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Fall Kampusch: Hatte Priklopil Komplizen?

Der Entführungsfall Natascha Kampusch sorgt weiter für Wirbel: Angebliche "Wegschau-Befehle" bei den Ermittlungen, Gerüchte um Vernichtung von Bildmaterial und neu aufgetauchte Dokumente werfen neue Fragen auf. Besonders brisant: Es gibt angeblich Hinweise auf Mittäter. Nun äußerte sich Kampusch selber.

Für die Beamten des Wiener Innenministeriums war der morgendliche Weg zur Arbeit die letzten Tage kein Zuckerschlecken: Jeden Tag schlug ihnen die österreichische Gratiszeitung "Heute", die vor allem für die Pendler in den U- und S-Bahnen ausliegt, neue Schlagzeilen im Fall Natascha Kampusch um die Ohren. Mussten die Beamten gestern noch die Schlagzeile "Sex-Geheimnis in den Akten" verdauen, titelte "Heute" jetzt "Akte Kampusch - Die ganze Wahrheit". Kern der Artikel: Österreichische Ministerien sollen die Ermittlungsarbeiten im Fall Kampusch massiv behindert haben.

Akten zu früh geschlossen?

Der Entführungsfall Natascha Kampusch, die als Zehnjährige auf dem Schulweg gekidnappt wurde und der erst acht Jahre später die Flucht gelang, sorgte weltweit für Aufsehen und Anteilnahme. Doch schon die ersten Wochen von Natascha Kampusch in Freiheit wurden von neuen Verdächtigungen überschattet. Der stern berichtete damals als erster über Ungereimtheiten bei den Ermittlungen der Polizei (Heft 41/2006: "Neue Freiheit, neuer Verdacht").

Laut "Heute" durfte Fotomaterial des Mädchens, das in ihrem Geiselkeller im Haus des Entführers gefunden worden war, von den Ermittlern nicht ausgewertet werden. Angeblich hätten die Ermittler sogar deren Auswertung auf Befehl "von oben" stoppen müssen. Die Fahnder hätten sogar alle persönlichen Gegenstände von Natascha Kampusch, wie ihre Tagebücher, unausgewertet versiegeln müssen. Ein erkennungsdienstliches Foto von Kampusch bei der ersten Einvernahme musste laut "Heute" angeblich auf Weisung vernichtet werden. Kampusch-Anwalt Gerald Ganzger steitet dies vehement ab: "Es gibt keine Fotos, die Priklopil und sein Opfer bei abartigen Sado-Maso-Spielen zeigen." Das sei völliger Unsinn erklärte er gegenüber der "Bild".

U-Ausschuss soll Ermittlungspannen klären

Wegen dieser und weiterer Vorwürfe wurde vom österreichischen Parlament ein Untersuchungsausschuss eingesetzt, der die möglichen Pannen bei den Ermittlungen im Fall Kampusch klären soll. Dabei werden Vorwürfe gegen mehrere Ministerien untersucht. Vor allem aber berichtet "Heute", dass bislang unter Verschluss gehaltene Dokumente aufgetaucht seien, die eindeutige Hinweise auf Mittäter geben.

Demnach soll Natascha Kampusch nach ihrer Flucht am 23. August 2006 auf der Polizeiinspektion Deutsche Wagram in Niederösterreich (ca. 20 Kilometer vor Wien) von der Polizistin Sabine F. einvernommen worden sein. Das Protokoll dieser ersten Einvernahme verschwand sofort im Safe des Untersuchungsrichters. Die österreichische Zeitung berichtet nun von einer zweiten Abschrift, die die Polizistin sechs Tage später anfertigte. Brisanter Inhalt: Offenbar eindeutige Hinweise auf Mittäter des Entführers Wolfgang Priklopil.

Kampusch soll freiwilligen Geschlechtsverkehr zugegeben haben

"Heute" zitiert aus diesem Bericht: "Im Fahrzeug fragte sie (Natascha Kampusch, Anm. d. Red.) den Entführer als erstes, ob sie jetzt vergewaltigt werde. Anschließend fuhren sie in ein Waldstück und verweilten dort. Wie lange sie dort blieben gab sie nicht an. Von dort fuhren sie weiter und sie wurde anschließend in das Verlies gesteckt."

