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Erziehung: War früher alles besser? - Die Kindheit schon

Draußen toben? Mit der Freundin "Himmel und Hölle" spielen? Auf Bäume klettern? Vorbei. Unsere Kinder hocken drinnen, behütet von besorgten Eltern, und erleben keine Abenteuer mehr. Dabei lernen Kinder am besten, während sie die Welt erobern. Hirnforscher und Psychologen schlagen Alarm.

Von Uli Hauser und Andrea Schaper

Als wir Kinder waren, waren wir viele. Kerskens gegenüber hatten neun, Oelingers die Straße hoch fünf, und zu Hause waren wir sechs. Jungs spielten Fußball und Mädchen Gummitwist, wir schnitzten Steinschleudern, jagten Hasen. Die Eltern ließen uns laufen, und wenn die Erwachsenen zusammensaßen, bekamen wir einen eigenen Tisch. Aus der ersten Zigarette, so mit elf, wurde gleich eine ganze Packung, danach war uns schlecht, aber niemand hat es bemerkt. Die Welt war groß, die Kinder waren klein. Wir haben Regenwürmer zerteilt und Heuschrecken geschluckt. Bauten Höhlen hinter Hecken und klauten Äpfel von den Bäumen. Machten Feuer, was wir nicht sollten, und fielen von Mauern, was wir nicht wollten. Wir streunten durch die Felder, stauten den Bach und waren immer dreckig. Die schlimmste Strafe war Hausarrest. Wenn wir eine Uhr brauchten, schauten wir hoch zur Kirche. Wir hatten Zeit.

Das ist nicht lange her. 30, 40 Jahre. Heute ernten Eltern von drei Kindern mitleidige oder bewundernde Blicke. Wenn Jungen und Mädchen sich verabreden wollen, brauchen sie ein Telefon. In der Küche hängen Terminpläne. Auf dem Fußballplatz, ein paar Häuser weiter, bolzt niemand. Der neunjährige Lewin hätte noch Donnerstag nachmittags Zeit, aber sein bester Freund sitzt bei der Nachhilfe, sonst schafft der in acht Jahren das Abi nicht. Lewins zweitbester Kumpel wohnt einen Kilometer weiter, darf aber allein nicht los. Konrad von gegenüber übt nach den Hausaufgaben Klavier, und Elian, zehn, hockt lieber am Computer. Da kann er so tun, als sei er schon 18.

Kinder kicken jetzt in Käfigen

Die Welt ist klein, das Kind schon groß. Kindheit hat sich verändert. Eltern organisieren die Freizeit, Mütter sind Familienmanager. Kinder zwischen drei und fünf Jahren sehen täglich 70 Minuten fern. Schon in der dritten Klasse hat ein Drittel der Kinder einen eigenen Fernseher. Neun- bis Dreizehnjährige sitzen 90 Minuten am Tag vor dem Computer. Kindheit findet drinnen statt, man muss nicht mehr aus dem Haus. In Deutschland leben heute zwölf Millionen Kinder unter 15 Jahren, sechs Millionen weniger als 1970.

In Großstädten wie Hamburg wohnt nur noch in jedem fünften Haushalt ein Kind. Ein Viertel der Kinder wächst ohne Geschwister auf. Viele nur allein mit Mutter oder allein mit Vater. Die klassische Großfamilie mit Oma und Opa im Haus erlebt nur eins von hundert Kindern. Die Spielplätze sind eingezäunt, die Bolzplätze verschwunden. Kinder kicken jetzt in Käfigen. Vor Sandkästen sieht man mehr Erwachsene als Kinder. Als neulich Schuljungs in Hamburg ein paar Bretter auf die Äste einer Kastanie legten und ihre Konstruktion zum Baumhaus erklärten, holte ein Mann vom Grünflächenamt sie runter - sie könnten sich verletzen.

