hatte zwei kleine Kinder und eine Frau, die ihn manchmal nervte, aber so lief das in jeder Ehe, und die wenigsten Ehemänner wurden plötzlich schwul.

Er hatte sich nie für einen besonders sexuellen Menschen gehalten. Er funktionierte, klar, und er genoss ihre Nähe, schließlich wussten sie, was der jeweils andere mochte. An andere Frauen hatte er nie gedacht und an Männer auch nicht, wieso auch, er wollte Kinder.

Überhaupt hatte ihm bisher nichts gefehlt. War ja alles gut. Aber war gut wirklich das, was er wollte? Er rief den Gastgeber der Silvesterfeier an. Er brauche die Telefonnummer vom Hinterkopf, sie hätten lose ausgemacht, zu einem Handballspiel zu gehen, erzählte er ihm. Hatten sie nie ausgemacht. So viel hatten sie gar nicht gesprochen, und Handball war nicht seins. Aber er musste den Hinterkopf wiedersehen. Irgendetwas tief in ihm drin, etwas, von dem er sein ganzes Leben lang nicht gewusst hatte, dass es da war, war aufgewacht. Drei Wochen später rief er ihn an.

Er sah ihn schon von Weitem auf sich zukommen. Und er fragte sich, warum er mitten im Februar nicht einen wärmeren Ort als diesen Park für ein Treffen vorgeschlagen hatte, einen Ort mit Heizung und freundlichen Kellnern. Was erhoffte er sich von dem Treffen? War er überhaupt schwul? Klar, er hatte daran gedacht, wie es wohl wäre mit dem Hinterkopf, aber wollte er das hier, in dem Park, wie zwei Teenager, er und dieser Mann, von dem er nicht viel wusste, außer dass ihm sein Nacken gefiel? Und überhaupt: Was, wenn der ihn einfach auslachte?

Aber der Hinterkopf lachte ihn nicht aus. Er sagte: "Schön, dich wiederzusehen", und setzte sich neben ihn. Und dann legte dieser Mann die Hand auf seine Hand und vergaß sie dort.

In letzter Zeit hatte er oft gute Laune, das fiel ihr auf. Wenn sie nach Hause kam, war er schon da, stand in der Küche und schnitt Gemüse, für Fajitas, sagte er, und sie wunderte sich, dass Ernährung für ihn mehr sein konnte als Schnitzel und Burger. Abends las er den Kindern vor und fragte sie, wie ihr Tag gewesen sei. Sie mochte ihren verwandelten Mann.

Sie ist wütend, weil er schwul ist

Weswegen er ein schlechtes Gewissen hat:

Er lügt seine Eltern an.

Er lügt seine Kinder an.

Er lügt seine Frau an.

Seine Frau.

Mit ihm ist es anders. Er ist ein Mann.

Er ersetzt sie nicht mit einer anderen. Er braucht etwas anders. Er ist etwas anderes.

Er denkt nicht an sie, wenn er bei ihm ist.

Er denkt an ihn, wenn er bei ihr ist.

Er liebt ihn.

"Ich muss mit dir reden", sagte er.

"Das ist ja was ganz Neues!", sagte sie.

"Bitte, es ist so schon schwer genug", sagte er.

"Was ist passiert?", fragte sie.

"Weißt du noch, die Silvesterparty? Ich habe dort einen Mann kennengelernt", sagte er.

"Ist er nett?", fragte sie.

"Hast du verstanden, was ich gesagt habe? Ich habe jemanden kennengelernt", sagte er. "Er ist ein Mann."

"Oh", sagte sie.

Was machst du, wenn du Mitte 40 bist und dein Mann dich und deine zwei kleinen Kinder für einen Mann verlassen will?

Sie ist wütend, weil er schwul ist. Weil er sie nicht einfach betrogen hat, so wie das andere Männer machen. Weil er nichts dafür kann. Weil es ihm nicht früher eingefallen ist. Weil es ihr nicht aufgefallen ist. Weil es ihr nicht hatte auffallen können, weil es da nichts gab. Wütend, weil er sich ein neues Leben aufbauen wird, etwas, das ihr nicht vergönnt ist, etwas, das sie sich selbst nicht zugesteht. Wegen der Kinder. Denn die wird er nicht bekommen. Er hat ihr altes Leben genommen, die Kinder werden ihr bleiben. Auch wenn es schwer wird. Aber das schafft sie schon, Hauptsache, er bekommt zu seinem neuen Leben nicht auch noch ihre Kinder.

Das ältere Kind hat angefangen zu malen. Sie findet überall im Haus Bilder, mit Buntstiften gemalt, eines lag direkt auf dem Küchentisch. Darauf stand in krakeliger Kinderschrift: "Für Mama". Zu sehen: ein Haus und zwei Menschen, die sich an den Händen halten. Über den Figuren stand: "Papa" und "Mann".

