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Eine Weihnachtsgeschichte von stern.de: Anruf vom Weihnachtsmann

Wie bringt man Kindern den Glauben an den Weihnachtsmann zurück? Und viel wichtiger: Wie sagt man dem Chef, dass er sich wie der Weihnachtsmann anhört? Alles eine Sache der Argumente.

Von Björn Holm

Es war der Sonntagmorgen vor vier Wochen, und ich freute mich so sehr auf den ersten Biss in mein Brötchen und den darauf folgenden Schluck Kaffee, dass ich meinem 8-jährigen Sohn gar nicht richtig zuhörte. Hätte ich vorher gewusst, dass es an diesem Tag um den Glauben oder Nichtglauben an den Weihnachtsmann ging, ich hätte sicher besser hingehört, denn ich hörte nur, dass Henri etwas über Kevin und den Weihnachtsmann erzählte. Dabei gestikulierte er wild herum und machte zum Schluss eine auffordernde Geste, das eben Gesprochene zu kommentieren. Während ich die Kaffeetasse ansetzte um zu trinken, nickte ich ihm zustimmend zu und murmelte:"Ja, da wird der Junge schon Recht haben!" Augenblicklich fing mein Sohn an zu weinen und rannte in sein Zimmer. Erst jetzt wurde mir klar, worum es in dem Gespräch ging, denn Kevin hatte Henri in der Schule erzählt, dass es gar keinen Weihnachtsmann gebe.

"Na, das hast du ja toll hinbekommen! Und wir wollten heute zusammen den Wunschzettel fertig schreiben und draußen auf die Fensterbank legen, und du bestärkst ihn darin, dass es keinen Weihnachtsmann gibt", warf mir meine Frau vor und schüttelte verständnislos den Kopf. Selbst mein 3-jähriger Sohn Leo, der zum Glück noch nicht so richtig weiß, wer der Weihnachtsmann ist, rutschte vom Stuhl und schüttelte ebenso den Kopf und ging seinem Bruder hinterher. Mir wurde ganz flau im Magen, als ich das Ausmaß des Dilemmas begriff.

Meine Frau und ich versuchten die nächsten Tage, unseren Sohn davon zu überzeugen, dass es doch einen Weihnachtsmann gibt. Er hatte zwar noch einen kleinen letzten Funken Restglauben, doch dieser reichte nicht aus. Henri wollte seinen Wunschzettel einfach nicht fertig schreiben.

Letzter Funken Hoffnung

Immer wieder dachte ich, es dürfe doch nicht damit enden, dass ein Marmeladenbrötchen und die kleine Kröte Kevin dafür verantwortlich waren, dass Henri nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt. Immer wieder grübelte ich darüber nach, was ich noch tun könnte. Ich wollte mich nicht damit abfinden, den letzten kleinen Funken Hoffnung an den Weihnachtsmann verschwinden zu lassen. Ich dachte mir, es müsse etwas Handfestes her, etwas Griffiges, etwas Realeres als die heiligabendliche Weihnachtsglocke oder ein verkleideter Weihnachtsmann. Schließlich kam mir eine Idee. Ich würde damit alles auf eine Karte setzen - hopp oder topp. Die Idee gefiel mir immer besser und lag nun klar vor mir. Bei uns ruft der Weihnachtsmann persönlich an!

In der darauf folgenden Woche begab ich mich auf die Suche nach dem passenden Komplizen. Es musste jemand sein, den Henri nicht kannte, dessen Stimme er noch nie gehört hatte. Tief musste die Stimme sein, eben wie die des Weihnachtsmanns. Bei jedem Gespräch mit Kollegen legte ich meinen Weihnachtsmann-am-Telefon-Kriterienplan an, aber der richtige Kandidat fand sich nicht. Als ich schon fast aufgeben wollte und mich mit dem Gedanken abfand, einem 8-jährigen Kind den Glauben an den Weihnachtsmann genommen zu haben, erkannte ich, dass der richtige Komplize ganz nah war. Mein Chef! Während eines Meetings versuchte mein Chef mit seiner tiefen, ruhigen aber bestimmenden Bariton-Stimme wieder einmal, mir irgendeinen wichtigen Zusammenhang zu erklären. Ich aber dachte nur: "Wow, der spricht ja wie der Weihnachtsmann!" Der perfekte Komplize war gefunden!

Aber wie sagt man seinem Chef, dass er sich anhört wie der Weihnachtsmann, und wie schafft man es, dass dieser an einem außerjoblichen Plan mitwirkt. Man nickt anerkennend, tut so, als hätte man alles verstanden, und tischt seinem Chef etwas später eine Geschichte auf à la:"Nur Du kannst unser Weihnachtsfest retten!" Nachdem er sich meinen Plan angehört hatte, erklärte er sich bereit mitzuspielen.

Am nächsten Tag stiegen wir in die Feinplanung des Projektes ein. Wir kamen zu dem Schluss, dass nur das Überraschungsmoment bei etwas ganz Alltäglichem dafür sorgen konnte, dass das Projekt erfolgreich sein konnte. Der Tatort, an dem mein Sohn überrascht werden sollte, wurde festgelegt: die Badewanne!

"Hallo Henri, hier ist der Weihnachtsmann!"

Als das Telefon zu Hause klingelte, saß Henri mit seinem Bruder im warmen Wasser und machte Tauchübungen. Meine Frau nahm ab. "Henri, da will dich jemand sprechen." "Hier spricht Henri", meldete sich mein Sohn am Apparat. "Hallo Henri, hier ist der Weihnachtsmann!", sagte der Bariton-Weihnachtsmann. Augenblicklich stand Henri stocksteif in der Wanne."Ich war jetzt schon zweimal bei dir und wollte den Wunschzettel vom Fensterbrett holen. Der war aber nicht da! Willst du gar keinen Wunschzettel rauslegen?"

Henri starrte auf den Hörer. "Ich möchte dich bitten, den Wunschzettel rauszulegen, denn sonst wird das ein wenig knapp mit Weihnachten!" Henri starrte weiter auf den Hörer und schluckte. "Da kann ich nichts für! Meine Eltern vergessen immer wieder, mich daran zu erinnern," erwiderte Henri, der sich inzwischen wieder gefangen hatte. "Na, das musst du aber schon selber machen, denn du möchtest ja etwas von mir geschenkt bekommen", erwiderte der Weihnachtmann. "Gut, ich mach's, aber sag mal? Wo bekommst du denn die ganzen Geschenke her?" wollte Henri wissen, quasi als letzte Testfrage um wirklich sicherzugehen. "Das bleibt mein Geheimnis."

Nachdem Henri aufgelegt hatte, sagte er freudestrahlend:" Mama, ich hab so ein Kribbeln im Bauch. Ich bin ganz aufgeregt. Das war der Weihnachtsmann! Leo, das war der Weihnachtsmann! Es gibt ihn wirklich! Komm los, wir müssen unsere Wunschzettel fertig machen." Pitschnass sprang er aus der Badewanne und huschte ins Wohnzimmer zu Zettel und Stift. Weihnachten war gerettet.

Fröhliche Weihnachten!

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