Jedes zehnte Kind hat keinen guten Freund

Immer häufiger ersetzen Vater und Mutter die Spielkameraden. Jedes dritte Kind im Alter von acht oder neun Jahren, das ergab eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts, wünscht sich mehr Kinder zum Spielen; jedes zehnte Kind ist ohne einen guten Freund. Nur knapp ein Viertel aller Kinder trifft sich heute noch mit drei oder mehreren Freunden nach der Schule. Jedes dritte Kind wohnt in Verhältnissen ohne ausreichende Spielmöglichkeiten. Kein Wald, keine Wiese, kein Platz zum Toben. Eltern haben Angst, die Kinder auf der Straße oder im Park spielen zu lassen.

Dass sich Väter und Mütter um das Wohlergehen ihrer Kinder sorgen, ist nichts Neues. Aber wenn man mit Erziehern und Ärzten, Lehrern und Therapeuten spricht, wird eines rasch deutlich: Der Umgang mit Kindern war schon mal gelassener. "Das wächst sich aus", "das renkt sich ein", "das wird schon werden": Man hört es nicht mehr oft. "Gute" Eltern wollen sich kümmern, wollen die Dinge richten. Typische Szene: Als sich beim Hockeytraining eine Mutter in den Streit ihrer elfjährigen Tochter mit zwei Jungen einmischt, fragt das Mädchen laut: "Mama, darf ich mich wenigstens mal ohne deine Hilfe streiten?"

Eltern sind übervorsichtig

Es gibt immer noch böse Jungen und schlechte Mädchen, Autos, Treppen,Gartenteiche. "Kinder sind heute nicht ängstlicher", sagt Heike Ramm, Kinder- und Jugendärztin aus Seevetal bei Hamburg. "Aber die Eltern sind übervorsichtig. Und nehmen den Kindern damit viel von der Fähigkeit, Gefahren zu erkennen." Der natürliche Umgang geht verloren. Das beginnt bei den Vorsorgeuntersuchungen. Weichen die Söhne und Töchter von der Norm ab, weil sie für das eine oder andere mehr Zeit benötigen, geraten Eltern in Panik. Läuft das eigene Kind als einziges in der Krabbelgruppe noch nicht mit zwölf Monaten, fragen Eltern nach Krankengymnastik. Dass Dummerchen manchmal früher mit dem Sprechen beginnen als die später Klugen, beruhigt nicht. "Genies wie Einstein", sagt Kinderärztin Heike Ramm, "wären heute schon im Kindergarten gestutzt worden."

Der kleine Einstein stotterte. Wenn Eltern den Nachwuchs bereits im Kindergarten für den weltweiten Konkurrenzkampf abrichten, bleibt Kindheit nicht der mehr oder weniger geschützte Raum, zu dem er in den vergangenen 50 Jahren geworden war. Früher hieß es: Raus auf die Straße, spielen. Heute: Ab nach Hause, lernen. Damit Chinesen dir später nicht den Arbeitsplatz wegnehmen. "In unserer Epoche", schreibt der Psychoanalytiker Miguel Benasayag, "hat sich in der westlichen Zivilisation ein Wandel vollzogen: von einem maßlosen Vertrauen in die Zukunft zu einem fast ebenso übertriebenen Misstrauen."

Welche Erfahrungen sind zumutbar

So wird Kindheit als eine Zeit voller Gefahren wahrgenommen. Heute spekulieren Eltern eher darüber, was passieren könnte, als darüber nachzudenken, welche Erfahrungen sie ihren Kindern zumuten können. Auch körperliche Verletzungen werden nicht mehr als normale Begleiterscheinung des Großwerdens akzeptiert. Klettern Kinder auf Bäume, liegen ihren Eltern die Worte "Komm da sofort runter!" oder "Du wirst dir wehtun!" im Mund. Die Erwachsenen entscheiden, wie sich Kinder zu fühlen haben, und erwarten, dass sie ihre Empfindungen bestätigen: Kind, zieh dir die Jacke an, Mama ist kalt. Kinder wollen das nicht. Sie sehnen sich nach Rückzugsorten, jenseits des Computers. Nach Vertrauen in die eigene Kraft. Gelegenheiten, ihr Können zu beweisen. Nur so funktioniert Evolution. In der Kindheit wiederholt sich die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Der aufrechte Gang, das Entdecken der Sprache, der Umgang miteinander: Zu jeder Zeit war es wichtig, dass die Alten den Jungen ihre Erfahrungen weitergaben und sie zu neuen ermutigten.

