HOME

Erziehungsdebatte: Sarrazin lobt Chinas Schleiferschulen

Drill, Druck und Disziplin: Wenn es nach Thilo Sarrazin ginge, würde sich Deutschland ein Beispiel am chinesischen Bildungssystem nehmen. Erziehungsexperte Remo Largo hält dagegen.

In die durch das Buch einer strengen US-chinesischen Mutter ausgelöste Debatte um asiatische und westliche Erziehung hat sich auch Ex-Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin eingeschaltet. In einem Interview mit dem "Tagesspiegel" vom Samstag lobte Sarrazin das strenge chinesische Bildungssystem und empfahl, "sich seine positiven Wirkungen anzusehen". "Vor die Wahl gestellt, dass ein Kind zuhause vor dem Fernseher verblödet, finde ich es besser, dass die Kinder eine verpflichtende Ganztagsschule haben, mit einem geregelten Freizeitangebot und einer Hausaufgabenbetreuung", so Sarrazin.

Der frühere Bundesbankvorstand hatte im vergangenen Jahr mit seinen umstrittenen Thesen zur Integrationspolitik heftige Kritik auf sich gezogen, zugleich wurde sein Buch "Deutschland schafft sich ab" zum Bestseller. Die Jura-Professorin Amy Chua löste mit ihrem Erziehungsbuch "Kampfgesang einer Tigermutter" in den USA ebenfalls eine heftige Diskussion aus. Darin beschreibt die Tochter chinesischer Einwanderer die strenge, leistungsorientierte Erziehung ihrer beiden Töchter und kritisiert westliche Eltern, die ihren Nachwuchs immer nur loben, als zu lasch.

"Abwegige Rezepte"

Auch in Deutschland, wo schon vor Jahren über Bernhards Buebs "Lob der Disziplin" diskutiert wurde und jüngst über die angeblich zu autoritäre Berliner Lehrerin und Frau von Thilo Sarrazin, Ursula Sarrazin, debattiert wurde, trifft das Buch offenbar einen Nerv. "Müssen Kinder zum Erfolg gezwungen werden?", fragt etwa die "Bild"-Zeitung mit Blick auf das Chua-Zitat "Für den Erfolg musst du deine Kinder quälen!". Und der Verlag hat das Erscheinungsdatum der deutschen Ausgabe ("Die Mutter des Erfolgs - Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte") von Februar auf Ende Januar vorgezogen.

Der Schweizer Autor und Kinderarzt Remo Largo kritisierte im Magazin "Focus" den von Chua propagierten Drill und Druck auf Kinder: Derlei harte Methoden seien "abwegige Rezepte", Chua sei "vollkommen daneben", sagte Largo dem Magazin laut einer Vorabmeldung vom Samstag. Kinder hätten heute schon genug Druck. Der Erfolg asiatischer Länder bei Pisa-Bildungstests, den manche auf die strengere Erziehung in diesen Staaten zurückführen, beeindruckt Largo ebenso wenig: "Welches Menschenbild streben wir an? Möchten wir mit diesem Kult um Disziplin wirklich unsere Jugend zu unselbständigen, unkreativen und komplett angepassten Menschen erziehen?"

joe/AFP/DPA / DPA