Sie hat lange über diesem Bild gesessen und überlegt, ob sie weinen soll. Von ihr haben die Kinder nichts erfahren, sie hat ihnen, der Familie und den Freunden nur erzählt, dass er sie verlassen hat. Dass sie auch nicht wisse, was los sei. Sie hatte Angst vor den Fragen. Am Ende würde noch jemand denken, sie sei schlecht im Bett.

Er muss den Kindern seinen Freund vorgestellt haben, an einem der Tage, an denen sie bei ihm waren. Sie kann ihren Kindern ja schlecht den Vater verbieten. Sie öffnet eine Flasche Wein, schenkt sich ein großes Glas ein und stürzt es mit geschlossenen Augen hinunter.

Was machst du, wenn du Mitte 40 bist und du deine Frau und deine Kinder verlassen musst, weil sich dein Leben mit ihnen wie eine Lüge anfühlt? Und das Leben ohne sie zwar ehrlicher ist, aber dort drei Menschen fehlen, die du brauchst, nur nicht so, wie es erwartet wird?

"Jetzt haben wir beide einen Freund."

Er hat sich befreit, indem er ihr gesagt hat, dass er schwul ist, und hat damit etwas zwischen ihnen umgebracht. Er wollte sich nicht schuldig fühlen, hat es trotzdem getan und sie dafür gehasst und sich selbst noch mehr. Er ist gegangen. Er ist zu ihm gezogen. Die Kinder nimmt er seitdem für zwei Abende in der Woche und jeden zweiten Samstag, das hat er nicht gefordert, sie hat es ihm angeboten. Wohl nicht aus Mitleid oder Größe, vermutet er, sondern um sich selbst zu entlasten. Ihre Bedingung: Er darf die Kinder nicht mit zu sich und seinem Freund nach Hause nehmen. Er soll die Kinder aus seiner Schwulennummer raushalten. Er wollte seinen Kindern nicht erklären, was es bedeutet, homosexuell zu sein. Er wollte, dass seine Kinder seinen Freund mögen. Also trafen sie sich im Zoo, und er sagte nichts. Es war ein warmer Tag im Mai, die Kinder fütterten Giraffen, und auf dem Heimweg nahm das ältere Kind seine Hand. "Papa, der Luis aus meiner Klasse hat mich zu seinem Geburtstag eingeladen. Jetzt haben wir beide einen Freund."

Am 30. Juni 2017 saß er mit ihm in dem Park, in dem sie sich das erste Mal getroffen hatten. Es war nicht so kalt wie damals, es war der Tag, am dem im Bundestag 226 Abgeordnete gegen eine gleichgeschlechtliche Ehe stimmten und 393 Abgeordnete dafür. Noch auf dem Weg nach Hause kauften sie Champagner und Verlobungsringe.

Er hat sie angerufen und um ein Treffen gebeten. Wenn es sein muss, hat sie gesagt und cool getan und sich überlegt, was sie anziehen wird. Zu essen wird sie nichts machen, er soll sehen, wie lässig sie sein kann. Nichts essen, nur Alkohol. Jetzt steht sie im Bad und zieht das Kleid über den Kopf, das schwarze, weil sie weiß, dass ihr das gut steht. Sie schminkt sich, nicht zu heftig, etwas Puder, Rouge und Mascara sollten genügen. Sie tuscht sich sorgfältig die Wimpern, und im Spiegel sieht sie diese Frau, die sich zurechtmacht, weil ihr schwuler Ehemann sie besucht. "Was mache ich hier eigentlich?", fragt sie sich. Sie will ihn nicht zurück. Sie will ihm zeigen, was er verpasst. Dann fällt ihr ein, dass er sie verlassen hat, um nichts mehr zu verpassen. Egal. Sie malt ihre Lippen knallrot an. Manchmal geht es gar nicht darum, jemandem zu zeigen, dass er etwas verpasst. Sondern darum, sich selbst zu beweisen, dass man gut genug ist, um geliebt zu werden.

"Nicht sofort, aber sicher irgendwann"

Sie öffnet ihm, groß und elegant und mit rotem Lippenstift, den sie nur aufträgt, wenn sie sich klein fühlt. Er will sie in den Arm nehmen, aber ihr Gesicht wirkt härter als nötig, und er hat keine Lust mehr. Sie setzen sich auf die Terrasse, seine Hände zittern, er würde gern irgendetwas essen, aber sie serviert ihm Whisky Sour. Er hört die Kinder im Haus spielen und fühlt sich in diesem Moment wie ein Eindringling. Er gehört hier nicht mehr her.

"Ich werde ihn heiraten", sagt er.

"Ich weiß", sagt sie, "schick mir die Scheidungspapiere zu."

"Nicht sofort, aber sicher irgendwann", sagt er.

"Ich wünsche euch wirklich, dass ihr glücklich werdet", sagt sie.

Sie ist überrascht, dass es sich nicht wie eine Lüge anfühlt. Auch wenn es vielleicht nicht die ganze Wahrheit ist.

Der Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:




CDU-Politiker : So gelassen reagiert Jens Spahn auf Schwulen-Hass


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