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Ein Erfahrungsbericht: "Wir Väter sind erbärmliche Säcke"

Das Lebens eines Vaters ist eine endlose Abfolge von Verhandlungen. stern-Reporter Markus Götting über den hoffnungslosen Versuch, sich gegen seine Tochter Frida durchzusetzen.

Von Markus Götting

Eier. Sie konnte gerade laufen, und eines ihrer ersten Worte war: Eier. Ich war etwas erstaunt, freilich nur so lange, bis wir an der Supermarktkasse standen und Frida auf die Überraschungseier zeigte. "Papa! Eiiiaaaa!" Ich verstand.

Allerdings hätte mich der Plural stutzig machen sollen. Sie konnte nie genug von diesen Dingern kriegen, oder, präziser formuliert: nie genug von ihnen kaufen. Die Schokolade mochte sie nicht, das Spielzeug fand sie blöde. Und meistens hatte sie ihren Einkauf eh vergessen, bis wir zu Hause waren. Nachdem ich ein gefühltes Monatsgehalt für Eiiiaaaa ausgegeben hatte, machte ich mit der Verkäuferin einen Deal. Frida durfte die Eiiiaaaa aufs Band an der Kasse legen, und dort ließ die nette Supermarktfrau sie angeblich in der Einkaufstüte verschwinden.

Das Leben eines Vaters ist eine endlose Abfolge von Verhandlungen, das Paradoxe ist nur: Ich bin doch der Typ, von dem die kleine Prinzessin etwas will - und trotzdem in der schlechteren Position. Vor allem seit sie die magische Kraft der dicken Tränen entdeckt hat. Und wenn die nicht reichen, dann eben hyperventilierendes Schluchzen.

Permanente Erpressung

Die Basis unserer Verhandlungen ist die permanente Erpressung. Ruhe und Frieden gibt's nur gegen grenzenlose Zugeständnisse. Ich will Liebe, sie will fernsehen; ich lasse den Pädagogen raushängen und verbiete es; zehn Minuten später sitzen wir auf dem Sofa und schauen "Wickie" - Frida legt den Kopf auf meine Schulter und zärtlich den Arm um mich herum. Väter sind erbärmliche, korrupte Säcke. Sie wissen: Irgendwann werden ihre Töchter die letzten Frauen sein, die sie noch cool finden. Sie wissen: Sie haben keine Chance. Schon gar nicht mit Zwang und Strenge.

Meine Tochter ist ein bezauberndes Wesen mit einer monströsen Zahnlücke, blitzenden Augen und langen Wimpern, deren Wirkung sie inzwischen auch schon erkannt hat. Bringe ich sie ins Bett, sagt sie: "Ein Buch vorlesen, dann Benjamin Blümchen hören, dann schlafen." Sind wir mit einem Buch fertig, will sie das nächste, so geht das immer weiter; und wenn ich nach einer Stunde das Licht ausschalten will, brüllt sie nach Mama. Sie ist ein durchtriebenes, kleines Miststück. Sie ist wundervoll.

Frida ist jetzt zweieinhalb, sie hat in ihrem Leben noch keine zehnmal durchgeschlafen, und in den guten Nächten will sie erst so gegen vier Uhr zu uns ins Bett. Klar, wir haben all diese beknackten Bücher gelesen. Bücher sind ja die letzte Zuflucht des ratlosen Akademikers. Und nein, sie haben nicht funktioniert. Unsere Kinderärztin sagt, wir sollten uns lieber freuen über so ein aufgewecktes Kind. Aufgeweckt, dachte ich, na bravo! Seither trösten wir uns mit der Projektion durch die Nächte, dass da eine potenzielle Nobelpreisträgerin in ihrem Tegernseer Bauernbettchen liegt. Jedenfalls bis kurz vor vier.

Als Frida allmählich immer besser sprechen konnte, begann sie, ihre Stofftiere und Puppen zu erziehen. Sie sagte: "Der Affi hat Kacka gemacht." Dann schimpfte sie mit ihm: "Mann Affi, kannst du nicht machen. Puh, das stinkt!" Inzwischen will sie an manchen Tagen unsere Mutter sein. Sie ist dann sehr streng mit uns, Gequengel und Gejammer werden nicht akzeptiert. Das sind die Momente, in denen ich wünschte, sie könnte sich selbst erziehen.

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