Neben weiteren Details zu ihrem Geiselleben soll die Aktennotiz aber auch folgende brisante Passage enthalten: "Von mir wurden im Anschluss daran nur drei Fragen gestellt, ob sie mit dem Entführer Geschlechtsverkehr hatte, warum sie so einen gebildeten Eindruck erweckt und ob es Komplizen gab. Sie gab dazu an, dass sie Geschlechtsverkehr hatte und diesen freiwillig mit ihm vollzog. Sie bekam von ihm Bücher zu lesen, durfte Radio hören und Videos sehen. Bezüglich Komplizen gab sie wörtlich an: 'Ich weiß keine Namen'", zitiert "Heute" den Auszug.

Existenz von Mittätern zugegeben?

Die Zeitung interpretiert diese Antwort so, dass Natascha Kampusch die Existenz von Mittätern mit keinem Wort bestreitet. In späteren Einvernahmen bestritt Kampusch dann aber jede Mittäterschaft anderer, so dass die Ermittlungen gegen unbekannte Täter am 16. November 2006 von der Staatsanwaltschaft offiziell eingestellt wurden. Die erste Niederschrift der Kampusch-Vernehmung blieb allerdings unter Verschluss. Was den Vorsitzenden der Kampusch-Kommission, Ludwig Adamovich, zur Feststellung nötigte, wonach es "irgendwie schon ein Problem" sei, dass für die Untersuchungen bestimmte Akten nicht zur Verfügung stünden und Beweismittel zum Teil nicht zugänglich wären. Die Staatsanwaltschaft Wien begründete dies am Mittwochabend mit "berechtigten Interessen von Frau Kampusch, dass bestimmte Sachen einfach nicht an die Öffentlichkeit kommen".

Ein Behördensprecher bestätigte, dass bei der Staatsanwaltschaft das ausführliche, abschließende Einvernahmeprotokoll von Natascha Kampusch einbehalten wurde: "Und wir geben das auch nicht heraus, weil wir Frau Kampusch schützen wollen. Es enthält Details über ihr Leben, und sie hat nach unserem Dafürhalten ein mehr als berechtigtes Interesse auf den Schutz ihres Privatlebens."

War Kampusch womöglich schwanger?

Dieser Ausspruch könnte auf den Inhalt einer weiteren Niederschrift gerichtet sein, aus der "Heute" zitiert. Danach habe Natascha Kampusch einem Arzt gegenüber Andeutungen auf eine möglichen Schwangerschaft gemacht.

Unterdessen äußerte sich Natascha Kampusch selbst zu den Veröffentlichungen. "Ich bin entsetzt, dass diese vertraulichen Akten in die Öffentlichkeit gelangen konnten. Ich möchte bedingungslose Aufklärung darüber, wer diese Indiskretion zu verantworten hat". So reagierte Natascha Kampusch in einer Stellungnahme, die österreichische Medien zitieren. Die aktuelle Berichterstattung markiere einen "Tiefpunkt des österreichischen Journalismus", hieß es weiter. "Es gibt keinen Hinweis auf Mittäter. Priklopil war auch laut Psychogramm der Ermittlungsbehörden ein Einzeltäter. Frau Kampusch hat keine Kenntnis von Mittätern." Es sei erschütternd, dass hier offensichtlich vertrauliche Akten bzw. Akteninhalte Medienvertretern zugespielt worden seien. Es liege der Verdacht nahe, dass hier auch ein Fall von Bruch der Amtsverschwiegenheit vorliege, heißt es in der Stellungnahme.

Die Wiener Staatsanwaltschaft begann Ermittlungen im Zusammenhang mit der Weitergabe der Informationen an die Medien wegen "Verletzung des Amtsgeheimnisses", berichten österreichische Zeitungen. Unter Verdacht stehen vor allem Mitglieder eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Fall Kampusch, der seit mehreren Wochen Zugang zu den Unterlagen hatte. Dessen Vorsitzender Peter Fichtenbauer (F) schloss aber aus, dass es eine undichte Stelle im Ausschuss gebe.

Medienrechtsexperten sprachen von einem "Verstoß gegen den höchstpersönlichen Lebensbereich von Natascha Kampusch". Ihr Anwalt Gerald Ganzger war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Karin Spitra