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EXIT-Aktivist Bernd Wagner: "Fischers Ausstieg hat gerade erst begonnen"

Michael Fischer ist der Grund, warum Nadja Drygalla aus London abgereist ist. Er will aus der rechten Szene ausgestiegen sein. Im Interview mit stern.de zweifelt Nazi-Kenner Bernd Wagner daran.

Herr Wagner, halten Sie für glaubhaft, dass Herr Fischer aus der rechten Szene ausgestiegen ist?
Er sagt es. Der alleinige Austritt aus der NPD reicht dafür allerdings nicht aus.

Jetzt aber hat er in einem Telefoninterview gesagt, er habe damit "abgeschlossen, dass ich Neonazi bin". Reicht Ihnen eine solche Erklärung nicht?
Nein. So einfach ist das nicht. Herr Fischer ist seit geraumer Zeit einer der führenden Köpfe der Nationalsozialisten in der Rostocker Region. Er ist tief in das Netzwerk von Kameradschaften und NPD eingebunden. Er stand bis vor wenigen Tagen stets "an vorderster Front". Seine Milieu ist das militante Milieu, die sich als revolutionär versteht. Aus dieser Ecke kam der NSU. Nationalsozialist ist man mit Haut und Haar, es sind nicht nur einzelne politische, beliebig zu wechselnde Meinungen. Die NPD ist dabei das kleinere Problem. Und ich glaube nicht, dass ein solcher Wandel innerhalb von so kurzer Zeit möglich ist. Es sei denn, das schauspielerische Talent ist groß.

Menschen können sich sehr schnell ändern. Urteilen Sie jetzt nicht zu schnell?
Jemand, der über den Mitgliedszeitraum hinaus auf der Chefebene in der harten Neonazi-Szene aktiv gewesen ist, muss sich fragen lassen, ob der Sinneswandel ernst gemeint ist. Ich hoffe, dass er kein Gauklerstück abliefert. Noch im Juni mokiert er sich öffentlich über die "linke Gutmenschen-Lobby", davor betätigte er sich nach verschieden Quellen mit Anti-Antifa-Aktivitäten. Das dürfte auch dem Verfassungsschutz nicht entgangen sein, der ihn ja permanent im Visier gehabt haben dürfte.

Anti-Antifa?
Der Nachrichtendienst und Bestrafungsapparat der Nazis.

Was müsste denn ein NPD-Kader wie Michael Fischer tun, dass Sie ihm glauben?
Wir sind nicht die Inquisition. Wir wollen, das Menschen, die an der Weltanschauung und der Naziszene zweifeln, eine Chance haben, ein Leben jenseits davon aufzubauen. Wir wollen uns auseinandersetzen, uns und unser Gegenüber ernst nehmen. Es gibt auch so etwas wie einen schleichenden Rückzug aus der Szene, der nicht groß kommuniziert wird. Jeder kann es auch ohne fremde Hilfe selber versuchen. Wenn es sich aber um einen Menschen handelt, der eine führende Rolle spielt, der wie Fischer öffentlich bekannt ist, dann ist ein solcher Rückzug nicht so einfach möglich. Da fragen schon die Kameraden nach und wittern Verrat. Mit einem solchen Menschen stehen und fallen Strukturen. Das Mitgliedsbuch einer Partei ist dabei nicht das Hauptproblem. Ein solcher Mensch muss sich zwangsläufig erklären. Zumal jetzt eine breite Öffentlichkeit hergestellt ist. Das geht nicht mit der lapidaren Erklärung "Man hätte mal abgeschlossen".