Kinder brauchen Abenteuer. Das Wort ist verwandt mit dem lateinischen "advenire", was so viel bedeutet wie "sich ereignen" oder "herankommen". Unvorhergesehenes zu meistern, wenn die Welt entdeckt wird. So, wie es zum Beispiel die Pfadfinder tun. "Eigentlich wollte ich nach Hause, als der Wind aufbrauste", sagt Philipp, elf. Er hatte Heimweh, weil sich eine Wolke über seinem Schlafsack entleerte und Blitze über Baumwipfeln zuckten, "so wie bei Harry Potter". Kalt war es im Wald, und am Tag danach waren alle Klamotten nass. Wie gern hätte Philipp seine Mutter angerufen, ob sie ihn abholen kommt. "Ich wäre fast erfroren", sagt er.

Aber Philipp hat seine erste große Wanderung dann doch geschafft, gemeinsam mit den Pfadfinderfreunden aus Frankenthal bei Mannheim, beim Sommerlager im Elsass. Drei Tage war seine "Sippe" mit Kompass und Kochgeschirr durch die Gegend gestreift, ohne morgens zu wissen, wo man abends schläft. Unter Eichen im Wald, in der Scheune beim Bauern? Sie lernten, dass Nordwesten ist, wo Moos auf Bäumen wächst, und Südosten, wo der Borkenkäfer sich am wohlsten fühlt. So eine Wanderung, ein "Haijk", wie die Pfadfinder sagen, gilt als Höhepunkt eines jeden Zeltlagers.

Noch besser allerdings sind die Abende danach, wenn sich die "Überlebenden" am Lagerfeuer an Gedanken wärmen, wie vielen Gefahren sie gemeinsam trotzen konnten. Und dass die Eltern davon nichts mitgekriegt haben. "Das war richtig gut", sagt Philipp. Und es ist gut, dass Philipps Eltern ihn zu den Pfadfindern schicken. Hier geht es um Knoten, nicht um Noten. "Die Kinder bekommen dort nicht alles vorgekaut", sagt Wolfgang Bergmann, Chef des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover. "Sie entdecken, was in ihnen steckt, und erziehen sich gegenseitig." Lernen, wie man Zelte baut und Sterne zählt. Wie man Verantwortung übernimmt, weil man nicht allein ist auf der Welt. "Ich kann Eltern nur ermuntern, ihren Kindern diese Erfahrung zu ermöglichen: dass die Dinge auch mal schief laufen können." Aus Niederlagen lernen, in der Not erfinderisch sein, mal nicht wissen, wo es langgeht: Das sind wichtige Schritte, die nicht jeder wagt. "Wir Eltern befinden uns in einer ständigen Unruhe in Bezug auf unsere Kinder", sagt Bergmann. "Wir ertragen es nicht, wenn sie irgendeine Art von Unzufriedenheit äußern. Wir möchten alles Gute für sie, und wir möchten es im Übermaß. Und genau dies tut Kindern nicht gut."

Aus Erziehung wird Beziehung

Die Töchter und Söhne von heute werden unterfordert und überschätzt. Noch nie konnten Eltern ihren Kindern so viele Angebote machen - und noch nie haben sie ihnen so viel abverlangt. Die Welt der Kinder ist kompliziert geworden. Wo Partner kommen und gehen, werden sie zum einzig verlässlichen Bezugspunkt. Zum Ersatz für den Ehemann. Oder für die Ehefrau. Aus Erziehung wird Beziehung. Die Kindheit bewegt sich mehr und mehr zwischen den Extremen Gewinner und Verlierer, Verwöhnte und Vernachlässigte. 2,6 Millionen Mädchen und Jungen leben in Armut. Ihre Bildungschancen sinken, sie kommen nicht raus aus ihren Vierteln. Es gibt Eltern, da dreht sich alles ums Kind. Jedes Signal ist von größter Bedeutung, jede Winzigkeit wird gedeutet. Und es gibt Eltern, die nur mit sich beschäftigt und deren Kinder dem Auf und Ab ihrer Befindlichkeit ausgeliefert sind. Beurteilen zu wollen, ob Kindheit schon mal besser oder schlechter, glücklicher oder langweiliger, aufregender oder behüteter war, bringt wenig Gewinn.

