HOME

Erdbeben-Fauxpas von Berlusconi: "Wie ein Camping-Wochenende"

Schlimmer Fauxpas von Silvio Berlusconi: Die Menschen im italienischen Erdbebengebiet haben alles verloren und müssen in Zeltlagern hausen. Doch dem Regierungschef fällt nichts Besseres ein, als die Lage der Obdachlosen mit einem Camping-Urlaub zu vergeichen. Die Zahl der Todesopfer ist unterdessen auf 260 gestiegen.

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat die Lage der obdachlos gewordenen Erdbebenopfer in den Abruzzen mit einem Campingurlaub verglichen. Den in Zeltlagern untergebrachten Menschen fehle es an nichts, sagte er dem Fernsehsender NTV bei einem Besuch vor Ort. Sie hätten warmes Essen und medizinische Versorgung. Ihre Unterbringung sei "natürlich absolut provisorisch, aber man muss es eben nehmen wie ein Camping-Wochenende".

Durch das schwere Beben in der Nacht zum Montag mit mindestens 260 Toten, darunter 17 Kinder, verloren fast 28.000 Menschen ihr Zuhause. Die meisten wurden in Zeltlagern in der Nähe der schwer zerstörten Regionalhauptstadt L'Aquila untergebracht; etwa 10.000 bezogen Hotelzimmer an der Adria.

Zuvor hatte Berlusconi den unter Wassermangel und Energie-Notstand leidenden Menschen in L'Aquila noch Mut zugesprochen. "Wir lassen euch nicht im Stich", sagte der Regierungschef.

Die Retter setzten ihre Suche nach Verschütteten auch am zweiten Tag nach dem Erdbeben fort. Mehr als 5000 Helfer versuchen, in der verwüsteten Abruzzen-Hauptstadt und Umgebung Überlebende zu finden. Bislang wurden 260 Todesopfer geborgen. Einige der Geborgenen konnten noch nicht identifiziert werden, berichtete der Zivilschutz.

Die Retter befürchten, dass die Zahl der Opfer noch weiter steigt - weil noch etliche Menschen verschüttet sind und weil die Erde immer wieder von Neuem bebt. Besonders stark war ein kräftiges Nachbeben am Dienstagabend. Der Erdstoß der Stärke 5,3 ließ in L'Aquila und mehreren Orten der Umgebung weitere Häuser einstürzen. Das Beben war auch im rund 100 Kilometer entfernten Rom und im südlichen Kampanien zu spüren.

Vor den neuerlichen Erdstoßen hatte Berlusconi die Bewohner evakuierter Stadtteile vor einer Rückkehr gewarnt. Die Gefahr durch die Erschütterungen sei zu groß. Seit dem Beben am Montag, dem folgenschwersten in Italien seit 1980, wurden insgesamt mehr als 340 Nachbeben gezählt. Immer wieder lösten sie Panik in der Bevölkerung aus und richteten neue Schäden an.

Einen Hoffnungsschimmer gab es am Dienstagabend für die Helfer. 42 Stunden nach der Katastrophe konnten die Retter eine 20 Jahre alte Studentin aus den Trümmern in L’Aquila befreien. Sie hatte in einem Hohlraum eines eingestürzten Hauses überlebt. Ihr Gesundheitszustand wurde von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa als gut bezeichnet. Sie wurde mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus geflogen. Solche glücklichen Ereignisse erhalten die Motivation der Helfer, die seit Tagen im Einsatz sind. Dennoch wird inzwischen nicht mehr mit bloßen Händen, sondern mit schwerem Gerät geräumt. Die Wahrscheinlichkeit noch Lebende unter den Trümmern zu finden, ist verschwindend gering. Die Suche wird nach Aussage von Innenminister Roberto Maroni voraussichtlich bis Sonntag fortgesetzt.

In die Diskussion über eine offensichtlich nicht erdbebensichere Bauweise in Mittelitalien hat sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf eingeschaltet. Das Beben vom Montag habe das Hospital San Salvatore in L’Aquila zu 90 Prozent zerstört, sagte eine WHO-Sprecherin und unterstrich damit die Notwendigkeit katastrophensicherer Krankenhäuser. Auch in Italien kritisierten Fachleute von neuem die unzureichende Bauqualität, zumal auch zahlreiche jüngere Gebäude eingestürzt seien.

Die Versicherungsschäden durch das Beben könnten sich auf bis zu 400 Millionen Euro belaufen. Das erklärte das auf Risikoschätzungen spezialisierte Unternehmen AIR Worldwide am Mittwoch. Die Schätzung umfasse Schäden an privaten, geschäftlichen und öffentlichen Gebäuden, nicht aber den Schaden durch den Ausfall des Geschäftsbetriebs für Unternehmen. Der Gesamtschaden könnte sich laut AIR auf zwei bis drei Milliarden Euro summieren, davon sei aber nur ein geringer Teil versichert.

AFP/DPA/AP / AP / DPA