Fischer hat sich doch jetzt öffentlich geäußert ...
Ja schon. Er hat abgeschlossen. Was soll das heißen? Womit ganz konkret, mit dem Gedankengut, der Nazibewegung? Warum, was waren seine konkreten Impulse? Es geht nicht um einen Kegelklub, eine Volkstanzgruppe oder eine beliebige Sportmannschaft. Es geht um einen elementaren Bruch in seinem Leben. Deshalb bin ich noch immer skeptisch, da mir klare Aussagen zu den Ausstiegsgründen fehlen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Fischer mit diesem Schritt seiner Freundin einen Gefallen getan hat. Ein vielleicht reflexartiges Verhalten, auf eine verfahrene Situation zu reagieren. Das wäre allerdings sehr dürftig. Ein paar Sätze mehr sollten es schon sein. Er ist nicht mehr 16 und kann nicht über Jugendsünden reden, als ob man unter dem Balkon geraucht hätte.

Wie stellen Sie fest, ob es jemand mit einem Ausstieg ernst meint?
Der Mann oder die Frau muss mit der inneren rechtsradikalen Weltanschauung brechen und das auch begründen. Probleme im Leben geben oft Impulse, darüber nachzudenken. Für uns gibt es einen ganzen Katalog von Fragen: Die entscheidende ist, wie es ein Gesprächspartner mit der Gleichwertigkeit von Menschen hält. Nazismus ist eine Weltanschauung, die Menschenrechte, Freiheit und Würde aller Menschen, im Grundgesetz als Kern der Freiheit gesehen, in Abrede stellt, Menschen in höher- und minderwertig einteilen - in Nützliche und Schädliche, zu Bekämpfende. Was bedeutet Freiheit, was Würde und menschlicher Respekt? Welche Rolle spielt Gewalt? Das Gespräch darüber ist ein Gespräch über das innere Selbstverständnis, von dem Aussteigende künftig ausgehen wollen und gibt auch Auskunft über die möglichen Wege und notwendigen Schritte, in einem selbst und in den neuen Beziehungen.

Wie lange dauert ein solcher Prozess?
Den kann man nicht in Stunden, Tagen und Wochen bemessen. Ich kenne viele ehemalige Nazis, die jahrelang ihre Zweifel mit sich schleppten und ihre inneren Probleme und Verstrickungen lange Zeit nicht lösen können. Die ganze Ambivalenz einer Persönlichkeit spielt eine Rolle. Die Organisation von nationalsozialistischen Kameradschaften ist vielleicht mit der einer Sekte vergleichbar. Und jetzt kommt Herr Fischer wie ein Phönix aus der Asche und erklärt einfach, er habe abgeschlossen. Ich frage: Womit? Was bewegt ihn dazu? Warum und wieso gerade jetzt? Erst wenn er sich und uns erklären kann, warum er das, was er als Nationalsozialist gedacht, gefühlt und getan hat, verwirft, kann er guten Gewissens in ein neues Leben treten. Der erste Schritt ist vielleicht getan. Der Prozess des tatsächlichen Ausstiegs geht vielleicht erst wirklich los. Ihn zu bewältigen ist ihm, Frau Drygalla und uns allen zu wünschen.

Was sagen Sie zur Diskussion über Sippenhaft?
Die Diskussion ist Firlefanz. Jedem der mit dem System Fischer in Rostock zu tun hatte, weiß eigentlich worum es geht. Auch eine junge Frau kann das sehen. Erst recht die Riege der Verantwortlichen im Innenministerium und im Sport. Das ist ja keine einfache Privatsache. Jeder weiß auch, was ein Auftritt bei Olympia persönlich und für das Land bedeutet. Der junge Frau, dem Sport und Deutschland wäre gedient gewesen im Vorfeld die Fragen offen, vor allem kompetent, möglicherweise auch unter dem Aspekt eines Ausstiegs zu besprechen und zu klären. Das hätte nicht zu Lasten der Sportlerin und des Sports gehen müssen. Leider aber leben wir lieber in einer Welt des schönen Scheins, der Wissensabstinenz, des Kompetenzgerangels und der Zuständigkeitsabweisung, um dann im Skandalfall ganz typisch zu reagieren, meist deplatziert und niveaulos.

Interview: Uli Hauser