Erdbeben in Italien Häuserbau auf Italienisch


Die Stadt L'Aquila liegt mitten in einem Erdbebengebiet. Doch das bedeutet in Italien nichts. In der Stadt, wie auch im Rest des Landes, wurden die Gefahren verdrängt. Es gibt keine Vorschriften, die Bauherren dazu zwingen, erdbebensicher zu bauen. Die Grundregeln des Gebäudebaus wurden schlicht missachtet.
Von Luisa Brandl, Rom

In L'Aquila stürzten nicht nur alte Gebäude aus Stein ein. Auch Neubauten fielen in sich zusammen - wie Kartenhäuser. "In Kalifornien hätte es bei einem Erdbeben dieser Stärke keinen einzigen Toten gegeben", sagt Franco Barberi, der Vorsitzende der nationalen Katastrophen-Kommission. Den Pfusch am Bau mussten die Menschen mit dem Leben bezahlen.

Die Bilanz ist bitter: Mindestens 200 Todesopfer, mehr als 2000 Verletzte, 70.000 Menschen ohne Obdach, 1,3 Milliarden Euro allein an Gebäudeschäden, ganz abgesehen von dem unwiederbringlich zerstörtem Kulturgut. Doch das Ausmaß der Katastrophe hätte verhindert werden können - wenn es entsprechende Auflagen gegeben hätte. Doch ein Gesetzesvorhaben von 2005 wurde von Mal zu Mal verschoben. Denn schon nach dem Erdbeben in Molise von 2002, bei dem durch den Einsturz eines Schulgebäudes 27 Kinder in den Tod gerissen wurden, wurde die dramatische Situation in Italien offenkundig. Doch seit 2005 bis heute ist nichts passiert. Deshalb kündigte Minister Claudio Scajola an, dass sein Konjunkturpaket, das die Bauwirtschaft ankurbeln soll, auch Sicherheitsnormen enthalten solle. Jene Normen zum Schutz gegen Erdbeben, die in dem Gesetzentwurf im Parlament schon lange schmoren.

Vorschriften wurden erlassen, um nicht angewendet zu werden

Die damalige Regierung Berlusconi hatte nach dem dramatischen Einsturz der Schule San Giuliano di Puglia eilig ein Dekret erlassen. Darin beschrieben Bauvorschriften, wie Ziegelstein, Zement und Holz fachgerecht zu verwenden seien. Das Dekret enthielt auch eine Übergangsregelung, um die bestehenden Gebäude zu modernisieren. Die Vorschriften traten im Oktober 2005 zwar in Kraft, doch angewendet wurden sie noch lange nicht. Weitere 18 Monate zogen ins Land. Es kam zum Regierungswechsel.

Doch das Kabinett Prodi zögert das Vorhaben wieder hinaus. Ende Juni 2009 sollte das Gesetz - wieder unter Berlusconi - endlich verabschiedet werden. Doch gegen das Vorhaben stemmt sich eine Lobby aus Architekten und Ingenieuren, die sich den Standards und Kontrollen entziehen will.

Auch Schulen und Krankenhäuser sind nicht geschützt

Noch nicht einmal die geforderten Sicherheitsstandards für besonders wichtige Gebäude wie Krankenhäuser und Schulen werden umgesetzt. Im Fall eines Erdbebens rächt sich das. So musste die Poliklinik in L'Aquila geschlossen werden. Das Gebäude war nicht erdbebensicher. Nun droht es, einzustürzen. Viele Gebäude hätte man auch mit einfachen Mitteln besser schützen können, sagt Maurizio Cerone, Professor an der Uni in Rom und Spezialist für Gebäudeschäden. "Man muss sich nur die Fernsehaufnahmen von L'Aquila ansehen, um festzustellen, dass bei den einstützenden Zementwänden die einfachsten Grundregeln des Baufaches nicht beachtet wurden."

Doch das Problem gibt es nicht nur in L´Aquila und der Region Abruzzen. In Italien entsprechen schätzungsweise 80.000 Gebäude nicht den Standards der Erdbebensicherung. 20.000 Schulgebäude wurden in Erdbebengebieten errichtet, 16.000 davon stehen in einem Territorium mit erhöhtem Risiko. 9000 sind überhaupt nicht gesichert. Gian Michele Calvi, Professor für Konstruktionen in Erdbebengebieten an der Uni Pavia sagt: "Solange wir nicht in die Sicherheit unserer Gebäude investieren, werden wir weiterhin mit Toten rechnen müssen. Und das ist skandalös."


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