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Erschütterndes Tagebuch zu Winnenden: "Ich glaube, einer läuft Amok"

Arber Selimi hatte Englisch-Unterricht, als die Katastrophe über Winnenden hereinbrach. Der mazedonische Albaner besucht die 10. Klasse einer Realschule, die nur 100 Meter von der Albertville Realschule entfernt liegt. Beim Amoklauf verlor er drei Freunde. Die Ereignisse hat er in einem erschütternden Tagebuch notiert.

Von Arber Selimi

"Ich bin in der Parallelschule: in der Geschwister-Scholl-Realschule. Um 9.30 Uhr ungefähr sagte ein Freund von mir: "Ich glaube, ich habe Schüsse gehört." Dann sahen wir aus dem Fenster Hubschrauber, Polizeiwagen und Krankenwagen. Mein Nachbar machte einen Witz daraus und sagte: "Endlich passiert hier mal was." Dann um 9.50 Uhr kam eine Durchsage vom Rektor. Wir sollten im Klassenzimmer bleiben, nicht in die große Pause gehen und die Lehrer sollten die Türen schließen. Ich fing an, mir Sorgen zu machen.

Aber trotzdem wollten wir alle in die große Pause, doch unsere Lehrerin beruhigte uns und sagte, wir machen weiter Englisch. Zehn Minuten später eine zweite Durchsage: "Frau Koma zum Sekretariat!" Eine Frau mit diesem Namen gibt es auf unsere Schule nicht. Ich dachte mir, vielleicht ist das ein Code für die Lehrer, für den Amoklauf. Ruckzuck legten wir die Tische schräg zur Türe, um sie als Schild zu benutzen. Wir legten uns zwischen die Beine des Tisches. Dazu stellten wir unseren Klassenschrank vor die verschlossene Tür. Ich hatte Angst, ich zitterte am ganzen Körper, aber ich war nicht der einzige. Ich schrieb gleich darauf meiner Mutter eine SMS. In der SMS stand: "Ich glaube, bei uns läuft einer Amok, falls ich sterben sollte, sollt ihr wissen, ich liebe euch." Dann fragte einer unsere Lehrerin, ob wir Musik hören dürfen, zur Beruhigung. Doch das hatten wir nicht vor, wir wollten Radio hören. Die erste Nachricht war: "Amoklauf an einer Realschule in Winnenden."

"Wir mussten liegen bleiben"

Dann kam die nächste Durchsage vom Rektor mit dem Hinweis, dass sich an der Lage nichts geändert hat. Wir dürften die Klasse nicht verlassen. Dann die nächsten Nachrichten im Radio: zwei Tote in der Alberville-Realschule. Ich war geschockt. Mir wurde es auf einmal kalt. Ich sagte das meiner Lehrerin. Alle bekamen es mit. Viele Mädchen brachen in Tränen aus. Viele machten sich Sorgen um Freunde, Geschwister, Verwandte, die an der anderen Schule sind. Später wurden es zehn Tote. Der Täter war auf der Flucht. Wir warteten, dass bei uns der erste Schuss fällt, doch es kam nichts.

Winnenden wurde abgesperrt. Leute wurden von den Straßen geholt, und man sollte keinen Anhalter mitnehmen. Herr Hoffman, der Rektor, machte immer wieder eine Durchsage, dass sich nichts geändert habe. Wir sollten weiterhin nicht zum Fenster, wir sollten liegen bleiben und Ruhe bewahren. Die Polizei sicherte gegen 10.40 Uhr unsere Schule ab. Das war eine Erleichterung, aber wir wollten wissen, wer tot ist. Dann kam eine Durchsage, dass es inzwischen so sicher ist, das man klassenweise aufs Klo darf. Dann erfuhren wir wieder vom Radio, dass die Kinder vom Tatort ins Wunnebad geflohen sind und es inzwischen zwölf Tote sind. Die nächste Durchsage kam von Frau Rückl. Alle Schüler vom Untergeschoss sollten nach oben in das Obergeschoss. Das war eine Anweisung der Polizisten. Mich persönlich riefen viele Freunde an oder haben mir geschrieben. Die Eltern haben angerufen. Wir durften nicht telefonieren. Aber man musste rangehen, sonst hätten die sich Schlimmeres gedacht. Sie wollten wissen, was los ist, wir durften nichts sagen, nur dass es uns gut geht. Weil der Täter auf der Flucht war, dachten wir, der kommt gleich zu unserer Schule, weil sie nur hundert Meter entfernt liegt. Während der ganzen Aktion mussten wir liegen bleiben, durften nicht zum Fenster und mussten uns so ruhig wie möglich verhalten.

Der 11. März ist unser 11. September

Wir sahen immer wieder Hubschrauber über unserer Schule fliegen und hörten Sirenen. 11.50 Uhr. Die Schüler vom Untergeschoss kamen zu uns in die Klasse, dann stellten wir wieder den Schrank vor die Tür. 12.05 Uhr. Wir durften endlich kurz aufs Klo. Dann um 13.00 Uhr kam die Durchsage, wir dürfen nach Hause. Aber es dauerte, bis jede Klasse einzeln raus gebracht wurde. Wir kamen erst um 13.30 Uhr dran. Wir mussten aber abgeholt werden. Ich hörte, dass die Tischnachbarin eines Freundes einen Kopfschuss bekommen hat. Als der Amokläufer weg war, ist der Freund aus dem Fenster gesprungen und ist mit verstauchtem Fuß nach Hause gerannt. Ich wusste immer noch nicht, wer umgebracht wurde und machte mir Sorgen um meine Freunde. Als ich nach Hause kam, erfuhr ich, dass drei meiner Freunde tot sind. Wenn ich mir vorstelle, was für ein psychischer Schock das für uns war und ist. Wir sind hundert Meter entfernt, dann will ich gar nicht wissen, was mit denen passiert ist, die in der Klasse waren. Jeden Tag bringe ich Kerzen an die Schule. Ich habe Freunde verloren und keine Mitmenschen. Der 11. März ist unser 11. September. Ich werd es nie im Leben vergessen, doch meine Frage wird immer bleiben und zwar: Warum?"

Bearbeitet von Frank Gerstenberg
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