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Sexarbeit zu Pandemiezeiten "Je mehr wir kriminalisiert werden, desto schutzloser sind wir": Eine Prostituierte über ihren Corona-Alltag

Josefa Nereus, Sexarbeiterin auf Hamburg, fasst sich an die Lippen
Josefa Nereus, Sexarbeiterin auf Hamburg
© Lukas Schulze / Picture Alliance
Josefa Nereus arbeitet seit acht Jahren als Prostituierte in Hamburg. Die Pandemie hat das älteste Gewerbe der Welt hart getroffen und noch immer herrscht in vielen Bundesländern ein weitgehendes Arbeitsverbot. Ein Interview über die Folgen.

Wie hat sich Ihre Arbeit durch Corona verändert, Frau Nereus?

Ich habe durch Corona meinen Job verloren! Prostitution wurde bereits im März letzten Jahres in jeder beziehungsweise fast jeder Ausführungsform verboten. Ganz besonders hier in Hamburg. Ich war von einem auf den anderen Tag arbeitslos und musste mir überlegen, wie ich durch diese Krise komme. Irgendwo muss das Geld schließlich herkommen.

Haben Sie staatliche Unterstützung bekommen oder wie sind Sie über die Runden gekommen?

Ich konnte staatliche Hilfen in Anspruch nehmen, zunächst Soforthilfe und das erste halbe Jahr Grundsicherung. Diese Zeit habe ich genutzt, um mich anders zu orientieren. Ich habe auf meiner Homepage einen Shop eröffnet und verdiene meinen Lebensunterhalt inzwischen mit Pornografie. Zunächst habe ich Videos gedreht, auf denen ich angezogen Dirty Talk mache, dann habe ich mich Stück für Stück gesteigert und geschaut, was mir liegt. Außerdem betreibe ich einen Youtube-Kanal und poste auf OnlyFans.

Also war es ein großer Vorteil, dass Ihr Job angemeldet war, damit Sie staatliche Hilfen in Anspruch nehmen konnten?

Nein, in meinem Fall war es tatsächlich so, dass ich nur Soforthilfe beantragen konnte, für das, was ich mit meinem Youtube-Kanal als eine Art Sex-Influencerin erwirtschafte und ausgebe. Als Sexarbeiterin hätte ich 100 Euro monatlich bekommen. Ein schlechter Witz. Ich habe großes Glück gehabt, dass ich als Medienschaffende über meinen Kanal Unterstützung bekommen habe. Ohne diese Möglichkeit würde es mir finanziell ähnlich schlecht gehen wie anderen Sexarbeiter:innen.

Sexarbeit ist in Hamburg noch immer verboten, das ändert sich hoffentlich zeitnah, sodass Prostitution zumindest eingeschränkt möglich ist. Die Leute leiden unter diesen ganzen Rahmenbedingungen. Auf beiden Seiten. Viele Menschen vereinsamen immer mehr. Einigen ist aber bewusst, dass es für Sexarbeiter:innen deutlich weniger Hilfsangebote und Möglichkeiten gibt als vor Corona, das wird versucht zu missbrauchen.

Durch das Prostitutionsverbot wurden Sexarbeiter:innen in die Kriminalität gedrängt. Treffen Berichte zu, dass Übergriffe zugenommen haben und haben Sie selbst derartiges erlebt?

Das ist tatsächlich so. Je prekärer unsere Arbeitssituation ist, je mehr wir kriminalisiert werden, desto schutzloser sind wir. Wer momentan als Prostituierte arbeitet, der hat keine Möglichkeit, mit der Polizei zu sprechen, zu Behörden zu gehen oder sich Hilfe zu suchen. Es gibt Menschen, die das schamlos ausnutzen. Ich habe das in anderer Form erlebt. Personen, denen ich vor Jahren mitgeteilt habe, nicht mehr mit ihnen zu arbeiten, fragen, ob ich es mir nicht noch einmal überlegen möchte oder ob ich Geld brauche.

Haben Sie selbst Extrembeispiele erlebt oder Bestandskunden, die sich seit Pandemiebeginn auf einmal anders benommen haben?

Ja, vor allem, dass eine Dringlichkeit durchkam, dass die Beherrschung oftmals eher fehlte, auch im körperlichen Kontakt. Wirklich Gewalt erlebt habe ich zum Glück nicht. Ich hatte aber auch eine sehr gute Ausgangssituation und konnte schnell umschwenken auf andere Einnahmequellen. Menschen, die diesen Vorteil nicht haben oder die überhaupt keine staatlichen Gelder erhalten und wirklich auf den Job Prostitution angewiesen sind, haben nicht den Luxus, übergriffige Kunden ablehnen zu können.

In einigen Bundesländern haben Bordelle mittlerweile wieder geöffnet, in Hamburg nicht. Wo arbeiten Sie normalerweise beziehungsweise wie lernen Sie Ihre Kunden kennen?

Ich empfange meine Kunden in einem Appartement. Der Erstkontakt findet in den meisten Fällen über die Homepage oder meinen Youtube-Kanal statt. Das ist auch schon vor Corona so gewesen. Viele fühlen sich davon gar nicht angesprochen, aber mit denen, die sich angesprochen fühlen, tausche ich mich aus. Mit jeder E-Mail und jedem weiteren Kontakt entwickelt sich ganz viel und das Selektionsverfahren verfeinert sich, bis es schließlich möglicherweise zu einem Treffen kommt.