Welche Kindheit meinen wir denn? Die eigene in den 60er oder 70er Jahren, als der liebe Gott alles sah? Die von Vater und Mutter im Krieg, als Knirpse Kartoffeln klauten und sich beim Fliegerangriff in Kellern duckten? Zucht und Ordnung bei den Großeltern, als die Rute aus bösen Kindern gute machen sollte? Die Kindheit des 19. Jahrhunderts in Bergwerken, als gebückte Kinder Loren schoben? Oder fangen wir bei den alten Griechen an, bei denen das Wort "Kind" auch Sklave bedeutete? Wenn Erwachsene über Kindheit reden, wird es emotional. Waren die Zeiten wirklich besser, als im Fernsehen niemand Erziehungsberater spielte? Ein "befriedigend" in der Schule keine Heulkrämpfe auslöste? "Pisa" an einen schiefen Turm und nicht an "höher, schneller, weiter" erinnerte? Schüler eher ans Schwänzen dachten als an die schlauen finnischen Kinder, die im internationalen Vergleich so gut sein sollen?

Im Klammergriff der Berater-Gesellschaft

Eltern und Erzieher sind verunsichert. Was ist richtig, was falsch? Die Berater-Gesellschaft hat sich im Kinderzimmer breit gemacht: Soll ich mit meinem Kind sprechen, bevor es auf der Welt ist? Darf ich mein Kind länger als drei Minuten schreien lassen, wenn es schlafen lernen soll? Braucht mein Kind Grenzen? Perfekt sollen sie sein, die Väter, die Mütter, die Kinder. Heute muss alles gelingen, darf nichts versäumt werden. Alte Gewissheiten sind dahin, neue noch nicht in Sicht. Die Solidarität mit Eltern bröckelt.

Verwandte und Freunde fühlen sich nicht mehr mitverantwortlich, und aus den Dörfern wachsen Reihenhaussiedlungen mit hohen Hecken. "Die moderne Kleinfamilie", sagt Psychologe Wolfgang Bergmann, "lebt in einer hoch individualistischen Kultur." Jeder für sich, keiner für alle. Auch viele Kinder ahnen längst, wie unübersichtlich die Welt geworden ist. Sie haben Zusammenhänge verstanden, aber mit diesem Wissen ist ihnen nicht geholfen. Denn die Sehnsucht nach Geborgenheit und Wärme bleibt. Aber wer ist da, wenn Dieter Bohlen Feierabend hat? Der Lehrer sich nicht um alles kümmern kann, und die Oma lieber golfen geht anstatt Geschichten zu erzählen? Es sind die Eltern. Sie müssen Fels sein in der Brandung, Halt geben, Orientierung bieten. Nicht persönlich beleidigt sein, wenn ihr Kind Probleme hat. Denn Probleme sind wichtig. "Das Gehirn", sagt der Göttinger Neurologe Gerald Hüther, "ist ein Instrument zur Bewältigung von Problemen.

Das Kind bekommt, was es will, nicht, was es braucht

Damit Menschen sich entwickeln, müssen sie sich Schwierigkeiten stellen und sie lösen." Den Hirnforscher treibt die Frage an, was Kinder zu starken, belastbaren Persönlichkeiten macht. Welche Erfahrungen sie brauchen, welche Gefühle sie durchlebt haben sollen, um Selbstgewissheit zu erlangen, um nicht bei kleinsten Frus-trationen das Gleichgewicht zu verlieren, um das Leben zu meistern. "Kinder brauchen Autoritäten", sagt Hüther, "die dafür sorgen, dass sie ihr Potenzial entfal-ten können. Und Eltern, die ihnen Probleme bereiten, aber auch bei der Lösung helfen."

