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Interview

Risiko einschätzen: Ertrinken an Land - DLRG-Experte erklärt eine Bade-Gefahr, die kaum jemand kennt

"Sekundäres Ertrinken" ist eine unterschätzte Gefahr. DLRG-Pressesprecher Achim Wiese erläutert, wie man es erkennt und wie man sich verhalten muss. Im Interview spricht er zudem über Gefahren in Badeseen und über Männer, die zu unbedacht ins Wasser springen.

Von Ronja Rademacher

Wenn Kinder aus dem Wasser kommen und an Land husten, kann das auf eine ernste Gefahr hinweisen

DLRG-Pressesprecher Achim Wiese (oben r.) im Interview: Wenn Kinder aus dem Wasser kommen und an Land husten, kann das auf eine ernste Gefahr hinweisen (Symbolbild).

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Der Sommer 2018 ist auf dem besten Wege, ein Rekordsommer zu werden. Klar, dass sich da viele Menschen abkühlen wollen. Aber gerade bei hohen Temperaturen gibt es Risiken, es gab schon zahlreiche Badetote. Welche Tipps haben Sie für Menschen, die in öffentlichen Gewässern schwimmen wollen?

Auf jeden Fall abkühlen bevor man ins Wasser geht. Die Blutgefäße werden durch die Hitze weit geöffnet und das Blut fließt ungehindert durch den Körper. Sobald man ins kalte Wasser springt, schließen sich die Adern blitzartig und die Konsequenz kann beispielsweise ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt sein, auch bei jungen Menschen.

+++ Sehen Sie hier im Video, wie Sie sich selbst vor dem Ertrinken retten könnten. +++

US-Marine führt beeindruckenden Trick vor, der vor dem Ertrinken rettet.

Worauf sollte ich achten, wenn ich mir einen Badesee aussuche?

Niemals alleine Schwimmen gehen und sich vorher immer über mögliche Gefahren informieren. Seen haben häufig Schlingpflanzen, in denen man sich verfangen könnte. Man sollte auch nachsehen wie tief der See ist. Baggerseen beispielsweise sind vorne relativ seicht und werden dann ganz plötzlich sehr tief. Eine unserer Baderegeln ist: Springe nie in unbekannte Gewässer. In 40 Fällen im Jahr verletzen sich die Springer, die kopfüber in unbekanntes Gewässer springen und auf etwas Hartem landen, so schwer, dass sie danach im Rollstuhl sitzen. Und diese 40 Fälle sind fast ausschließlich junge Männer.

Warum ist das so?

Frauen sind häufig vorsichtiger und nicht so risikobereit. Männer überschätzen dabei oftmals ihre eigenen Kräfte und ignorieren Gefahren. Außerdem spielt Alkohol eine sehr große Rolle, auch häufiger als bei Frauen.

Woran erkenne ich, dass jemand im Wasser zu ertrinken droht?

Jemand, der ertrinkt, verhält sich nicht so wie in einem Film. Er schreit nicht, winkt oder springt umher. Wer so auf sich aufmerksam macht, der braucht Hilfe, das ist klar. Aber der droht nicht unmittelbar zu ertrinken. Das Ertrinken an sich passiert eher leise. Man ist gar nicht mehr in der Lage zu schreien. Und wenn man dann gerettet ist, gibt es immer noch das "Sekundäre Ertrinken".

"Sekundäres Ertrinken?" - Was versteht man darunter?

Ein Beispiel: Eltern haben ihr Kind aus der Nordsee gerettet, nachdem es drohte zu ertrinken. Es hustet danach ein bisschen und die Eltern vermuten, es habe sich verschluckt. Man sollte dann aber sofort zum Arzt! Es kann nämlich sein, dass Wasser in die Lunge geraten ist. So paradox es klingt, das Kind ertrinkt praktisch an Land und man erkennt nicht direkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Immer weniger Kinder lernen Schwimmen. Woran liegt das?

Das Lernen ist genau das Problem, denn viele Kinder haben gar nicht mehr die Möglichkeit dazu. Jede 4. Schule in Deutschland hat keinen Zugang zu einem Schwimmbad. Viele der Lehrkräfte in Grundschulen besitzen außerdem die sogenannte Rettungsfähigkeit nicht. Deshalb ist vielen Lehrern das Risiko zu groß und der Schwimmunterricht fällt aus. Dabei ist Schwimmen die zweitbeliebteste Freizeitbeschäftigung der Deutschen, nach Fahrrad fahren.

+++ Sehen Sie hier im Video: "Ertrinken, Bewusstlosigkeit und Verletzungen - wann muss ein Kind in die Notaufnahme?" +++

Verhalten im Notfall: Ertrinken, Bewusstlosigkeit und Verletzungen - wann muss ein Kind in die Notaufnahme?
Interview: Ronja Rademacher
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