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Ein Jahr nach dem Massaker von Newtown: Im Land der Waffenbesitzer

Vor knapp einem Jahr erschoss Adam Lanza 26 Menschen in der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown. Monatelang diskutierte ein aufgewühltes Land die Verschärfung der Waffengesetze. Dann geschah: nichts.

von Frauke Hunfeld

Die Schule wird jetzt abgerissen. Hinter schwarzen Zäunen, damit niemand etwas sieht. Niemand außer den Bauarbeitern wird auf das Gelände gelassen. Die Steine aus denen die Sandy-Hook Grundschule in Newtown, Conneticut, einst gemauert war, werden zu Sand zermahlen. Nicht, um die Erinnerung zu tilgen an die 20 Sechs- und Siebenjährigen und ihre sechs Lehrer, die vor knapp einem Jahr von dem 20-jährigen Amok-Schützen Adam Lanza hingerichtet wurden. Sondern um einen makabren Devotionalien-Handel zu unterbinden, wie er beispielsweise nach 9/11 stattfand.

Auf dem Boden der alten Schule soll eine neue Sandy-Hook-Grundschule entstehen. Denn das Leben geht weiter. Zumindest für die, die nicht betroffen sind von der ausufernden Waffengewalt, die jeden einzelnen Tag im Schnitt 80 Menschen in den Vereinigten Staaten das Leben kostet.

Ein kurzer Moment der Hoffnung

Es gab diesen kurzen Moment, an dem man dachte, dass sich jetzt etwas ändern würde. Dass die Waffengesetze verschärft würden, dass Sturmgewehre ganz verboten würden, dass Kindern prinzipiell der Zugang zu Waffen untersagt würde, dass man Waffenkäufer stärker überprüfen würde. Ob Amerika dadurch sicherer würde, darüber gingen die Meinungen weit auseinander.

Vorbestrafte und psychisch Kranke sollten keine Waffen mehr kaufen dürfen. Aber wer will, kommt immer an Waffen, es gibt Millionen, die nicht registriert sind. Und psychisch Kranke haben Eltern, Geschwister und Freunde mit Waffen. Sturmgewehre verbieten, war ein anderer Vorschlag. Aber was genau sind Sturmgewehre? Fragt man vier verschiedene Experten, kriegt man fünf verschiedene Meinungen. Und: Die meisten Toten gibt es durch Pistolen. Nur schaffen die es nicht in die Schlagzeilen.

Und dann gab es noch die anderen Vorschläge: dass man die Welt nehmen müsse, wie sie ist, und statt Schulen zu waffenfreien Zonen zu erklären, an die sich keiner hält, lieber Lehrer bewaffnen, damit sie im Ernstfall die Kinder schützen können. Wie viele Leben hätten gerettet werden können, fragten viele, wenn die Direktorin von Sandy Hook eine Waffe gehabt hätte? Warum bewachen wir unser Geld mit Bewaffneten, unsere Kinder aber lassen wir schutzlos, fragten andere.

Die netten Leute von nebenan

Nie wurden in den USA so viele Waffen verkauft wie in den Monaten nach dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule. Die Leute kauften in Erwartung strengerer Regeln die Waffenläden leer. Sie horteten Munition, der Schwarzmarkt blühte. Eine gebrauchte AR 15 kostete zeitweilig mehr als eine neue. Denn neue gab es praktisch nicht mehr, sie waren ausverkauft.

Rund 150 Millionen Menschen in Amerika besitzen Schusswaffen. Es sind Lehrer und Krankenschwestern, Hausfrauen, Opfer von Gewalt, Kinder von Ermordeten, es sind Jäger, Farmer, Sportschützen. Es sind die netten Leute von nebenan. Manche lieben ihre Waffen, andere hassen sie. Abgeben werden sie sie nicht.

Da draußen ist viel Gefahr, viele verrückte Leute

Im Jahr nach Sandy Hook hat der stern auf einer Reise die schweigende Mehrheit besucht. Leute wie Loigrand de Angelis in Miami, wie die Moffat-Kinder in Arizona, Leute wie die Krankenschwester Kim Hysell oder den Rechtsanwalt Marc Victor.

Loigrand lebt mit Frau und Kind in einer friedlichen Gegend in der Mitte Miamis. Die Tage sind hell, die Temperaturen sind angenehm, die Sonne scheint fast immer. Nicht viel Grund für finstere Gedanken, sollte man meinen.

Er liebt sein wunderbares Land, er liebt sein großes, schweres Auto, er liebt sein kleines zerbrechliches Kind. Er will niemanden töten. Aber da draußen ist viel Gefahr, viele verrückte Leute, weißt Du?

Er ist einer, der sich an die Regeln hält. Er ist smart, charmant und redegewandt. Einmal hat er schon einen Dieb gestellt, im Parkhaus, der Mann schlich rum, er war ihm komisch vorgekommen, er hat seine Frau ins Haus geschickt, dann hat er die Waffe gezogen, wie im Film. Loigrand nimmt die Dinge gern selbst in die Hand.

Keine Aliens, keine Monster

Die Moffats haben ein freundliches Haus mit einer offenen Küche, einem riesigen Wohnzimmer mit Veranda, Bullerbü könnte nicht schöner sein. Im Kamin brennt ein Feuer, die Kinder purzeln mit dem kleinen Hund über das Sofa und über Papas Schoß. Die Moffats haben Ziegen, Hühner und Pferde, sie bauen Gemüse an. Brian, der Vater, verdient Geld mit Sicherheits- und Überlebenstraining für Erwachsene und für Kinder dazu. Keines der Kinder geht zur Schule, die vier Ältesten unterrichten die Moffats zu Hause. Die Kinder lernen Geschichte und Mathe, wie man an Wasser kommt, wie man Schlafplätze in den Bäumen herrichtet und wie man Gangster entwaffnet, wenn man ein kleines Mädchen ist und erst elf. Sie lieben dieses Leben, sie sind stolz auf das, was sie können, und auf ihre Freiheit.

Es sind keine Aliens, keine Monster, die diese Gewehre besitzen, hundert Schuss in weniger als einer Minute. Die meisten von ihnen wollen nicht töten und niemanden bedrohen. Es sind die netten Nachbarn von nebenan, Brian Moffat mit den weichen Backen, die Hausfrau, und auch Elizabeth Lamont mit dem Engelsgesicht, die nicht weiß, ob sie im Ernstfall wirklich den Abzug drücken würde.

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