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Erzbischof Gerhard Ludwig Müller: Der Wiederholungstäter

Sein Pogrom-Vergleich erzürnt Politiker und Kirchen-Laien: Die Äußerungen von Erzbischof Gerhard Ludwig Müller seien "geschmacklos", "grotesk" und "gefährlich". Doch der scheint unbelehrbar zu sein.

Ein Mann für's Volk war Gerhard Ludwig Müller nie. Mit harter Hand regierte er zehn Jahre lang über das Bistum Regensburg, maßregelte Kirchenkritiker und geriet zuletzt durch seine Äußerungen zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in die Kritik: In einer Predigt hatte der konservative Kirchenmann im März 2010 vor einer "Kampagne gegen die Kirche" gewarnt, die ihn an die Kirchenfeindlichkeit der NS-Zeit erinnere. Knapp zwei Jahre später folgt nun die Neuauflage der Debatte. Müller, mittlerweile Präfekt der römischen Glaubenskongregation, hat seine Warnung in einem Zeitungsinterview wiederholt, das nun hohe Wellen schlägt.

Der Erzbischof verwies im Gespräch mit der "Welt" am Samstag auf "gezielte Diskreditierungskampagnen gegen die katholische Kirche in Nordamerika und auch bei uns in Europa." Diese hätten erreicht, "dass Geistliche in manchen Bereichen schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt werden", sagte Müller. Nach seiner Ansicht wächst so eine künstlich erzeugte Wut, "die gelegentlich schon heute an eine Pogromstimmung erinnert." Im Internet und auch im Fernsehen würden Attacken gegen die katholische Kirche geritten, deren Rüstzeug zurückgehe auf den Kampf der totalitären Ideologien gegen das Christentum.

Zum innerkirchlichen Dialog in Deutschland wie zwischen Bischöfen und kritischen Laien meinte Müller, man müsse dabei auch über das Wesentliche reden "und nicht die gleichen Probleme immer wieder neu auftischen." Das geforderte sakramentale Weiheamt für Frauen beispielsweise sei unmöglich, die katholische Kirche könne auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht akzeptieren. "Solche Partnerschaften sind grundsätzlich in keiner Weise mit den Ehen gleichzustellen." Müller bekräftigte auch, am Pflichtzölibat für Priester festzuhalten, denn deren Ehelosigkeit entspreche "dem Beispiel und dem Wort Jesu".

"Absolut inakzeptabel, gefährlich geschichtsvergessen"

Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) sprach von bizarren Äußerungen des Bischofs. "Es wirkt geradezu grotesk, wenn Müller angesichts der offenkundigen Unfähigkeit seiner Kirche, mit dem jahrzehntelang vertuschten weltweiten sexuellen Missbrauch durch Geistliche in redlicher Weise aufzuräumen, die Kirche in der Rolle eines unschuldigen Opfers sieht", erklärte HVD-Vizepräsident Helmut Fink in einer in Berlin verbreiteten Mitteilung. Die Vergleiche Müllers zeigten wieder einmal, wie fremd der römischen Kirche die Werte der Aufklärung und der offene Umgang mit Kritik auch heute noch seien.

Mehrere Politiker interpretierten Müllers Wortwahl als Vergleich mit der Judenverfolgung unter den Nazis. "Vergleiche mit dem Holocaust sind geschmacklos, wenn es um unterschiedliche Auffassungen in unserer Gesellschaft zu aktuellen Fragen wie auch der Rolle der Ehe, Familie und eingetragenen Lebenspartnerschaften geht", sagte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) der "Welt am Sonntag". Die Katholische Kirche müsse sich drängenden Problemen stellen und könne sich nicht durch Verweis auf vermeintliche Sonderstellung ihrer Verantwortung entziehen. Der Parlamentsgeschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, sagte, Kritik an der Kirche mit dem Holocaust zu vergleichen, sei "einfach daneben". "Die Verwendung des Wortes "Pogromstimmung" sollte er mit dem Ausdruck des Bedauerns schleunigst zurücknehmen." Grünen-Chefin Claudia Roth bezeichnete Müllers Äußerungen als "absolut inakzeptabel und gefährlich geschichtsvergessen". Sie warf Müller außerdem vor, Reformforderungen im deutschen Katholizismus abzublocken. "Der Chefideologe des Vatikan klingt, als wolle er die katholische Kirche am liebsten wieder in das Mittelalter zurückbeamen", sagte Roth der "Welt" (Montagsausgabe) laut einer Vorabmeldung.

Doch auch aus dem Kirchenvolk selbst weht Müller ein eisiger Wind entgegen: Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, sagte am Samstag in München: "Wir müssen uns in der Kirche damit auseinandersetzen, warum wir mit der christlichen Botschaft immer weniger Menschen erreichen. Das kann sicher nicht nur an den Menschen liegen." Die Verantwortung für die Zukunft der Kirche dürfe nicht nur in die Hände der Priester gelegt werden. Das ZdK ist mit rund 230 Mitgliedern das oberste Gremium der Laien in der katholischen Kirche.

jwi/DPA/AFP / DPA