Je größer die Probleme, desto besser: "Aber sie müssen beherrschbar sein." Starke Väter und starke Mütter sind notwendiger als je zuvor. Sie dürfen sich nicht selbst schwächen, weil sie meinen, mit ihren Kindern auf Augenhöhe sein zu müssen. Eltern brauchen Grenzen: Statt Kinder zu ermahnen, immerzu Rücksicht auf die Lebenswelt der Erwachsenen zu nehmen, sollten sie auf die Realität ihrer Kinder achten. Wenn Frauen heute mit 35 auf die Uhr schauen, um mit 42 Mutter zu sein, und in der Werbung von "Neuanschaffung" die Rede ist, wird Geburt zu einem Verdienst und das Kind zu einem Luxus, den man sich leistet. Fußballtrainer geben genervt auf, weil ehrgeizige Mütter mit Vereinswechsel drohen, sollte der begnadete Sohn nicht sofort eingesetzt werden. Das Kind bekommt, was es will, nicht, was es braucht. Vergebens, klagt ein Vater, habe er sich bei einem Elternabend für ein Handyverbot auf der Reise einer fünften Klasse eingesetzt. Er sei überstimmt worden: Die Mehrheit der Mütter und Väter wollte dies ihren Kindern nicht zumuten.

Das Handy wird zur verlängerten Nabelschnur

Oder sich selbst nicht. Denn das Handy wird zur verlängerten Nabelschnur. Heute besitzt jeder dritte Achtjährige ein mobiles Telefon. Eltern wollen wissen, wo sich ihr Kind gerade befindet. Telefongesellschaften bieten Rundumüberwachung. Kommt das Kind nicht pünktlich aus der Schule, ortet es ein Satellit auf etwa 50 Meter. Ein Kaffeeröster bot jetzt ein "kindgerechtes Handy mit Paniktaste" an. Die gefühlte Gefahr wächst. Da helfen auch keine Zahlen. In den vergangenen 30 Jahren wurden nicht mehr Kinder entführt und getötet als früher, aber heute liest man von jedem Schicksal in der Zeitung. Auch Verkehrsunfälle, in die Kinder verwickelt waren, sind in den letzten Jahren weniger geworden. Die Sorge nicht. Angst, Verunsicherung und Ohnmacht schränken die kindliche Entwicklung ebenso ein wie Unterforderung, Verwöhnung oder mangelnde Anregung. Bereits Embryos lernen im Mutterleib, über sich hinauswachsen zu können. Säuglinge werden noch bewegt, durch Schaukeln oder Wiegen. Dann wagen sie sich, durch die Erfahrung von Sicherheit bestätigt, immer weiter vor, krabbeln, laufen und klettern. Zwei- bis Vierjährige entdecken ihren eigenen Willen. Werden Kinder in dieser Phase damit allein gelassen, kleine Probleme zu bewältigen und Erlerntes zu probieren, verkümmert ihr Forscherdrang. Sitzen Kinder vor dem Fernseher, sind sie zur Passivität verurteilt. Auf ihre Fragen bekommen sie keine Antworten, sie können nichts ändern, nichts verhindern, nicht eingreifen. Sie lernen, auf sie kommt es nicht an.

Es geht auch anders. In Waldkindergärten blüht die Fantasie. Alles, was man sich vorstellen kann, wird wahr. Der Stock wird zur Kreide, zum Schwert und zum Löffel. Bei Regen schützen Planen, wer zur Toilette muss, braucht eine Schippe. "Wir verwechseln Leistung nicht mit Erfahrung und Resultate nicht mit Entwicklungen", sagt Markus Riebandt, Vorsitzender des Trägervereins vom Waldkindergarten in Adendorf bei Lüneburg. Der Grundschullehrer sammelte vor fünf Jahren Eltern um sich, die auch wollten, dass die Sinne ihrer Kinder geschult werden, sie die Jahreszeiten erleben und die Natur begreifen. Wer hier auf Bäume klettert, hat sich jeden Höhenmeter erarbeitet. "Wenn die Kinder zu klein sind, müssen sie eben üben", sagt der zweifache Vater. "Sie bekommen ihre eigene Zeit." Mittlerweile gibt es in Deutschland fast 700 solcher Initiativen. "Waldkinder haben einen größeren Wortschatz und ein stärkeres Immunsystem, sind kreativer und spontaner", sagt Markus Riebandt.