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Es wird also nicht der Weg über ein Bordell gewählt, sondern schon vorher Kontakt aufgenommen, um zu schauen, ob man Lust aufeinander hat.

Im Prinzip funktioniert das in einem Bordell ähnlich, nur, dass man da bereits vor Ort ist. Viele Menschen, die in einem Bordell arbeiten, machen auch Werbung außerhalb dessen, um Kund:innenschaft anzuwerben. So wie ich es mache, ist es nicht unüblich, aber es ist ein anderes Arbeitsmodell als in einem Bordell oder auf der Straße. Möglicherweise ein Weg, der in der Zukunft häufiger genutzt wird.

Wie stehen Sie zu dem verlangten Sexkaufverbot von Politikern wie Ex-Gesundheitsminister Hermann Gröhe, Karl Lauterbach oder der SPD-Gewerkschafterin Leni Breymaier? Kennen Sie Personen, die den Job unfreiwillig machen?

Sehr viele Frauen, die ich kenne, machen diesen Job einzig und allein um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In manchen Kreisen wird schon angezweifelt, ob das noch Freiwilligkeit ist. Dann müsste man aber ganz pauschal sagen, dass es weltweit nur eine Handvoll Menschen gibt, die freiwillig arbeiten. Für die meisten ist es ein normaler Job wie jeder andere. Es gibt aber auch Situationen, die sind prekär, weil es keine andere Option gibt, als dieser Arbeit nachzugehen. Da ändert sich aber nichts dran, wenn man Prostitution verbietet.

Was schlagen Sie vor?

Wir müssen uns mit dem Armutsgefälle in Deutschland oder weltweit auseinandersetzen, angucken, wie sich die Lebenssituationen oftmals für alleinerziehende Frauen gestalten und wie es mit anderen ins Abseits geschobenen Gruppen aussieht. Es gilt zu klären, wie man Lebens- oder Arbeitsbedingungen verbessern kann und muss. Dass ein Verbot die Situation nur verschärft, hat das letzte Jahr ganz deutlich gezeigt. Niemandem ist mit einem Verbot geholfen, außer denen, die sich wünschen, dass die sichtbare Prostitution, also der Straßenstrich, verschwindet. Das Einzige, was die Kriminalisierung gebracht hat, ist, dass die Menschen unter noch prekäreren Bedingungen arbeiten, noch mehr Leid erfahren und noch mehr Gewalt ausgesetzt sind. Prostitution würde durch ein Verbot nicht weniger werden, nur weniger sichtbar.

Eine junge Frau liegt in weißem Trägertop auf dem Rücken im Bett. Ihre nackten Beine hat sie angewinkelt

Was bedeutet Sexarbeit genau für Sie? Sehen Sie sich selbst als Feministin?

Sexarbeit ist eine Möglichkeit, meinen Neigungen, Leidenschaften zu folgen und diese auch zu befriedigen. Mit einem 40-Stunden-Job im Büro bleibt nicht mehr viel Zeit für Sex, meist nur noch am Wochenende. Das Thema aber als Arbeitsform zu praktizieren, macht es möglich, dem viel mehr Zeit und Energie zu widmen. Teile der feministischen Bewegung sind pro Sexarbeit und Teile dagegen, ich persönlich finde, es gibt nichts feministischeres als Frauen, die unabhängig Geld verdienen und gleichzeitig das mit ihrem Körper tun, was sie tun wollen.

Seit wann sind Sie als Prostituierte tätig und wie kam es dazu?

Ich gehe dieser Arbeit seit acht Jahren nach. Der Grund war, mehr Sexualität zu praktizieren, als ich das neben meinem vorherigen Job und Privatleben konnte.

Das hört man nicht sehr häufig.

Die Motivationen sind sehr unterschiedlich. Für viele ist das unvorstellbar, aber es gibt Menschen, vor allem Frauen, die lutschen lieber Schwänze, als für einen Hungerlohn im Krankenhaus oder Altenheim Leuten den Hintern abzuwischen. Wenn das, was wir im letzten Jahr in der Pflege gesehen haben, kein prekäres Arbeitsumfeld ist, dann weiß ich nicht, was prekäre Arbeit sein soll.

Wortgewaltiges Zitat.

Aber so ist es, wir haben in den vergangen Monaten Probleme in vielen Arbeitsbereichen gesehen. Spargelernte, Fleischverarbeitung, Pflege, es gibt viele Berufe, in denen prekäres Arbeiten zum Standard gehört, aber kein Politiker hat gefordert, dass Spargel oder Fleisch essen verboten werden soll. Hygienestandards werden in unserem Beruf vermutlich besser eingehalten als in vielen anderen Branchen. Man sollte sich vor Augen führen, dass es auch andere Jobs in heiklem Arbeitsumfeld gibt und dass Kriminalisierung kein Teil der Lösung ist. Die Lösung der Probleme hat fast immer etwas mit sozialen Themen zu tun, Armut oder Migrationsarbeit, da muss man ansetzen.


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