Fakten, Zahlen, Infos Die Tradition gebietet blinden Gehorsam


Erst in der Hochzeitsnacht darf ein Mann seine Frau sehen, nur mit ein paar Tricks kann er schon vorher einen Blick auf sie werfen.
Von Verena Lugert

Wer klärt auf?

Mädchen wachsen sehr eng bei den anderen Frauen der Großfamilie auf und erhalten durch Tanten, große Schwestern oder Großmütter eine eher beiläufige Aufklärung. Es gibt unter den Frauen wenig Privatsphäre. Man spricht sehr offen, witzig und gern auch zotig über Sex - beschwert sich über bestimmte Praktiken oder den zu großen erotischen Appetit des Ehemanns. Auch bei Feiern und Familienzusammenkünften sind Gespräche mit recht deftigem Inhalt sehr verbreitet. Da kommt es dann schon vor, dass sich die Urgroßmutter einen Besenstil zwischen die Beine klemmt und ein Lied vom Ziegenbock anstimmt. In der "Hennanacht" vor der Hochzeit wird der Braut noch einmal das kommende Prozedere erklärt.

Wie lernt man sich kennen?

Sehr oft im Familienkreis - afghanische Familien sind groß, man lebt in engen Hausgemeinschaften zusammen, nicht selten heiraten Cousins Cousinen. Die traditionelle Sitte, dass Eltern die Ehe anbahnen, heißt auf Paschtu Maraka, auf Dari Chawastgari. Die Mutter des Bräutigams kommt zur Mutter der Braut und bittet beim Tee um die Hand der Tochter. Wird bei wiederholten Besuchen nur Tee und nicht auch Konfekt serviert, bedeutet das eine Absage. Einmal sehen sich die Mütter in den Badehäusern die potenziellen Schwiegertöchter an und berichten den Söhnen ausführlich. Die können nur heimlich versuchen, einen Blick auf ihre Braut zu erhaschen, zum Beispiel wenn sie bei einer Hochzeitsfeier in die Frauengemächer spicken. Mädchen, die gesehen werden wollen, drücken sich bei so einer Gelegenheit am Eingang herum oder erlauben es, dass von ihnen Fotos gemacht werden. Und für ganz fortschrittliche Familien gilt: Nach islamischem Recht ist es vertretbar, dass der Bräutigam seine zukünftige Braut kurz ohne Schleier sieht. In der Stadt hingegen dienen Facebook und SMS als Flirtwerkzeug, Kabul hat mit die höchste Handydichte der Welt, außerdem gibt es Internetcafés. An der Universität ist das Kennenlernen leichter, es gibt die Möglichkeit, sich auf dem Campus verstohlen zu zweit zu treffen. Aber: Offizielles Dating existiert in Afghanistan nicht, erst nach der Verlobung wäre es theoretisch möglich, dass ein Paar zusammen Tee trinkt.

Wie erleben Afghanen ihr erstes Mal?

Die überwältigende Mehrzahl der Afghanen hat den ersten Geschlechtsverkehr in der Hochzeitsnacht.

Wann und wie wird geheiratet?

Geheiratet werden kann ein Mädchen, wenn es eine Frau ist - das ist sie nach herrschender Meinung nach ihrer Menarche, der ersten Menstruation. 57 Prozent der Mädchen heiraten mit weniger als 16 Jahren. Die Hochzeit wird als Höhepunkt im Leben einer Frau gesehen, sie ist in sieben Schritten durchritualisiert, vom Polterabend, dem Pesch-Chori über das Pass- Chori, das Essen nach der Hochzeitsnacht, bis zum Aufräumen des Hochzeitsthrones, dem Tacht Dschami. Hochzeitsfeiern sind oft mit exorbitanten Ausgaben verbunden - eine Feier kann bis zu 10.000 Dollar kosten. Immer mehr Afghanen bleiben unverheiratet, weil sie sich das nicht leisten können. In einzelnen Gebieten haben insbesondere schiitische Mullahs Gruppenhochzeiten initiiert und Fatwas gegen allzu üppige Gelage erlassen.

Welche Rituale gibt es?

Chatna Suri oder Sunnati, die Beschneidung der Jungen. Früher war die Beschneidung der pubertierenden Knaben eine Initiation in die Gemeinschaft der Erwachsenen, sie wurde vom Dalak, dem Dorfbarbier, ohne Betäubung vorgenommen. Heute lässt man vermehrt Babys direkt nach der Geburt beschneiden, durchaus auch von einem Chirurgen im Krankenhaus. Auf dem Land gibt es aber nach wie vor die Beschneidung der Kinder im Alter von fünf oder sechs Jahren. Mädchen werden in Afghanistan nicht beschnitten. Sie haben oft unter einer anderen Sitte zu leiden: der Brautgabe zur Vergeltung eines Unrechts, Bad genannt. Verliert eine Familie beispielsweise einen Sohn durch Gewalt oder einen Unfall, kann die Familie, aus deren Mitte der Täter stammt, der Opferfamilie eine Tochter als Bad geben. Das Mädchen wird dann mit einem männlichen Familienmitglied verheiratet und tilgt so die Schuld. Was der Betroffenen meist ein elendes Dasein beschert, da die Familie des Opfers an ihr alle Trauer und Wut auslässt.

Welche Rolle spielt Prostitution?

Auf Prostitution steht die Todesstrafe, sie ist streng verboten, doch natürlich wird auch dieses Verbot mit großem Geheimhaltungsaufwand unterlaufen. Vieles läuft über Telefonnummern, die unter der Hand weitergegeben werden, so erfahren Männer Adressen von Wohnungen, die kurzfristig bezogen und schnell wieder gewechselt werden. Die Polizei ist oft an den Einnahmen beteiligt. Selbstverständlich sind auch Pornound ausschweifende Bollywoodfilme verboten, dennoch regelt, besonders in den Großstädten, die Nachfrage das Angebot.

Wie steht's mit der Treue?

Bei Ehebruch droht Männern wie Frauen die Todesstrafe, üblicherweise durch Steinigung. Verheiratete Frauen dürfen nicht einmal allein auf die Straße, wenn ihnen der Ehemann das verbietet.

Wie wird verhütet?

Am ehesten mit Kondom - 5,8 Prozent der verheirateten Frauen geben an, per Präservativ zu verhüten. Ansonsten verläuft Sex ungeschützt, Kinder gelten als großes Geschenk, auf 1000 Einwohner kommen im Jahr 46 Geburten, 7,1 Kinder gebärt eine Frau im Durchschnitt. Es gibt keine Zahlen zu HIV-Infektionen.

Ist Homosexualität akzeptiert?

Kaum ein Afghane würde sich als homosexuell bezeichnen, dennoch ist es durchaus verbreitet, dass heterosexuelle Männer Sex mit einem Mitglied des eigenen Geschlechts haben. Oft geht das Verhältnis über die sexuelle Begegnung hinaus und wird zu einer Beziehung, manchmal halten sich Männer langjährige Liebhaber. Sie sind jedoch eines nicht: homosexuell.

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