Zu wenig Zeit zum Spielen

Obwohl Kinder heute sicherer leben als vor 100 Jahren, nicht wegen verseuchter Milch an Tuberkulose erkranken oder wegen Vitamin-C-Mangel an Skorbut, hat jedes vierte Kind in Deutschland mit acht Jahren bereits eine Therapie hinter sich. Beim Ergotherapeuten. Beim Logopäden. Oder beim Psychologen. Ärzte beobachten typische Managerkrankheiten. Jedes fünfte Kind, sagt der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann, leide an Stresserscheinungen wie Nervosität, Schlafstörungen oder Kopfschmerzen. Schon 1996 wurden 15 Prozent aller Psychopharmaka Kindern verschrieben. Vor allem Antidepressiva.

Das Medikament der kontrollierten Kindheit heißt Ritalin. Dieser "Bravmacher" verändert den Stoffelwechsel des Gehirns und stellt zappelnde Kinder ruhig. Nach Angaben des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts stieg die Ritalin-Vergabe in den vergangenen zehn Jahren um das 270-Fache. Mittlerweile werden in Deutschland 150.000 Kinder wegen "Aufmerksamkeitsstörung" und "Hyperaktivität" behandelt, 400.000 Kinder gelten als "verhaltensauffällig". "Das ist eine bequeme Diagnose", sagt der Wiesbadener Psychologe Jochen Lendle. "Wenn die Eltern hören, dass ihr Kind krank ist, sind sie eher beruhigt: Sie müssen dann nicht tiefer ergründen, warum es von der Norm abweicht. Oft aber lösen innere Ängste die Unruhe aus."

In einer Studie mit mehr als 5000 Frankfurter Kindergartenkindern kamen Jochen Lendle und seine Kollegen zu einem erstaunlichen Ergebnis. Auffällige Kinder und ihre Eltern wurden intensiv betreut und beraten, statt mit Pillen beruhigt. "Wir konnten Aggressionen und Ängste deutlich abbauen", sagt der Psychologe, "aber nicht den Bewegungsdrang. Weil wir vergessen haben, wie lebendig Kinder sind, wird aus Toben und Rennen schnell Hyperaktivität" Auch Untersuchungen der Universität Bremen zeigen, dass 70 Prozent der Ritalin- Verordnungen überflüssig sind. "Viele Kinder sind kaputt", sagt Ingolf Fleckna aus Halle. Der gelernte Schlosser organisiert Freizeiten an der Müritz. Von Mai bis September ermöglicht er für den Reiseveranstalter "Jutou" Kindern und Jugendlichen ein paar Abenteuer. Kentern mit Booten, Floß bauen, Kaninchen im Lehmofen schmoren. "Heute", sagt Fleckna, "ist es schon ein Erfolg, wenn die Kinder nach zehn Tagen Zelten nicht mehr ihren Gameboy vermissen."

Dort, wo Seeadler nach Barschen schnappen und Blindschleichen durchs Unterholz schlängeln, erzählen Achtjährige, dass sie zum Geburtstag ein Handy geschenkt bekommen haben und den Papa nun auf der Mailbox fragen, ob sie zum Spielen raus dürfen. Die Großen schwärmen von Klonkriegern und Rollenspielen im Internet. Andere sind froh, den ganzen Tag barfuß laufen zu dürfen. Robert, neun, sagt, hier brauche er keine Pillen, die ihn in der Schule so still machen. Ihn faszinieren wandernde Ameisen. Wehmütig sitzt der elfjährige Luigi aus Berlin am Lagerfeuer. Er kommt aufs Gymnasium und fürchtet, nur noch in den Ferien Zeit zum Spielen zu haben. So wie es bei einigen Freunden schon lange ist. "Schule bis vier und zwei Stunden Hausaufgaben", sagt er. "Dann hast du doch zu nichts mehr Lust." "Viele Kinder sind schlecht drauf ", sagt Hannah Karl, 12, aus Ladenburg bei Heidelberg. Die Gymnasiastin schreibt in ihrer Schülerzeitung "Tempus" Artikel, warum so wenig Zeit zum Spielen bleibt. "Von meinen fünf besten Freunden", sagt sie, "kann ich mich nur noch mit zweien spontan verabreden. Die anderen kommen sich schon blöd vor, dass sie immer absagen müssen, weil sie lernen sollen."

"Die Kindheit gibt es nur einmal"

Einem Freund habe die Mutter jetzt wegen schlechter Noten sogar das Handballspielen verboten. Wenn Hannahs Großvater erzählt, dass er früher zum Fußballspielen auf den Hof gegangen und immer einer da gewesen sei, sind das Geschichten wie aus einem fremden Land. "Mehr als drei Kinder treffe ich nach der Schule höchstens an einem Geburtstag", sagt Hannah. Dass sie durch die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre noch schneller noch mehr lernen soll, macht sie wütend. "Mich interessiert nicht, ob ich ein Jahr jünger oder älter bin, wenn ich Abitur mache. Die Kindheit gibt es nur einmal." Der Druck steigt. In Bayern bekommt jeder fünfte Schüler bereits in der dritten oder vierten Klasse Nachhilfeunterricht, damit der Sprung aufs "Turbogymnasium" gelingt. Ratlose Eltern rufen die Schulberatung an, ihr Kind habe gerade eine Fünf nach Hause gebracht, was nun zu tun sei. In einer Studie des Bielefelder Entwicklungspsychologen Arnold Lohaus berichten 72 Prozent der befragten sieben- bis elfjährigen Mädchen und Jungen von Stresserlebnissen. Und ihrer Angst vor Fehlern.

In Amerika und England sind das "Verschwinden der Kindheit" und "Elternparanoia" seit Jahren ein Thema. Eine Umfrage der University of Michigan ergab, dass die mit Spielen verbrachte Zeit zwischen 1981 und 1997 um 25 Prozent abgenommen habe und die Zeit fürs Draußenspielen um die Hälfte. Anfang der 70er Jahre ging fast jeder Erstklässler ohne erwachsene Begleitung zur Schule, im Jahr 2007 war es nicht mal mehr jedes fünfte Kind. Aus Fürsorge ist Kontrolle geworden, aus Freiheit Bedrohung. Aber es gibt sie noch, die Eltern, die ihren Kindern ermöglichen wollen, was sie selbst einst erlebten. Uli Overmeyer, 38, Vater von sechs Kindern im niedersächsischen Emmelndorf, sagt: "Die sollen es so gut haben, wie ich es mal hatte." Der elfjährige Lars fährt seit fünf Jahren Trecker, erntet Kartoffeln und hat hinter der Scheune ein Baumhaus gezimmert. Seine Schwestern verkaufen vor dem Hofladen der Eltern Blumen und Himbeeren. Die Jüngsten füttern Meerschweinchen und Hasen. "Jedes Kind soll Musik und Sport machen, mehr brauchen sie nicht", sagt Agraringenieurin Kerstin Overmeyer, 36.

"Kinder sind eigene Persönlichkeiten. Gäste auf Zeit"

"Um ihr Training und den Weg dorthin müssen sie sich allein kümmern. Ich führe doch keinen Terminkalender." Die Mutter ermuntert auch zur Langeweile. "Daraus entwickeln sie die besten Ideen." Beide Eltern lassen ihre Kinder in Ruhe, sind aber für sie da, wenn sie Hilfe brauchen. "Wir achten schon auf die Dinge, die Kinder selbst nicht einschätzen können: Wasser, Geschwindigkeit, Maschinen." Wenn der Trecker auf den Hof fährt, passt ein Erwachsener auf. Die Großen achten auf die Kleinen. Die Eltern trauen ihren Kindern etwas zu. Auch wenn die sechsjährige Vera eine halbe Stunde allein an der vierspurigen Landstraße steht und darauf wartet, dass endlich von links und rechts keine Autos mehr kommen, weil die Ampel ausgefallen ist. Bei den Overmeyers dreht sich eben nicht alles nur um die Kinder. Die Eltern halten fest und lassen los. "Kinder", sagt Uli Overmeyer, "sind eigene Persönlichkeiten. Gäste auf Zeit. Sie gehören uns nicht."

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